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Erfolgreich am Ball: die Reha-Kicker aus Oberrad.

Schlappekicker-Preis 2010

Gemeinsam Tore schießen

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Das Integrationsprojekt des Frankfurter Turnvereins und des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten wurde 2010 mit dem Schlappekicker-Preis ausgezeichnet.

So ein Projekt habe es noch nicht gegeben. „Wir hoffen, dass wir vielleicht so etwas wie eine Vorreiterrolle spielen können“, sagt Aleksandra Dominiak vom Frankfurter Verein für soziale Heimstätten (FV), der zusammen mit dem Frankfurter Turnverein 1860 (FTV) ein außergewöhnliches Programm auf die Beine gestellt hat. Mit ihrer richtungweisenden Aktion wollen sie dazu beitragen, die vom FV betreuten Klienten in den normalen Sportbetrieb zu integrieren. „Für uns war sofort klar: Diese Kooperation müssen wir machen“, so FTV-Vorsitzender Gerd Kindleben.

Nur ein Jahr nach dem Start des Projekts wird die überaus erfolgreiche Arbeit der beiden Vereine fast folgerichtig auch von der Schlappekicker-Aktion der Frankfurter Rundschau gewürdigt, die ihnen den diesjährigen Schlappekicker-Preis zuerkannt hat. Die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung, die seit mittlerweile zwölf Jahren sowohl Vereine als auch Einzelpersonen für vorbildliches soziales Engagement im Sport belohnt, wird heute Abend im Frankfurter Römer verliehen.

Als lokale Organisation der Sozialarbeit ist der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten auf drei Gebieten tätig: Mit seinen 40 Einrichtungen kümmert er sich um psychisch kranke Menschen, um Frauen in Notsituationen und Menschen, die kein Obdach haben. Außer Arbeits- und Wohnmöglichkeiten bietet der FV seinen Klienten auch psychosoziale Betreuung und ambulante Dienste an. Dabei orientiert sich der FV immer an den Bedürfnissen seiner Kunden, die durch die Einbindung in ein soziales Umfeld, wie Dominiak sagt, „erheblich an Selbstwertgefühl gewinnen“.

Besonderen Wert legt der Verein bei seiner Arbeit auf den Sport, der, so Dominiak, für „unsere Klienten genauso wichtig“ sei wie für jeden anderen Menschen auch: „Das geht doch uns allen so: Sport tut dem Körper und der Seele gut. Und im Verein schützt Sport vor der Isolation.“ Gemäß diesem Motto hat der FV seit Jahren Sportarten wie Fußball oder Tischtennis in seinem Angebot; als es im vergangenen Jahr aber darum ging, dieses Angebot weiter auszubauen, stieß er plötzlich an seine Grenzen: Zu groß waren die organisatorischen Probleme.

Da der FV kein Sportverein ist, bereitete allein die Anmietung von Hallen Schwierigkeiten. So entstand die Idee, mit dem FTV zu kooperieren, für den eine solche Zusammenarbeit zum Selbstverständnis quasi dazugehört. „Wir arbeiten ohnehin mit vielen anderen Institutionen zusammen“, sagt Kindleben, der darauf hinweist, dass „wir uns in der Gesellschaft noch stärker vernetzen wollen“. Was lag also näher, als den gesamten Sportbetrieb des FV als eigene Abteilung in den Turnverein mit aufzunehmen? Immerhin ist es ihm durch die Mitgliedschaft im Hessischen Behinderten- und Rehabilitations-Sportverband inzwischen möglich, Reha-Sport über die Krankenkassen abzurechnen, zudem können die nötigen Sportstätten nun über das Sportamt angemietet werden.

Mittlerweile 30 Mitglieder

Ende 2009 waren sich die beiden Vereine einig, zum 1. Januar 2010 begann offiziell die Zusammenarbeit, die neue Abteilung „In Form – Sport im Frankfurter Verein“ war geboren. „Wichtig ist, dass die neuen Mitglieder ganz normal und offen aufgenommen werden“, sagt Kindleben. „Bis jetzt hat das wunderbar funktioniert.“ Die Kooperation ist in der Tat ein voller Erfolg, so viel ist sicher.

Inzwischen ist die Mitgliederzahl der neuen Abteilung auf 30 gestiegen – und sie steigt stetig weiter. „Es gibt so viele betreute Menschen, die ein Interesse daran haben“, sagt Dominiak, die im Juli ihre Arbeit beim FV aufgenommen hat. „Denen wollen wir natürlich die Möglichkeit bieten, sich dadurch noch besser in die Gesellschaft zu integrieren.“ Doch im Grunde geht es beiden Vereinen um mehr als nur um Integration, es geht, wie es auch in der UN-Behindertenrechtskonvention heißt, um die Inklusion der betreuten Menschen. Das bedeutet, wie Dominiak ausführt, dass „kranke und nicht kranke Personen gemeinsam Sport treiben unter Voraussetzungen, die für beide förderlich sind“.

Genau das ist auch das langfristige Ziel des Projekts. So wollen die Fußballer der Reha-Werkstatt Oberrad, die in diesem Jahr die deutsche Meisterschaft der Werkstätten für behinderte Menschen gewannen, irgendwann am normalen Spielbetrieb teilnehmen – und zwar mit einer Mannschaft, in der kranke und gesunde Spieler gemeinsam aktiv sind. „Keiner soll mehr in eine Schublade gesteckt werden“, sagt Kindleben. „Auf dem Fußballplatz“, sagt Dominiak, „zählt nicht, wer krank ist oder nicht krank, wichtig ist nur, wer das Tor erzielt hat.“

Da die Klienten des FV früher oder später wieder ein eigenständiges, nicht mehr betreutes Leben führen, hat der Sport für sie auch für die Zeit danach eine besondere Bedeutung. „Das hilft ihnen, später ihr Leben zu regeln“, sagt Dominiak. „Dieses Refugium“, meint auch Kindleben, „kann ihnen eine große Hilfe sein.“

Mit ihrem Projekt haben der Frankfurter Verein für soziale Heimstätten und der Frankfurter Turnverein 1860 tatsächlich ein Vorbild auch für andere Institutionen geschaffen. Eine bessere Möglichkeit, Sozialarbeit und Sport miteinander zu verbinden, kann es jedenfalls kaum geben.

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