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Abgang mit gemischtem Fazit

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Von: Nina Luttmer

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"Ich weiß, dass wir ihnen viel abverlangt haben": Martin Blessing.
"Ich weiß, dass wir ihnen viel abverlangt haben": Martin Blessing. © REUTERS

Nach knapp acht Jahren an der Spitze verlässt Martin Blessing die Commerzbank. Immerhin kann er zum Schluss gute Nachrichten verkünden.

Eine gewisse Melancholie war Martin Blessing am Freitag anzumerken. Der Commerzbank-Chef nutzte seine letzte Bilanzpressekonferenz, um sich bei den Journalisten, bei seinen Mitarbeitern, seinem Aufsichtsrat und vor allem den Aktionären der Bank zu bedanken. „Ich bin selbst auch Aktionär und weiß, dass wir ihnen viel abverlangt haben. Dafür vielen Dank“, sagte er.

Nach knapp acht Jahren an der Bankspitze und 15 Jahren im Konzern verlässt Blessing die zweitgrößte deutsche Bank. Berufliches Ziel: Daraus macht der 52-Jährige noch ein Geheimnis. Sein Abgang könnte nun aber schnell kommen, denn schon im April will Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller seinen Nachfolger benennen.

Dass Blessing den Aktionären der Bank viel zugemutet hat, stimmt. Von daher muss die Bilanz seiner Amtszeit gemischt ausfallen. Zunächst einmal: Erstmals seit fünf Jahren verkündete die Bank am Freitag wieder einen Jahresgewinn von mehr als einer Milliarde Euro, genauer 1,062 Milliarde Euro. Das war viermal so viel wie vor einem Jahr. Dieses Ergebnis soll in diesem Jahr noch übertroffen werden.

Erstmals seit 2007 schüttet das Institut wieder eine Dividende aus. 20 Cent je Aktie erhalten die Bankeigner. Für den deutschen Staat, der noch 15,6 Prozent hält, sind das etwa 39 Millionen Euro. Die Aktie der Commerzbank schoss am Freitag in der Spitze um fast 18 Prozent nach oben. Und es gibt weitere gute Nachrichten: Die Bank gewinnt viele Neukunden – im Privatkundengeschäft sind es seit 2012 netto 819 000 –, das Privatkundengeschäft läuft, anders als bei Konkurrenten, gut, die Risikovorsorge für faule Kredite ist gering und das Institut ist beim Abbau seiner internen Bad Bank, in der Schiffs-, Immobilienkredite und Staatspapiere liegen, so gut vorangekommen, dass diese aufgelöst werden kann.

Zum Abschied kann Blessing also viele gute Nachrichten verkünden. Die auf die Öffentlichkeit umso besser wirken, da der Konkurrent Deutsche Bank in einer schweren Krise steckt. Blessing muss es am Freitag wie eine verkehrte Welt vorgekommen sein, dass Journalisten ihn mehrfach fragten, ob er nicht „Mitleid“ mit der Deutschen Bank und ihren Mitarbeitern habe – das wäre noch vor kurzem undenkbar gewesen. Da war es stets die vom Staat 2009 mit 18,2 Milliarden Euro gerettete Commerzbank, die das Sorgenkind des Bankenmarktes war – und Blessing der bemitleidenswerte Staatsbanker.

Und doch muss es langjährigen Aktionären der Bank wie eine Farce vorkommen, wenn Blessing nun mit allzu warmen Worten verabschiedet wird. Nicht nur, weil er sich am Freitag von einigen für 2016 gesteckten Zielen wie einer Eigenkapitalrendite von mehr als zehn Prozent im Kerngeschäft und einer Kostenquote von 60 Prozent verabschiedete. Sondern aus bitterer Erfahrung: 2007 hatte die Commerzbank-Aktie einen Wert von mehr als 220 Euro, derzeit sind es etwas über sieben Euro. Die Anzahl der Aktien hat sich seit 2008 fast verzwanzigfacht.

Gigantische Wertvernichtung

Für 2007 erhielten die Aktionäre noch eine Dividende von einem Euro, danach jahrelang nichts mehr. Im Jahr 2007 machte die Commerzbank noch 1,9 Milliarden Euro Gewinn – obgleich die mitten in der Finanzkrise 2009 zugekaufte Dresdner Bank da noch nicht zum Konzern gehörte. Ein Zukauf sollte Aktionären einen Mehrwert bringen, statt dessen erlebten sie, zumindest bislang, eine gigantische Wertvernichtung. Blessing wies am Freitag allerdings darauf hin, dass ein Vergleich heutiger Geschäftsergebnisse mit denen von vor der Finanzkrise „ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen“ sei – auch, da die Zinsstruktur damals eine ganz andere war.

Außerdem ist es unmöglich zu sagen, wie die Commerzbank heute ohne den Erwerb dastehen würde. „Der Kauf der Dresdner Bank war strategisch die richtige Entscheidung, aber das Timing war schlecht“, sagte Blessing am Freitag. Blessings Bilanz ist auch eng mit der Bilanz seines Vorgängers und jetzigen Aufsichtsratschefs Klaus-Peter Müller verbunden. Der brockte dem Institut 2005 den Zukauf des Staats- und Immobilienfinanzierers Eurohypo mit all seinen Risiken ein. Und er zog im Hintergrund auch die Strippen beim Dresdner-Bank-Kauf. Aktionäre können es eigentlich nur so sehen: Die Bank ist auf dem Weg der Besserung. Sie kommt aber auch von ganz tief unten. An beidem hat Blessing seinen Anteil.

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