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Dr. med. Jacques Müller-Broich

Skoliose so früh wie möglich behandeln

Facharzt Dr. Müller-Broich will Operation möglichst vermeiden

Ist die Wirbelsäule verkrümmt, spricht man von einer Skoliose. Rückenschmerzen und Verspannungen sind die Folge, ebenso aber auch Haltungsschäden und Fehlstellungen von Schulter, Becken oder Kopf. Die Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim bietet die ganze Bandbreite an Behandlungsmöglichkeiten an – auch ohne Operation.

Herr Dr. Müller-Broich, was versteht man eigentlich unter Skoliose, und wie kommt es dazu? 

Unter einer Skoliose versteht man eine seitliche Verkrümmung der Wirbelsäule von über 10 Grad, die sich meist erst im Laufe des Wachstums entwickelt. Es gibt aber auch eine hohe Anzahl von angeborenen Verkrümmungen, die im Laufe des Wachstums drastisch zunehmen können. Ursächlich ist ein unterschiedlich schnelles Wachstum der Wirbelkörper im vorderen und hinteren Anteil, das zu einer Rotation der Wirbelkörper und Verkrümmung führt. Bei den angeborenen Skoliosen verstärkt häufig eine gestörte Aktivierung der Rückenmuskulatur die Verkrümmung. Warum es zu einer Skoliose kommt, ist bis heute nicht ausreichend geklärt, die Ursachen sind multifaktoriell; eine große genetische/familiäre Komponente liegt sicherlich vor. 

Warum ist eine frühzeitige Behandlung der Skoliose so wichtig? 

Durch die Verbiegung kommt es mit der Zeit zu strukturellen Veränderungen der Wirbelkörper. Diese lassen sich in der Regel nicht mehr rückgängig machen. Eine Skoliose lässt sich am besten während des Wachstums beeinflussen, eine Zunahme der Verkrümmung häufig reduzieren oder sogar aufhalten. Daher ist eine frühzeitige und konsequente Behandlung zur Wachstumslenkung wichtig. Bereits in leichten Fällen muss man engmaschig kontrollieren, da die Skoliose sich im weiteren Wachstum verschlimmern kann. Ist das Wachstum abgeschlossen, kommt es nur noch bei schwerer Skoliose zu weiterer Krümmung.

Sie bieten an Ihrem Zentrum, das bereits mehrfach vom Focus Magazin ausgezeichnet wurde, das komplette Behandlungsspektrum für Skoliose an. Das heißt, es muss nicht immer sofort operiert werden. Was lässt sich denn konservativ überhaupt machen? 

Grundsätzlich müssen immer erst die konservativen Optionen ausgeschöpft sein, bevor man an einen Eingriff denkt. Abhängig vom Alter des Kindes und vom Cobb-Grad (Ausmaß der Verkrümmung) gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Wachstum in die richtige Richtung zu lenken. Bei 10 bis 20 Grad kann die Katharina-Schroth-Therapie gute Dienste leisten. Dabei handelt es sich um eine spezielle Form der Physiotherapie, bei der die Kinder mehr über ihren eigenen Körper erfahren und auch spezielle Atemtechniken lernen. Diese Therapieform hat aber auch ihre Grenzen. Über die Muskulatur lässt sich die Wirbelsäule aufrichten, die Kinder bleiben flexibel. Bei einer Verkrümmung ab 20 Grad reicht allerdings die Krankengymnastik allein nicht mehr aus. In diesen Fällen setzen wir 3-Punkt-Stützkorsette, sogenannte Chêneau-Korsette, ein, mit deren Hilfe die Wirbelkörper derotieren sollen. Wir beginnen mit 16 bis 18 Stunden Tragezeit und steigern auf 23 Stunden. Von kleinen Kindern wird es gut toleriert, in der Pubertät ist es schwieriger. Das Gute daran: bei früher Diagnose und konsequenter Therapie bis zum Abschluss des Wachstums ist keine weitere Therapie oder Operation nötig.

Ab wann ist ein Eingriff unumgänglich, und wie sieht er aus? 

Eine Versteifungsoperation ist ab 40 bis 50 Grad Verkrümmung angezeigt. Dabei werden die einzelnen Wirbel mit Schrauben versehen und die Skoliose über einen Stab korrigiert. Ziel ist es, die Wirbelsäule aufzurichten und den inneren Organen wie Lunge und Herz wieder Platz zu verschaffen. Dabei erreichen wir auch tolle kosmetische Ergebnisse mit Reduktion der Rippenbuckel und zum Beispiel die Korrektur eines Schultertiefstandes. Dies ist häufig vor allem für junge Patientinnen eine nicht zu unterschätzende psychische Erleichterung. Die Operation erfolgt standardmäßig unter Neuromonitoring. Das bedeutet, dass während der gesamten Operation die Nervenströme gemessen und kontrolliert werden. Dieses bietet die größtmögliche Sicherheit zur Verhinderung einer Lähmung während der Operation. Schmerzen nach einem solchen Eingriff werden durch den Einsatz von Schmerzkathetern am Rückenmark auf ein Minimalmaß reduziert. Kinder stecken den Eingriff sehr, sehr gut weg und kommen mit erstaunlich niedriger Schmerzmittel-Dosierung aus. Bei sehr frühen, sogenannten Early-Onset-Skoliosen, setzen wir, in Abhängigkeit von Krümmung und Wachstumsalter, gegebenenfalls mitwachsende Stäbe ein, die sich mit Hilfe von Elektromagneten von außen, also durch die Haut, ambulant verlängern lassen. Diese Stütze wächst also mit, und wir vermeiden regelmäßige Verlängerungseingriffe alle vier Monate. Mit Ende des Wachstums werden die Stäbe entfernt und die Restskoliose auf möglichst 0 Grad korrigiert. Eine neue Operationsmethode zur Behandlung der idiopathischen Skoliose bei Kindern und Jugendlichen ist die dynamische Skoliosekorrektur (DSK), auch Vertebral Body Tethering (VBT) genannt. Damit lässt sich die Krümmung zum Teil korrigieren, und die Wirbelsäule bleibt beweglich. Wissenschaftliche Langzeitdaten haben wir leider zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht, aber die bis dato bekannten Ergebnisse sind bei der richtigen Indikation vielversprechend.

Wie geht es nach dem Eingriff weiter? 

Spätestens am zweiten Tag nach der Operation müssen die Patienten aufstehen. Nach sieben bis neun Tagen gehen die Kinder in der Regel nach Hause. Die Wundheilung dauert etwa 14 Tage. Den Knochen muss man etwas länger Zeit geben, denn die Wirbelkörper müssen erst miteinander verwachsen. Gymnastik und Reha beginnen wir nach sechs Wochen. Nach einem Jahr ist alles fest, sodass fast jeder Sport ausgeübt werden kann. Trotzdem gilt auch weiterhin: fit bleiben und Übergewicht vermeiden.

Kontakt:

Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim gGmbH
Marienburgstraße 2
60528 Frankfurt am Main
Telefon (069) 67 05-0
info@friedrichsheim.de
Terminvergabe Ambulanz: Telefon (069) 67 05-3 88 (Mo.–Fr. 8 bis 17 Uhr)
Privatsprechstunden: Telefon (069) 67 05-19 54 bzw. -2 28
www.orthopaedische-uniklinik.de

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