Dieselgate

Abgasskandal: Zwei Drittel aller Diesel stoßen zu viel giftiges Stickoxid aus

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Bislang unter Verschluss gehaltene Tests des Kraftfahrtbundesamtes belegen, extrem hohe Stickoxidwerte bei einem Großteil der Dieselfahrzeuge auf deutschen Straßen.

Der Abgasskandal ist noch längst nicht vorbei. Auf Deutschlands Straßen sind noch immer Diesel-Fahrzeuge in großer Zahl unterwegs, die erheblich mehr giftiges Stickoxid als erlaubt in die Luft blasen. Das geht aus Tests des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) hervor. Bei zwei von drei überprüften Fahrzeugen wurden die Grenzwerte überschritten – häufig um ein Vielfaches.

Das KBA hatte 2015 mit der sogenannten Marktüberwachung begonnen, um herauszufinden, wie hoch die Emissionen von Stickoxid (NOx) von Dieselmotoren im realen Fahrbetrieb sind. Dafür wurden über mehrere Jahre verschiedene Fahrzeuge stichprobenartig ausgewählt und bei unterschiedlichen Wetterbedingungen getestet. Die Ergebnisse wurden weitgehend unter Verschluss gehalten. Schon vor mehr als einem Jahr wurde dem Verkehrsausschuss des Bundestages die Vorlage eines Berichts des KBA versprochen. Das steht bislang aus. Der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) hat nun die Herausgabe der Test-Ergebnisse unter Berufung auf das Umwelt-Informationsgesetz erzwungen.

Die KBA-Überprüfungen zeigen, dass von den Grenzwert-Überschreitungen fast alle namhaften Marken betroffen sind. Von Audi über BMW, Mercedes und Fiat bis zu Kia und Peugeot. Der höchste NOX-Wert wurde bei einem VW Touareg ermittelt, der zwischen 2010 und 2014 verkauft wurde. Er kam bei einem Fahrtest bei winterlichen Temperaturen auf einen Ausstoß von mehr als 3000 Milligramm NOX pro Kilometer. Für dieses SUV gilt die Abgasnorm Euro 5, die 180 Milligramm erlaubt. Dieser Wert wurde von keinem der zwölf getesteten Autos, für die dieser Standard gilt, erreicht. Wohlgemerkt haben alle diese Fahrzeuge bei den offiziellen Abgastests auf Prüfständen die vorgegebenen Werte eingehalten.

Das gilt auch für die Autos, die der strengeren Euro-6-Norm unterliegen. Sie erlaubt nur 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer. Hier hat ein Subaru Outback den Vogel abgeschossen. Er hat 2276 Milligramm in die Luft geblasen. Gefolgt vom Fiat 500x mit 1221 Milligramm. Unter den Top fünf der Negativliste sind zudem ein Audi A6 (814 Milligramm) und ein Peugeot 208 (771). Insgesamt führt der RBB 65 Euro-6-Modelle auf. Davon lagen 39 über dem Grenzwert. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Fahrverbote wegen zu hoher NOX-Werte in Städten nicht für Autos dieses Abgasstandards gelten. Die KBA-Daten könnten nun eine neue Debatte über Fahrverbote und eine Nachrüstung Euro-6-Dieselmotoren auslösen.

Auffällig an den Testergebnissen ist auch, dass neue Modelle, die den strengsten und aktuellen Abgasstandards (Euro 6C und Euro 6d-temp) unterliegen, auch im realen Fahrbetrieb unter den 80 Milligramm bleiben. Am saubersten sind der Toyota Yaris (ein Milligramm), der VW Up (vier Milligramm) sowie der VW T-Roc (sechs Milligramm). Das dürfte damit zu tun haben, dass mittlerweile ein strengeres Prozedere für Abgastests namens WLTP eingeführt wurde, das realitätsnäher ist, als das alte NEFZ-Verfahren. Dadurch wurden die Autobauer gezwungen, die Abgasreinigungssysteme umzukonstruieren, was sich offensichtlich auch auf die NOX-Emissionen positiv auswirkt.

Erste Ergebnisse der 2015 begonnenen Marktüberwachung wurden 2016 mit dem Bericht der „Untersuchungskommission Volkswagen“ publik gemacht. Danach testete das KBA weiter, regelmäßige Berichte wurden aber nicht veröffentlicht. Für 2019 wurde eine Publikation angekündigt. Sie steht bislang aus. Zugleich hat das KBA aber zahlreiche Rückruf- aktionen auf den Weg gebracht. Erst kürzlich für Hunderttausende Mercedes-Fahrzeuge mit einem Euro-5-Dieselmotor. Die Stuttgarter wollen gegen den Rückrufbescheid Widerspruch einlegen, weil sie die Abgasreinigung für rechtmäßig halten. Dahinter steckt ein unentschiedener juristischer Streit um eine Grauzone in den EU-Bestimmungen. Viele Autobauer arbeiten mit sogenannten Thermofenstern: Bei bestimmten Temperaturen wird die Abgasreinigung abgeschaltet. Hersteller berufen sich dabei auf einen Passus im Regelwerk, der dies zeitweise erlaubt, um den Motor vor Schäden zu schützen. Unklar ist aber, wie zeitweise zu verstehen ist.

Die jetzt veröffentlichten NOX-Daten bestätigen Messungen, die unter anderem die Deutsche Umwelthilfe gemacht hat. Brisant ist, dass sie von der zuständigen Behörde stammen und damit offiziellen Charakter haben. Das könnte unter anderem bei vielen Schadenersatzklagen von Dieselfahrern relevant werden. Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, betont: Die Abgastests des KBA glichen einem Geheimmanöver. Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) behindere die parlamentarische Kontrolle und lege „lieber seine schützende Hand über die Autohersteller“.

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