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„Dann lasst uns doch Juden verbrennen“

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Wie junge Offiziere einen Abend mit antisemitischen Exzessen verbrachten und Vorgesetzte darauf kaum reagierten, beschreibt FR-Redakteur Ulrich Mackensen 1977.

Von Ulrich Mackensen

Die jungen Leutnants, die sich am 16. Februar dieses Jahres, einem Sonntag, im Kommunikationszentrum des Studentenfachbereichs Pädagogik zusammengefunden hatten, planten eigentlich nur ein Beisammensein in gemütlicher Runde. Sie, allesamt Militärstudenten der Bundeswehrhochschule München, veranstalteten das, was unter dem Oberbegriff „Kameradschaftsabend" oder „Junggesellenabend" nicht nur bei Soldaten stattfindet und gemeinhin mit reichlichem Alkoholverbrauch verbunden ist. Dennoch, über diesen Abend zu berichten, hat seinen Grund darin, dass er scheußlich endete: mit antisemitischen Exzessen.

Die „Stimmung" muss schon sehr weit fortgeschritten gewesen sein, als sich eine Gruppe von Offizieren, erwachsene Menschen mit einer durch Prüfung attestierten Eigenschaft zum Vorgesetzten, zu einer Anlage aufmachte, in der gemeinhin Abfälle verbrannt werden und in der noch ein kleines Feuer brannte. Bericht eines Zeugen: „Als das Feuer ausging, da schrie jemand: nachlegen. Und dann sagte jemand: dann lasst uns doch Juden verbrennen." Daraufhin wurden einzelne Papierreste, Kartonteile in das Feuer geworfen, auf die das Wort „Juden" geschmiert worden war. „Sieg-Heil-Rufe wurden ausgestoßen, das Nazi-Lied „Die Fahne hoch ..." angestimmt. Eine gespenstische Szene, wie sie eben nur Rechtsextremisten einfällt. In diesem Moment griffen andere Offiziere, ebenfalls Studenten, ein und beendeten den antisemitischen Spuk.

Am nächsten Tag machten diese Offi­ziere eine Meldung über den Vorfall bei ihrem militärischen Vorgesetzten, dem Major und Pädagogen Hans-Joachim Stabenau, der seinerseits den Präsidenten der Hochschule, Professor Horst Engert, informierte. Obwohl der Vorfall „große Bestürzung" (Prodekan Hanke) auslöste, hielt es Hochschulpräsident Engert nicht für nötig, diesen Exzess dem für die Bundeswehruniversitäten zuständigen stellvertretenden Generalinspekteur, Generalleutnant Rüdiger von Reichert, zu melden.

Um eine Stellungnahme gebeten, erklärten Prodekan Hanke und Major Stabenau als offizielle Stellungnahme der Hochschule am Mittwoch gegenüber der "Frankfurter Rundschau" unter anderem: „Nach intensiver Befragung der am fraglichen Abend aktiv beteiligten Studenten kam man zu der Überzeugung, dass es sich nicht um überzeugte und unverbesserliche Antisemiten und Nazis handele, sondern um unreife junge Soldaten mit einem bedauerlichen Defizit an Information und Einsicht. Diese Auffassung wurde am Ende der Auseinandersetzung mit dem Problem von allen Studenten geteilt. Als Schlussfolgerung ergab sich, dass man besser und wirksamer mit pädagogischen Mitteln eine Änderung   dieser Einstellung erzeugen könne als durch Einsatz disziplinarrechtlicher Maßnahmen.“

Die betroffenen Studenten des Studienjahrganges 1975 — so hieß es in der Stellungnahme weiter — seien „in außerplanmäßigen Pflichtveranstaltungen eingehend   belehrt"    worden.    Im Herbstsemester 1977 werde im Fachbereich Pädagogik ein zusätzliches Seminar „Pädagogik im Nationalsozialismus" durchgeführt. Weiter heißt es: „Der Fachbereichsrat Pädagogik wurde in seiner Sitzung am 30. März 1977 über den Vorfall informiert. Dabei wurden ihm das Ergebnis der Ermittlungen und der Tenor der anschließenden Beratungen mitgeteilt und die Entscheidung begründet, in diesem Fall auf disziplinarrechtliche Maßnahmen zugunsten pädagogischer Überzeugungsarbeit zu verzichten. Nach eingehender Diskussion im Fachbereichsrat wurde die durch den Studentenfachbereich getroffene Entscheidung für richtig gehalten und zur Kenntnis genommen."

 Im Klartext heißt das: Offiziere werden für ein Verhalten, das normalerweise die sofortige Entlassung aus den Diensten der Bundeswehr nach sich ziehen muss, aus einem falschen pädagogischen und dazu absolut apolitischen Denken heraus noch nicht einmal disziplinar bestraft. Auf der anderen Seite aber werden Soldaten, die entgegen den gesetzlichen Bestimmungen beispielsweise in Uniform an kommunistischen Demonstrationen teilnehmen — zu Recht — bestraft.

Der Präsident der Hochschule, Professor Engert, hat es nicht einmal für nötig befunden, das Ministerium zu informieren. Engert war in diesen Tagen wegen einer Dienstreise nicht zu erreichen. Der persönliche Referent des Wissenschaftlers, Hans Pause, sagte jedoch gegenüber der FR: „Soweit ich informiert bin, hat Professor Engert die Meldungen nicht weitergegeben, nachdem sie vom Leiter des Studentenfachbereichs selbst geahndet worden sind."

Wenige Wochen nach diesem ersten Vorfall kam es dann am 21. April im Rahmen eines Seminars über „Empirische Feldforschung" zu einem weiteren Zwischenfall. Ein Offizier beschmierte eine Arbeit mit Hakenkreuzen. Dazu wieder die Hochschule: „Der zweite Vorfall (Hakenkreuz-Emblem auf einer Seminarliste) am 21. April 1977 wurde vom Fachbereichsoffizier dem militärischen Vorgesetzten des betreffenden Studenten gemeldet und durch diesen disziplinarrechtlich bestraft.“ Welcher Art diese Strafe war, wurde allerdings nicht mitgeteilt.                            

Beide Vorfälle haben sowohl unter den Wissenschaftlern als auch unter dem größten Teil der Militärstudenten beträchtliche Aufregung ausgelöst. Eine Reaktion des Verteidigungsministeriums — von allen erwartet — blieb aus. Wie sich später herausstellte, waren der Hardthöhe beide Vorfälle, also auch der zweite, überhaupt nicht mitgeteilt worden, obwohl dies im militärischen Sprachgebrauch klare Fälle sogenannter „Besonderer Vorkommnisse" sind. Es entstand der fatale Eindruck, dass die Affären einfach totgeschwiegen werden sollten.

Dennoch wurde intern weiter über die Vorfälle und das unverständliche Schweigen des Verantwortlichen, des Hochschulpräsidenten, heftig diskutiert, vor allem, nachdem die Tragweite des ersten Falles immer deutlicher wurde. Der Dekan des Fachbereichs Pädagogik, Professor Karl-Heinz Geißler, der sich augenblicklich in der Nähe Frankfurts aufhält, zur FR: „Wenn ich den ersten Fall in seinem ganzen Ausmaß gekannt hätte, hätte ich Strafanzeige erstattet." Schon die bekannten Einzelheiten hätten Bestürzung ausgelöst,   die meisten Studenten hätten sich deutlich distanziert.

Aber eben nur die meisten. Eine Minderheit vermag nach Informationen der FR offensichtlich immer noch nicht einzusehen, welche Tragweite das Geschehen hat — und wohl auch noch haben wird. Als die „FR" nämlich im Bonner Verteidigungsministerium anfragte, ob dort die Vorfälle bekannt seien und welche Maßnahmen getroffen worden sind, ließ Generalleutnant Rüdiger von Reichert am Mittwoch folgende Stellungnahme abgeben: „1. Der stellvertretende Generalinspekteur ist von der Hochschule der Bundeswehr München nicht informiert worden. 2. Der stellvertretende Generalinspekteur hat eine Untersuchung eingeleitet. 3. Falls die Vorfälle zutreffen, werden sie vom stellvertretenden Generalinspekteur schärfstens missbilligt."

Nun, die Untersuchung wird ergeben, dass  leider  alles  so  stattgefunden hat. Vor allem aber sind Konsequenzen zu erwarten: Solche „Offiziere" braucht die Bundeswehr nicht. Der Fall Rudel hat bereits gezeigt, dass es gilt, den Anfängen zu wehren.

Frankfurter Rundschau vom 29.9.1977

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