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VW wird bis zu 18 Milliarden Euro für Straf- und Schadenersatzzahlungen aufbringen müssen, Martin Winterkorn ficht das nicht an. (Archivbild)

VW-Chef Martin Winterkorn

3100 Euro am Tag – bis ans Lebensende

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„Ein gnadenloser Egoist“: Der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn gerät wegen seiner hohen Bezüge in die Kritik.

Er führte das Unternehmen in 17 Jahren aus der Verlustzone und machte es zu einem der profitabelsten Autobauer weltweit. Der Börsenwert stieg in dieser Zeit um das 80-Fache. Unter Deutschlands Vorstandschefs galt er als der Star, bis ein Manipulationsskandal seiner Karriere ein abruptes Ende bereitete. Er trat vom Posten des Vorstandsvorsitzenden zurück, kassierte eine üppige Abfindung – und ließ sie zu großen Teilen gemeinnützigen Zwecken zukommen: Mit 25 Millionen Euro wurde eine Stiftung für eine „sozial gerechte Entwicklung an allen Unternehmensstandorten“ ins Leben gerufen, 1,5 Millionen Euro flossen zu gleichen Teilen an drei Vereine zur Unterstützung in Not geratener Journalisten, je fünf Millionen Euro erhielten zwei Stiftungen für benachteiligte Familien und Jugendliche. Als Wendelin Wiedeking 2009 bei Porsche wegen des Verdachts der Marktmanipulation seinen Abschied nahm, gab es zwar Kritik an der 50 Millionen Euro schweren Abfindung; aber auch Lob für sein soziales Engagement.

Gut sechs Jahre später muss ein weit mächtigerer Vorstandschef wegen eines noch weit größeren Skandals den Hut nehmen: In Folge des Abgasbetrugs bei VW tritt Martin Winterkorn am 23. September 2015 als Vorstandschef zurück. Auch er erhält im Anschluss beträchtliche Summen: Sein Grundgehalt in Höhe von 1,6 Millionen Euro pro Jahr bleibt ungeschmälert, im Sommer 2016 gibt es überdies eine Bonuszahlung über 4,1 Millionen Euro, Ende des Jahres kommen nochmals 1,7 Millionen hinzu. Damit ist es im neuen Jahr zwar vorbei. Dafür aber bezieht Winterkorn seit dem 1. Januar eine VW-Betriebsrente in Höhe von 3100 Euro – pro Tag, bis ans Lebensende, plus Dienstwagen. Von Absichten des einst mächtigsten deutschen Managers, einen Teil dieser Summen gemeinnützigen Zwecken zukommen zu lassen, ist nichts bekannt. Ebenso wenig vom Verzicht auf ein Drittel der Boni-Zahlungen, zu dem sich die heutigen VW-Vorstände bis 2019 verpflichtet haben.

Nicht allein dies macht Winterkorn einmalig. Verglichen mit dem Fall Wiedeking sind auch Dimension und Konsequenzen der Skandale, die jeweils zum Rücktritt führten, nicht vergleichbar. Bei Wiedeking ging es um die Vorwürfe der Marktmanipulation und die Weitergabe von Insiderwissen im Zusammenhang mit der Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW, die die Wolfsburger schließlich für sich entschieden. Porsche ist seither ein Teil des VW-Imperiums, und zwar ein weiterhin erfolgreicher. Viel gravierender sind die Folgen des VW-Abgas-Skandals unter der Regentschaft Winterkorns: Der Konzern wird bis zu 18 Milliarden Euro für Straf- und Schadenersatzzahlungen aufbringen müssen, wobei – möglicherweise erfolgreiche – Kundenklagen in Deutschland und der EU noch gar nicht berücksichtigt sind. Viele tausend Arbeitsplätze werden abgebaut, von 30.000 Stellen weltweit ist die Rede. Ob und wie der Konzern die Belastungen verkraftet, ist längst nicht klar.

Eine kaum kalkulierbare, aber fraglos beträchtliche Rolle dürfte dabei der Imageschaden für den Konzern spielen. Und an dieser Stelle kommt erneut Winterkorn ins Spiel. Hätte er nicht zumindest einen Teil der Zahlungen für gute Zwecke spenden können? Für eine bessere Ausstattung von Kitas, Hilfsangebote für Schulabbrecher oder Jugendzentren in Castrop-Rauxel? „Ein normaler Mensch würde sich sicher Gedanken darum machen, wie man mit dem vielen Geld Gutes tun könnte, aber Winterkorn ist nicht so gestrickt“, sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Uni Duisburg-Essen. Winterkorn bewege sich in einer „ganz eigenen Welt, in der sich alles um ihn dreht“. Der Ex-Manager sei „ein gnadenloser Egoist, der nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist“.

Auch in der Politik verursacht das Gebaren des ehemaligen Topmanagers Kopfschütteln. „Es wäre angesichts seiner Mitverantwortung für den Abgasskandal sicher nicht zu viel verlangt, wenn Winterkorn wenigstens auf die Altersbezüge verzichten würde oder sie einem guten Zweck zukommen ließe“, findet Brigitte Pothmer, arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag. Zumal man um das materielle Wohl Winterkorns nicht besorgt sein muss. Allein im Geschäftsjahr 2011 erhielt er 17,456 Millionen Euro – so viel wie kein anderer Vorstand in Deutschland jemals.

Dudenhöffer sieht aber nicht allein Winterkorn im Feuer: „Die Kernfrage ist doch: Wer hat diesen Vertrag gemacht, von dem Winterkorn jetzt profitieren kann?“ Die Antwort liefert der Hochschullehrer gleich mit: der VW-Aufsichtsrat. Dort sitzen nicht nur Arbeitgebervertreter, sondern auch zwei Vertreter der niedersächsischen Landesregierung, Gesamtbetriebsratschef Bernd Osterloh sowie acht weitere Arbeitnehmervertreter, darunter traditionell der Vorsitzende der Gewerkschaft IG Metall. Zusammen stellen die Landesregierung und die Arbeitnehmervertreter sogar die Mehrheit in dem 20-köpfigen Kontrollgremium. „Das sind ja keine geldgierigen Kapitalisten, die den Vertrag mit Winterkorn geschrieben oder zumindest gut geheißen haben“, sagt Dudenhöffer mit hörbarerer Fassungslosigkeit.

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