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Abmarsch in den Bankenturm

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Von: Steffen Herrmann

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Michael Kudisch war Offizier und arbeitet jetzt bei JP Morgan im Auslandszahlungsverkehr.
Michael Kudisch war Offizier und arbeitet jetzt bei JP Morgan im Auslandszahlungsverkehr. © Peter Jülich

Der Dienst bei der Bundeswehr ist ein Job auf Zeit - danach wartet das zivile Berufsleben. Immer mehr Unternehmen werben angesichts des Fachkräftemangels offensiv um gut ausgebildete Soldaten und Soldatinnen - darunter auch JP Morgan.

Eine Uniform ist nicht das gleiche wie ein Anzug“, sagt Michael Kudisch. Eine Sache aber, hat sich nicht verändert: Wenn der 28-Jährige morgens vor dem Schrank steht, weiß er in der Regel, was er anziehen wird. Lange war es die Uniform mit Tarndruck, an diesem Mittwoch in Frankfurt aber ist das Sakko dunkelblau. Nach einigen Jahren bei der Bundeswehr arbeitet Kudisch bei JP Morgan – Bankenturm statt Kaserne: Kudisch war Soldat, heute ist er Banker.

Rund 183 000 Soldatinnen und Soldaten leisten derzeit ihren Dienst bei der Bundeswehr. Es ist ein Job auf Zeit – nach spätestens 25 Jahren ist Schluss, oft viel früher. Gegen Ende der Dienstzeit stellen sich wichtige Fragen: Was mache ich jetzt? Wie geht es weiter? Kann ich das, was ich bei der Bundeswehr gelernt habe, irgendwie in die zivile Welt mitnehmen?

Eine schwierige Situation, an die sich auch Michael Kudisch gut erinnert: „Ich hatte große Zukunftsängste und habe befürchtet, dass Unternehmen meine Zeit bei der Bundeswehr nicht würdigen werden“, erzählt der ehemalige Soldat rückblickend. Für ihn war nach knapp sieben Jahren Schluss, „medizinische Gründe“, wie er sagt. Bis dahin war es ein typischer Werdegang in Olivgrün gewesen: Mit 20 zur Bundeswehr für den freiwilligen Wehrdienst, dann Offizierslaufbahn, duales Studium an der Bundeswehr-Universität und Dienst an zahlreichen Standorten in Deutschland.

Nach der Bundeswehr: Gute Chancen bei der Post, bei Rewe und der Bahn

Gut ausgebildet, stressresistent, Leadership-Skills: Das verkauft sich gut in der freien Wirtschaft. In Zeiten des Arbeitskräftemangels werben immer mehr Unternehmen um Soldatinnen und Soldaten. Sie haben gute Chancen bei der Deutschen Post, bei Rewe oder Amazon.

Auch Kudisch, der Betriebswirtschaft und Risiko-Management studiert hat, musste nicht lange suchen. Soldatisch präzise erzählt er: „Ich bin am 15. Mai 2021 zu JP Morgan gekommen und habe das Military Transition Program durchlaufen.“

Kudisch hatte sich auf ein Angebot der Bank beworben, das sich gezielt an ehemalige Soldatinnen und Soldaten richtet: In neun bis zwölf Monaten arbeiten sie wie Trainees in verschiedenen Abteilungen, lernen die Unternehmenskultur kennen. Wenn es für beide Seiten passt, wartet am Ende der Zeit eine Festanstellung.

