Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Manchmal mehr als nur Trainer: Didier Deschamps (rechts) muss nicht selten Streitigkeiten schlichten, hier im Gespräch mit Superstar ( Kylian Mbappe.
+
Manchmal mehr als nur Trainer: Didier Deschamps (rechts) muss nicht selten Streitigkeiten schlichten, hier im Gespräch mit Superstar Kylian Mbappe.

EM 2021

Frankreichs Trainer Didier Deschamps: Der Kindergärtner

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
    schließen

Der Streit zwischen Frankreichs Stürmerstars Kylian Mbappé und Olivier Giroud zeigt, welch schwierigen Job Didier Deschamps hat.

München - Vielleicht nicht ganz unbewusst stellt sich Didier Deschamps kurz vor Anpfiff in den Türrahmen der Kabine. Wenn sich die Spieler der französischen Nationalmannschaft auf den Weg aufs Spielfeld machen, kommt der Nationaltrainer jedem noch einmal ganz nahe. Er reicht die Hand, gibt einen Klaps oder sagt einfach „marche“. Geht raus. Es muss auch bald losgehen für den Weltmeister, der sich vor seinem Auftaktspiel in München gegen das DFB-Team (Dienstag 21 Uhr/ZDF) bei der EM 2021 fast schon alberne Aufgeregtheiten geleistet hat.

Ein Halbsatz von Olivier Giroud nach dem letzten Testspiel gegen Bulgarien (3:0) hat eine Grundsatzdebatte über den Gemeinsinn entfacht. „Die Bälle kommen nicht“, klagte der Stürmer vom FC Chelsea, obwohl er zuvor einen Doppelpack geschnürt hatte und mit 46 Toren als erfolgreichster Länderspiel-Torschütze hinter Thierry Henry (51) geführt wird. Das hinter der Anmerkung eine Attacke auf Überflieger Kylian Mbappè und seinen Eigensinn steckte, war schnell klar – und das sah offenbar auch der Weltstar von Paris St. Germain so, der am Sonntag auf einer Pressekonferenz das Thema vertiefte. „Er hat es zur Presse gesagt, nicht zu mir. Ich bevorzuge es, wenn er direkt zu mir in der Kabine spricht. Er weiß, wo ich in der Umkleidekabine bin.“ Auch wenn Mbappé von einer „Mikro-Episode“ sprach, haben solche Eifersüchteleien in Frankreich fast traditionell das Potenzial zum Spaltpilz.

Didier Deschamps versucht das Thema Deutschland-Duell bei EM 2021 kleinzureden

Deschamps versucht nun, das Thema vor dem Deutschland-Duell kleinzureden. „Ich kann nicht von Spannungen sprechen, denn das sind keine“, sagte der 52-Jährige der Sporttageszeitung „L‚Equipe“. Nach dem Gespräch mit den Streithähnen gab sich der Pragmatiker Deschamps fast schon philosophisch: „Ein negatives Umfeld kann sich auf eine Gruppe auswirken. Aber ein ultrapositives Umfeld kann noch negativere Auswirkungen haben.“ Da will einer die gruppendynamischen Prozesse wieder in die richtigen Bahnen lenken.

Der gebürtige Baske hat mit Amtsantritt 2012 gewusst, dass ein „sélectionneur“ immer auch ein bisschen Kindergärtner für verhätschelte Fußballprofis spielen muss. Ein mediales Solo von Mbappé verhinderte Deschamps, denn ursprünglich wollte sein superschneller Superstar am Donnerstag zur Presse sprechen. Der Chef legte sein Veto ein, erklärte zudem, dass solche Zwistigkeiten auch eine Generationenfrage seien.

EM 2021: Französische Mannschaft zwischen kindischen Streitereien und tieferliegenden Dissonanzen

Mbappé, 22, sollte nicht vergessen, dass Giroud, 34, bei der WM 2018 unermüdlich für ihn und Antoine Griezmann, 30, ackerte, um Räume zu schaffen. Dieses Arbeitsethos stellte Deschamps damals in Russland nicht nur einmal heraus; er wird seine Nummer neun als Backup für Rückkehrer Karim Benzema, 33, bestimmt nicht fallen lassen. Der Mittelstürmer von Real Madrid hat sich übrigens auch mal an Girouds Fähigkeiten gerieben, als er vor zwei Jahren über einen Vergleich zwischen ihm und dem Konkurrenten bei Instagram schrieb: „Man vergleicht die Formel 1 nicht mit Kartfahren.“

Zwischen kindischen Streitereien und tieferliegenden Dissonanzen ist es oft nur ein schmaler Grat, in Corona-Zeiten noch eher. Wie oft hat der Identitätsstifter Deschamps schon betont, dass sich große Ziele nur zusammen erreichen lassen? Er war als Spieler schon Welt- und Europameister, 1998 und 2000, und der „General“ hat als Ordnungshüter im zentralen Mittelfeld das große Ganze zusammengehalten. Nun besteht die einmalige Chance, dieses Kunststück als Trainer zu wiederholen. Nachdem die Franzosen bei der Heim-EM 2016 noch nicht auf dem Zenit ihrer Schaffenskraft waren und das Glück aus dem Halbfinale gegen Deutschland dann im Finale gegen Portugal aufgebraucht war, wirkt die Qualität noch mal höher.

EM 2021: Didier Deschamps hat großen Respekt vor Jogi Löw

Dass Deschamps gleich zum EM-Auftakt auf den scheidenden Bundestrainer Joachim Löw trifft, freut ihn übrigens: „Ich mag ihn sehr, und es ist immer eine Freude, mit ihm zu sprechen, wenn wir uns treffen.“ Sie reden gerne über ihre Arbeit – und wehren sich gegen die Überhöhung ihres Tuns. Dazu hat Frankreichs Nationaltrainer kürzlich in der „Welt am Sonntag“ gesagt: „Joachim Löw war nicht der beste Trainer der Welt, als er mit Deutschland 2014 Weltmeister wurde, und er ist nicht der schlechteste bei der WM 2018 gewesen, obwohl Deutschland in der Vorrunde ausschied.“ Im Verhältnis zu Löw bestehe „ein gegenseitiger Respekt“. Davon müssen sich seine Stars nur etwas abschauen.

Vielleicht verdeutlicht die Gereiztheit im Kader, wie angespannt selbst die Favoriten vor einem Turnier mitten in einer Pandemie sind. Deschamps wird hinter den Kulissen wieder auf seinen Leitsatz hinweisen, der ihn schon durch seine Weltkarriere als Spieler mit 103 Länderspielen führte: „Nichts ist wichtiger als die Equipe Tricolore.“ Eigentlich sollte das auch der eigentlich gut erzogene Mbappé wissen, der sich bei Interviewterminen schon mal entschuldigt, wenn er nur zwei Minuten zu spät ist. Wird Zeit, dass es losgeht. (Frank Hellmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare