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Mit Begeisterung dabei: Kinder, Betreuer und Verantwortliche der Sportvereinigung Eberstadt.

Schlappekicker-Preis 2015

„Kein Kind wird weggeschickt“

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Bunte Vielfalt in der Fußballabteilung der Sportvereinigung Eberstadt, die den Schlappekicker-Preis erhält

Die Kleinen sind begeistert. Da schießt einer aufs Tor, ein anderer hechtet nach der Kugel, kann sie aber nicht mehr abfangen, der Ball liegt in den Maschen. Weiter geht’s unter lautem Geschrei der Kinder, die mit wahrem Feuereifer bei der Sache sind. Fußball macht halt enorm viel Spaß, den Großen wie den Kleinen.

Mit dabei sind auch die Jugendlichen, die ihre Freizeit hauptsächlich auf dem Fußballplatz verbringen, bis zu 36 Stunden im Monat. Das ist für 15-Jährige nicht unbedingt selbstverständlich, nicht so aber für die Jungs von der Fußballabteilung der Sportvereinigung Eberstadt. Warum sie hier als Jugendbetreuer arbeiten, ist ganz einfach zu erklären: „Weil’s Spaß macht.“ Auch dann, wenn es, wie in diesem Augenblick, dunkel ist und regnet? „Auch dann.“

Dass sie alle hier mitmachen, ist für den Verein ein Riesengewinn. Immerhin gilt es, etwa 400 Kinder aus unterschiedlichen Nationen zu betreuen. Ja, es geht bunt zu in Eberstadt, es scheint fast so, als wäre die halbe Welt auf dem Sportgelände der Sportvereinigung zu Hause. Tatsächlich nehmen die Mitgliederzahlen ständig zu, allein in diesem Jahr haben sich 90 Kinder neu angemeldet. Viel Arbeit also für die Verantwortlichen, die sich über eine ganz besondere Hilfe freuen können: „Es ist gut, dass sich viele junge Leute hier bei uns engagieren“, sagt Karl-Heinz Dächert, der Vorsitzende der Fußballabteilung, die heute Abend im Frankfurter Römer den mit 5000 Euro dotierten Schlappekicker-Preis der Frankfurter Rundschau erhält.

Gerade in Darmstadt-Eberstadt sei die Situation „etwas problematisch“, sagt Dächert, teilweise herrschten in den einzelnen Wohngebieten „große Unterschiede“. Weil viele Menschen in dem ständig wachsenden Stadtteil mit Existenzängsten zu kämpfen haben, bemüht sich der Klub schon seit Jahren mit großem Einsatz um Kinder aus sozialen Brennpunkten: „Unsere Hauptaufgabe besteht darin, soziale Integrationsarbeit zu leisten.“ Das ist nur zu schaffen, wenn alle anpacken, der Vorstand genauso wie die Trainer, die Eltern und eben auch die Jugendlichen.

Denn eins ist klar: Die Übungsleiter alleine können die vielfältigen Aufgaben nicht bewältigen. Deshalb hat der Klub vor drei Jahren das Konzept mit den Jugendtrainern begonnen. „Die sind alle mit viel Herz dabei. Das ist großartig“, sagt Jugendleiter Günter Schmitt. Dieses Engagement ist aber auch nötig, um noch weitere Aufgaben lösen zu können. Schon seit geraumer Zeit werden nämlich beim SV Eberstadt allein angereiste Flüchtlinge in den Trainingsalltag eingebunden, vor allem aber auch bei Behördengängen und der Wohnungssuche unterstützt. Das alles war schon schwierig genug, doch in diesem Jahr hat sich die Zahl der Flüchtlinge bekanntermaßen noch einmal deutlich erhöht. So sind in diesem Jahr etwa 200 Flüchtlinge in Darmstadt angekommen, aus Syrien genauso wie auch aus Afghanistan, Pakistan, Eritrea, dem Irak und vielen anderen Ländern.

Das schafft eine Menge Probleme, die nicht so einfach zu lösen sind. Gerade nach den Anschlägen von Paris hat sich der Wind gedreht. Diesem Stimmungswandel gelte es, einen Riegel vorzuschieben, sagt Dächert, der besonders den aggressiven Ton anprangert, den viele Politiker derzeit anschlagen: „Dieser Sprachgebrauch muss vermieden werden.“ Natürlich müssten gerade in dieser Zeit auch alle ernsthaft darüber nachdenken, was die Aufgabe eines Sportvereins sei. Für die Sportvereinigung liegt die Antwort auf der Hand: „Wir müssen die Kinder integrieren“, so Dächert.

Tatsächlich spricht das Motto des SV Eberstadt eine deutliche Sprache: „Kein Kind wird weggeschickt“, sagt Schmitt. Dies haben die Eberstädter auch bei ihrem Anfang Oktober ausgerichteten Flüchtlingsfest bewiesen, bei dem Flüchtlingskinder im Alter von fünf bis acht Jahren zusammen mit ihren Eltern, die in der Starkenburgkaserne in Darmstadt wohnen, sich mal so richtig austoben konnten. Auch viele Freundschaften wurden geschlossen. Besonders beliebt waren die dort gemachten Bilder. „Viele haben gar keine Familienfotos mehr“, sagt Ellen Lewis, die als Fotografin damals geknipst hat. „Viele wollten gerne Fotos haben, das war sehr berührend.“

In solchen Fällen zeigt sich, dass die Fußballabteilung tatsächlich so etwas wie „eine große Familie“ ist, wie sie vom SVler Robert Bopp bezeichnet wird. Viele Nationen sind vertreten, sprachliche Barrieren gibt es so gut wie keine, es wird arabisch gesprochen, genauso wie türkisch, griechisch, somalisch oder englisch. „Wir öffnen uns für alle, wir sperren uns niemandem“, sagt Bopp. Doch natürlich stößt ein Verein wie der SV Eberstadt, der dieses Engagement vor allem mit Hilfe von Zuschüssen und Spenden bewältigt, irgendwann an seine Grenzen. Doch Dächert bleibt Optimist und sagt in Anlehnung an ein Wort der Kanzlerin: „Es ist zu schaffen.“

Wenn einer dazu beitragen kann, dann wohl am besten ein Fußballverein. Denn auf dem Rasen funktioniert die Integration so gut wie an kaum einem anderen Ort. Auf dem Gelände der Sportvereinigung Eberstadt merkt man das immer wieder. Wenn hier die Kinder aus den unterschiedlichen Nationen zusammenkommen, herrscht eine Atmosphäre, wie sie schöner und bunter kaum sein könnte. Kein Wunder, dass die Kleinen mit Feuereifer bei der Sache sind. Ihre Begeisterung ist ansteckend.

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