Dabei werden die Soldat:innen – viele sind es nicht, eine Handvoll pro Durchgang – von Mentoren begleitet. Einer davon ist Christoph Butz, Chef des deutschen Programms, selbst Reservist und Managing Director bei JP Morgan. „Bei der Suche nach Leistungsträgern müssen wir an alle Pools ran“, sagt Butz zur Suche nach Talenten. „Und die Bundeswehr ist ein toller Pool.“ Er sieht viele Parallelen zwischen beiden Welten, aber auch einige Unterschiede: „Bei der Bundeswehr gibt es ein Schema, in dem man spricht: Lage, Auftrag, Durchführung. Das kann man so hier nicht ausdrücken.“

Berufsförderung: Weiterbildung fürs zivile Arbeiten

In den USA und Großbritannien läuft das Programm seit Jahren, hierzulande ist Michael Kudisch einer der ersten Absolventen. Seit dem 1. April 2022 arbeitet er nun fest im Frankfurter Büroturm. Seine neue Aufgabe: Die Betreuung von Kunden im Auslandszahlungsverkehr, „im Kundenservice, in meinem Fall speziell für die Schweiz“.

Nicht immer läuft es so reibungslos. Eine wichtige Rolle für alle, die den Absprung schaffen wollen, spielt der Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD). Rund 800 Menschen arbeiten dort. Ihr Job: Dafür sorgen, dass die Soldatinnen und Soldaten nach dem Ende ihrer Dienstzeit gut im zivilen Berufsleben ankommen. Im vergangenen Jahr ließ sich der Gesetzgeber die Berufsförderung insgesamt 92,23 Millionen Euro kosten.

2021 bereiteten sich laut BFD 9075 Soldatinnen und Soldaten mit einer Weiterbildungsmaßnahme auf das zivile Arbeiten vor. „94 Prozent der Arbeit suchenden Soldatinnen und Soldaten ist der erfolgreiche Sprung in das zivile Erwerbsleben gelungen“, heißt es in der Jahresbilanz der Organisation. Zum Werkzeugkasten der BFD gehört die individuelle Beratung bei der Berufswahl, man vermittelt Arbeits-, Umschulungs- oder Praktikumsplätze und erstattet die Kosten für Vorstellungsreisen oder den Umzug an einen neuen Wohnort.

Bundeswehr: Ein gern genutzter Pool für Talente

Dafür arbeitet der Berufsförderungsdienst auch mit Arbeitgebern aus der freien Wirtschaft und dem öffentlichen Dienst zusammen. „So bestehen seit 2017 unter anderem schriftliche Kooperationsvereinbarungen zwischen der Bundeswehr und der Deutsche Post AG, der Wisag und der Rewe Group“, teilt eine Sprecherin der Bundeswehr in Köln mit.

Ein anderes Beispiel ist die Deutsche Bahn. Seit 2014 kooperiert der Konzern mit dem BFD und rekrutiert gezielt Soldatinnen und Soldaten. Die Bahn muss innerhalb weniger Jahre Hunderttausende Stellen besetzen, die Bundeswehr ist ein gern genutzter Pool für Talente. Immerhin 70 ehemalige Bundeswehrangehörige hat die Bahn laut eigenen Angaben 2021 eingestellt. „Zeitsoldat:innen haben meist eine gute Berufsausbildung oder ein abgeschlossenes Studium“, sagt eine Sprecherin der Bahn. „Viele Tätigkeiten, zum Beispiel Instandhaltung von Fahrzeugen, Arbeiten im Bereich Elektronik etc., passen zur DB.“

Michael Kudisch hat es auf eigene Faust geschafft, ohne Hilfe des Berufsförderungsdienstes: Zufällig fand er das Programm von JP Morgan auf der Karriereplattform Linkedin, „und dann habe ich mich einfach beworben“. Bereut hat er es nicht; er sei froh und dankbar für das Programm, sagt Kudisch, den Übergang in die zivile Arbeitswelt habe er geschafft.

Und auch wenn es für Kudisch große Unterschiede zwischen Uniform und Anzug gibt: „Es hilft, eine Uniform getragen zu haben“, sagt er schmunzelnd. „Ich kann ohne Probleme eine Krawatte binden.“

Christoph Butz ist bei der US-Bank JP Morgan Mentor im Military Transition Program.
Christoph Butz ist bei der US-Bank JP Morgan Mentor im Military Transition Program. © Peter Jülich

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