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Jeder vierte Fernzug war 2018 verspätet.

Deutsche Bahn

53,6 Millionen für zu späte Züge

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Die Bahn zahlt höhere Entschädigungen. Das EU-Parlament fordert Anhebung.

Ein paar Minuten Verspätung und der Anschlusszug ist weg. Schon wartet man eine Stunde oder länger auf dem Bahnsteig, bis die Reise weitergehen kann. Wegen solcher Ärgernisse zahlt die Bahn ihren Kunden immer höhere Entschädigungen. 2018 waren es im Nah- und Fernverkehr insgesamt 53,6 Millionen Euro. Im Jahr zuvor ließen sich Bahn-Kunden „nur“ 34,6 Millionen Euro erstatten.

2,7 Millionen Menschen füllten 2018 das Fahrgastrechte-Formular aus, ein Drittel mehr als 2017. Die durchschnittliche Entschädigungssumme stieg von 19 auf 20 Euro. Ab einer Stunde Verspätung steht Reisenden eine Rückerstattung von 25 Prozent des Fahrpreises zu, bei mehr als zwei Stunden ist es bereits die Hälfte. Bisher müssen die Kunden dazu ein Formular ausfüllen und innerhalb eines Jahres in einem DB-Reisecenter einreichen. Karl-Peter Naumann vom Fahrgastverband „Pro Bahn“ fordert, das Prozedere müsse künftig auch komplett online möglich sein. „In Zeiten, in denen viele Menschen ein Online-Ticket buchen, sollte das selbstverständlich sein.“

Das Europaparlament hat vor kurzem gefordert, die Kriterien für Entschädigungen zu lockern. So soll bereits ab einer Stunde Verspätung die Hälfte des Fahrpreises als Entschädigung fällig werden, ab eineinhalb Stunden dann drei Viertel. Bei mehr als zwei Stunden soll nach dem Willen der EU-Parlamentarier der volle Preis erstattet werden.

Nicht mehr auf höhere Gewalt berufen

„Pro Bahn“ begrüßt diese Forderung grundsätzlich. „Wir wollen Entschädigungen auf einem möglichst hohem Niveau“, so Naumann. Allerdings sei der Wettbewerb insgesamt nicht fair geregelt. „Das muss sich ändern.“ Denn anders als etwa Fluggesellschaften darf sich die Deutsche Bahn bei Verspätungen nicht auf „höhere Gewalt“ berufen. Ob der Zug auf Grund eines Unwetters, eines Selbstmordes auf den Gleisen oder eines technischen Defekts Verspätung hatte, spielt für die Entschädigung keine Rolle. „Das ist klare Wettbewerbsverzerrung“, kritisiert Naumann.

Daniela Kluckert (FDP), Vize-Vorsitzende des Verkehrsausschusses im Bundestag, sagt: „Die Verspätungen bei der Bahn sind wirklich uferlos geworden. Deshalb ist es richtig, bei Verspätungen Druck auf den Monopolisten auszuüben. Das muss auch finanziell weh tun, sonst gibt es keinen Anreiz, etwas zu ändern.“ Statt aber Entschädigungen für einzelne verspätete Züge zu zahlen, favorisiert Kluckert ein Modell, dass auf den gesamten Reiseweg blickt. Ähnliches fordert auch „Pro Bahn“.

So wird es in der Schweiz praktiziert. Dort können Kunden unkompliziert eine Entschädigung für verpasste Anschlüsse oder Hotel-Aufenthalte geltend machen. Kluckert: „Wenn man Reisende zum Zugfahren animieren will, muss man Unsicherheiten bei Entschädigungen beseitigen.“

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