1. Startseite
  2. Wirtschaft

Ab unter die Nordsee

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Joachim Wille

Kommentare

Ein Anlage zur Abscheidung und Speicherung von CO2.
Ein Anlage zur Abscheidung und Speicherung von CO2. © Imago

Die Unternehmen Wintershall Dea und Equinor planen ein Projekt zur Speicherung von CO2 aus deutschen Fabriken. Das Treibhausgas soll per Pipeline in leere Öl- und Gasfelder vor Norwegens Küste transportiert werden. Ein Thinktank sieht die Technologie indes kritisch.

Bei der CCS-Technologie wird das Treibhausgas unterirdisch verpresst, um es aus der Atmosphäre fernzuhalten. In Deutschland ist sie bis auf Versuchsanlagen verboten. Trotzdem dürften hiesige Industrieunternehmen CCS zukünftig nutzen können. Der Energiekonzern Wintershall Dea will zusammen mit dem norwegischen Energieriesen Equinor eine Pipeline bauen, mit der CO2 in ausgediente Erdgas- und Erdölfelder vor Norwegens Küste transportiert werden soll. Die Effektivität von CCS zur Minderung des Treibhauseffekts ist allerdings umstritten. Laut einer jetzt erschienenen Studie hält die Technologie jedoch oft nicht, was sie verspricht.

Wintershall Dea und Equinor machten ihr Projekt vergangene Woche publik: Die Partnerschaft solle „Deutschland, den größten CO2-Emittenten in Europa, und Norwegen, das über das höchste CO2-Speicherpotenzial in Europa verfügt, miteinander verbinden“. Konkret wollen die beiden Konzerne bis spätestens 2032 eine 900 Kilometer lange Pipeline von der norddeutschen Küste zu den unterirdischen Speichern vor den norwegischen Küstenstädten Bergen und Stavanger verlegen. Hinzu kommt ein Pipeline-Netz an Land, mit dem das CO2 von Fabriken zur Küste gebracht wird. Laut der Ankündigung könnten der Transport und die unterirdische Lagerung allerdings auch schon früher starten. Das CO2 würde dann bis zur Fertigstellung der Pipeline per Schiff transportiert.

Treibhausgas: Der Weltklimarat hält CCS für nötig

Gedacht ist das CCS-Projekt für Emissionen aus der Industrie, die auch längerfristig nicht vermeidbar sind – also etwa aus der Zement-, Stahl- und Düngerproduktion. Die Pipeline soll eine Transportkapazität von jährlich 20 bis 40 Millionen Tonnen CO2 haben, was etwa 20 Prozent der gesamten deutschen Industrieemissionen im Jahr entspricht. Das norwegisch-deutsche Projekt, genannt „NOR-GE“, habe das Ziel, „einen entscheidenden Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen in Europa zu leisten“, kündigten die Konzerne an, die beide im Erdgas- und Erdöl-Geschäft tätig sind.

CCS steht für „Carbon Capture and Storage“, also: Kohlenstoff-Abscheidung und -Lagerung. In Deutschland führten Bedenken wegen möglicher Leckagen, künstlicher Erdbeben und Risiken fürs Grundwasser nach Bürgerprotesten zu einem Quasi-Verbot der Technologie. Versuchsanlagen wurden daraufhin gestoppt. Der Weltklimarat IPCC hält CCS freilich für nötig, um das 1,5-Grad-Limit der Erderwärmung einhalten zu können.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre hatten bei einem Scholz-Besuch Mitte August angekündigt, die „Energiepartnerschaft“ beider Länder auszubauen. Dabei sprach er nicht nur Erdgas und Erdöl an, sondern auch CCS. Die Technologie sei „faszinierend“, sagte er, äußerte sich aber nicht dazu, ob die CO2-Speicherung auch in Deutschland selbst genutzt werden soll. Norwegen liefert inzwischen fast 40 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases und ersetzt damit einen Teil des Gases, das bisher aus Russland kam.

Treibhausgas: Projekte zur Speicherung erreichen nicht ihre Ziele

Ein US-Thinktank dämpft unterdessen die Erwartung an die CCS-Technologie, besonders, was den Energiesektor angeht. Das „Institute for Energy Economics and Financial Analysis“ (IEEFA) aus Detroit hat 13 Projekt untersucht, in denen sie bereits genutzt wurde oder wird, unter anderem in den USA, Australien, Kanada und Norwegen. Danach haben sieben dieser Projekte nicht die erwarteten Ergebnisse erzielt, zwei sind gescheitert und eines wurde eingemottet. „Nur eine Handvoll hat funktioniert“, sagte Studien-Autor Bruce Robertson. Darunter seien zwei in Norwegen.

CCS-Projekte würden große finanzielle und technologische Risiken bergen, analysiert das Institut. Fast 90 Prozent der für den Energiesektor vorgeschlagenen CCS-Kapazitäten seien bereits in der Umsetzungsphase gescheitert oder frühzeitig eingestellt worden. Das allgemein geforderte Ziel einer Minderung der Emissionen um 90 Prozent sei in der Praxis nicht erreicht worden.

Das IEEFA-Team kommt zu dem Schluss, es bestehe ein großes Risiko, dass Regierungen sich zu sehr auf eine unerprobte Technologie verlassen oder CCS als Argument für die Verlängerung der fossilen Energieerzeugung genutzt wird. Die Technologie sei kein Weg, um die hohen globalen Treibhausgas-Emissionen in den Griff zu bekommen.

Eine Ausnahme machen die Expert:innen allerdings für Industriebranchen, in die Emissionen schwer zu reduzieren sind, wie etwa Zement. Hier könne CCS „als Zwischenlösung zur Erreichung der Netto-Null-Ziele“ beim CO2-Ausstoß in Betracht gezogen werden. Damit könnte das norwegisch-deutsche Projekt also durchaus Sinn machen.

Auch interessant

Kommentare