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700 000 Wohnungen fehlen

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Von: Anna Laura Müller

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Die Inflation sowie Lieferengpässe treiben die Kosten für den Wohnungsbau stark in die Höhe
Die Inflation sowie Lieferengpässe treiben die Kosten für den Wohnungsbau stark in die Höhe © Michael Gstettenbauer/Imago

Bündnis aus Mieterbund, Baugewerkschaft, Sozial- und Branchen-Verbänden der Bauwirtschaft schlagen Alarm für bezahlbaren Wohnraum. Es spricht von der größten Not im sozialen Wohnungsbau seit 20 Jahren und fordert Sondervermögen von 50 Milliarden Euro.

Jedes Jahr 400.000 neue Wohnungen zu bauen hatte sich die Ampel-Koalition für die laufende Legislaturperiode vorgenommen. 100 000 davon im sozialen Wohnungsbau. Laut Zentralverband des Deutschen Baugewerbes liegt die Zahl der Neubauwohnungen für das Jahr 2022 bei nur etwa 280 000. Und auch der Bau von Sozialwohnungen hinkt mit 20 000 dem gesetzten Ziel hinterher. Das Bündnis „Soziales Wohnen“ hat diese Zahl am Donnerstag im Zuge einer Studie veröffentlicht und fordert deswegen unter anderem ein Sondervermögen von 50 Milliarden Euro für sozialen Wohnungsbau.

Das Bündnis aus Mieterbund, Baugewerkschaft, Sozial- und Branchen-Verbänden der Bauwirtschaft hatte beim Pestel-Institut und beim Bauforschungsinstitut ARGE eine Wohnungsbau-Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse am Donnerstag vorgestellt wurden. Das Institut spricht von einem „Rekord-Wohnungsmangel“ und geht von insgesamt 700 000 fehlenden Wohnungen aus. Das sei das größte Wohnungsdefizit seit mehr als zwanzig Jahren. Laut Lukas Siebenkotten, Präsident des Deutschen Mieterbunds, sei das aber nicht allein Schuld der Bundesregierung. Der Ukraine-Krieg sei hierbei nicht vorhersehbar gewesen.

Die Studienergebnisse zeigen ein Zusammenspiel von zunehmender Zuwanderung von vor allem Geflüchteten aus der Ukraine und gleichzeitig zu langsamen Bautempo, was die Situation am Wohnungsmarkt verschärft. Um aber in Zukunft dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, bräuchte es auch weiterhin sehr starke Zuwanderung, so Matthias Günther, Leiter des Pestel-Instituts. Es müsse davon ausgegangen werden, dass auch zukünftig mehr Menschen in Deutschland leben und wohnen werden, die Zahl der Haushalte werde steigen. „Bei dem Bedarf, den wir an Arbeitskräften haben, können wir nicht nur damit werben, dass wir diese Arbeitsplätze haben, sondern wir müssen die Menschen auch unterbringen“, so Harald Schaum, Stellvertretender Bundesvorsitzender von IG Bau. Ein Dach über dem Kopf zu haben, sei eines der zentralsten Bedürfnisse des Menschen.

Aber nicht nur für Menschen, die erst noch nach Deutschland kommen stellt der Wohnungsmarkt laut des Bündnisses eine Herausforderung dar. Die Lage für die Menschen, die bereits jetzt bezahlbaren Wohnraum suchen, habe sich verschlechtert. Mehr als elf Millionen Mieterhaushalte haben laut dem Bündnis Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein und somit auf eine Sozialwohnung. Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund stellt klar, dass nur ein Zehntel davon derzeit auch in einer solchen leben könne. Man müsse hier in ganz großem Maße investieren.

Das Bündnis fordert deswegen ein Sondervermögen von 50 Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau. Es orientiert sich dabei an den Sondervermögen, die die Bundesregierung bereits für die Bundeswehr oder den Klimaschutz ins Leben gerufen hat. Für den Neubau der fehlenden 380 000 Sozialwohnungen sei das erforderlich, um damit bis 2025 dem politisch selbst gesetzten und bedarfsgerechten Ziel der durchschnittlichen Errichtung von 100 000 neuen Sozialmietwohnungen im Jahr in der laufenden Legislaturperiode gerecht zu werden. Drei Viertel davon solle der Bund aufbringen, den Rest die Länder.

Außerdem fordert das Bündnis eine Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 auf sieben Prozent für den sozialen Wohnungsbau. Harald Schaum spricht von einem „Juckreiz“, den das Bündnis erzeugen wolle. Eine durchschnittliche Sozialwohnung mit 60 Quadratmetern wäre bei der vorgeschlagenen Senkung der Mehrwertsteuer um über 20 000 Euro günstiger zu bauen. Neben einer schnelleren Bearbeitung von Förderanträgen und dem Fokus auf Bauüberhang, also genehmigte, aber noch nicht fertiggestellte oder begonnene Bauprojekte, fordert das Bündnis ein Wohnungskontingent für benachteiligte Bevölkerungsgruppen.

„Eine echte soziale Wende“, nennt das Janina Bessenich, Geschäftsführerin von der Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP). Schon jetzt seien Menschen mit Behinderungen beispielsweise quasi vom Wohnungsmarkt ausgeschlossen. Deswegen fordert sie, dass zehn Prozent der Sozialwohnungen speziell an Menschen mit Behinderung und andere benachteiligten Gruppen gehen. Auch müsste im Zuge dessen festgelegt werden, dass derselbe Anteil an Sozialwohnungen barrierefrei gebaut wird.

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