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Arbeiten für einen Hungerlohn: Näherinnen in Bangladesch.
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Arbeiten für einen Hungerlohn: Näherinnen in Bangladesch.

Ausbeutung Textilindustrie

Die 12-Cent-Frage

Wer 16 Euro für eine Hose zahlt, kann sicher sein, dass dafür Arbeiter ausgebeutet wurden. Aber auch teurere Kleidung wird selten fair produziert. Das zu ändern ist nicht unmöglich.

Von Jutta Maier

Hoffnung auf Überlebende gibt es inzwischen nicht mehr. Deshalb kommen nun Kräne zum Einsatz, um die Trümmer des achtstöckigen Gebäudes in Savar wegzuräumen, einem Vorort von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka. Tagelang hatten die Einsatzkräfte nach dem Einsturz am Mittwoch nach Überlebenden gegraben. 382 Tote wurden bei dem Unglück bisher bestätigt, es könnten aber noch deutlich mehr werden: Schließlich sollen in dem teilweise illegal errichten Gebäude zum Zeitpunkt des Unglücks mindestens 3000 Menschen in fünf Fabriken gearbeitet haben.

Die britische Textilkette Primark und das spanische Unternehmen haben bereits eingeräumt, dass sie Aufträge in dem zerstörten Gebäude fertigen ließen. In der Vergangenheit ließen auch C&A, NKD sowie der mittelständische Sportartikelhersteller Medico aus Quakenbrück hier produzieren.

Alle haben dieselben Lieferanten

Wie nach früheren, ähnlich tragischen Unglücken wird die Frage nach den Schuldigen gestellt. Sind es die Kunden, die T-Shirts für 2,50 Euro kaufen? Sind es die Unternehmen, die die Niedriglöhne in Südostasien gnadenlos ausnutzen? Oder sind es Regierungen wie die in Bangladesch, denen es nicht gelingen will, Gesetzesverstöße zu Brandschutz und Arbeitsnormen zu ahnden und die Löhne zu erhöhen?

Das Problem ist komplex, eine einfache Lösung gibt es nicht. Natürlich hat der Kunde durch sein Einkaufsverhalten Macht. Doch oft ist es mit dem Verantwortungsbewusstsein nicht so weit her. Die schrecklichen Bilder und die guten Vorsätze sind schnell wieder vergessen. Zu verlockend sind die Billigangebote in den Fußgängerzonen und Kaufhäusern.

Zugegeben: Wer fair hergestellte Kleidung kaufen will, dem wird es nicht leicht gemacht. Der Preis gibt keinen Hinweis auf die Produktionsbedingungen. Markenhersteller und Discounter lassen in den selben Fabriken fertigen. Zwar kann man davon ausgehen, dass eine Jeans für 16 Euro nicht unter fairen Bedingungen hergestellt wurde. Gibt man das Fünffache aus, hat man aber auch keine Garantie dafür.

Ein Label, das nicht nur umwelt-, sondern auch sozialverträglich hergestellte Mode deklariert, existiert nicht. Am weitesten geht die Non-Profit-Organisation Fair Wear Foundation, die sich für humane Arbeitsbedingungen in der Bekleidungsindustrie einsetzt. Immerhin 13 Mitgliedsunternehmen hat sie in Deutschland, darunter Outdoormarken wie Jack Wolfskin, aber auch den Discounter Takko. Doch selbst sie kann nicht für faire Kleidung garantieren: Die Mitglieder sagen bloß zu, an besseren Bedingungen zu arbeiten und lassen ihre Zulieferer unangekündigt kontrollieren.

30 Euro Mindestlohn im Monat

Bedienen die Unternehmen also nur die Nachfrage nach billiger Kleidung? So einfach sollte man sie nicht aus der Verantwortung lassen. Klar ist, dass sich das Rad nicht zurückdrehen lässt. Seit jeher wird Kleidung dort produziert, wo es billig ist. Bangladesch ist derzeit in dieser Hinsicht nicht zu toppen. Das Land ist nach China der zweitgrößte Exporteur von Kleidung. Der gesetzliche Mindestlohn in Bangladesch liegt bei umgerechnet 30 Euro im Monat, laut Statistischem Bundesamt liegt der Einfuhrpreis einer Jeans aus Bangladesch in Deutschland bei knapp sieben Euro. Das Land ist von seiner Textilindustrie abhängig. Sie steht für 75 Prozent der Exporterlöse und gibt 3,5 Millionen Menschen Arbeit – vor allem Frauen, die häufig die ganze Familie ernähren. Diesen Menschen gegenüber tragen die Konzerne eine Verantwortung, der sie immer noch erschreckend wenig gerecht werden.

Etwa, wenn es um die Löhne geht. Die Textilketten sperren sich dagegen, einen Existenzlohn zu zahlen, von dem eine asiatische Arbeiterin bei einer 48-Stunden-Woche eine Familie ernähren kann. In Bangladesch müsste eine Näherin viermal so viel bekommen wie derzeit. Selbst wenn man den Monatslohn in Bangladesch nur verdoppeln würde, würde ein Kleidungsstück lediglich um zwölf Cent teurer, wie Organisationen errechnet haben. Das liegt daran, dass der Anteil der Lohnkosten gerade ein bis drei Prozent des Endverkaufspreises ausmacht. Der Löwenanteil geht für Ladenmiete und Werbung sowie Lohnkosten in Deutschland drauf.

Für die Konzerne wäre eine Lohnverdoppelung für die Näherinnen also verkraftbar. Wahrscheinlich würden auch viele Kunden einige Cent mehr bezahlen, wenn sie dafür auf faire Produktionsbedingungen vertrauen könnten. Eine weitere Ausrede der Textilketten ist, dass sie nicht gewährleisten können, dass höhere Preise auch in Form von höheren Löhnen bei den Arbeitern ankommen. „Die Unternehmen müssen sich Lieferanten aussuchen, die bereit sind, höhere Löhne zu zahlen“, sagt dazu Gisela Burckhardt von Femnet, einer Trägerorganisation der Kampagne für Saubere Kleidung. „Alternativ könnten sie auch in einen Fonds einzahlen.“ Und nicht zuletzt müssten die Unternehmen die Zeitvorgaben bei den Aufträgen so gestalten, dass sie ohne permanente Überstunden zu bewältigen sind. Denn der hohe Preis- und Zeitdruck führe zwangsläufig zu Überstunden und der Auslagerung an Subunternehmen, die sich jeglicher Kontrolle entziehen.

Stattdessen schieben die Unternehmen lieber den nationalen Regierungen die Verantwortung zu. Hier sind allerdings kaum Fortschritte zu erwarten: Die Regierung in Bangladesch befürchtet, dass steigende Löhne zu einer Abwanderung der Produktion führen könnte. Hinzu kommt, dass die rechtsstaatlichen Strukturen nur schwach ausgebildet sind – Fabrikbesitzer, die sich nicht an Brandschutzauflagen halten, kommen häufig ohne Strafen davon. Dass sich trotzdem viel ändern lässt, zeigt das Beispiel China: „Kein anderes Land hat so viele gesetzliche Verbesserungen durchgesetzt“, sagt Bettina Musiolek vom Ostwind-Institut. Schließlich können auch Produktivität, Verlässlichkeit, hohe Qualität und faire Bedingungen auf dem globalen Markt ein Standortvorteil sein.

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