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Monika Maier-Luchmann leitet das Mehrgenerationenhaus in  Langen.
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Monika Maier-Luchmann leitet das Mehrgenerationenhaus in Langen.

Pandemie

Es fehlen Kursbeiträge und viele kleine Spenden

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Das Mehrgenerationenhaus in Langen musste einen Kredit aufnehmen, um pandemiebedingte Verluste abzufedern.

Langen - Das Lächeln von Barbara Wermann ist sogar unter der FFP2-Maske zu sehen. So sehr freut sich die 83-Jährige, nach über einem Jahr wieder als ehrenamtliche Helferin im Mehrgenerationenhaus „Zentrum für Jung und Alt“ in Langen mit anzupacken. Und das alles nur, dank vollem Impfschutz.

Eine so lange Zeit keinen Kontakt zu den Mitarbeitenden, Ehrenamtlichen und den vielen Gästen zu haben, „war einfach furchtbar“, sagt sie. Nun hilft sie wieder kräftig mit und bereitet für den Weltbienentag Bienenhelfersticks vor, die aufeinandergereiht vor ihr auf dem Tisch liegen. Die Holzstäbchen steckt Wermann in Bienenwachs und verstreut darauf eine spezielle Samenmischung für die behaarten fliegenden Insekten.

Normalerweise ist in dem großen Aufenthaltsraum samt Küche viel Trubel. Dort, wo ansonsten Kinder herumspringen, Eltern Kaffee trinken oder Seniorinnen und Senioren sich zum gemeinsamen Frühstück treffen. Täglich kämen rund 150 Leute, sagt die Leiterin Monika Maier-Luchmann. „Zu uns kommen alle. Schwangere, Alleinerziehende, Arbeitslose, ausländische Familien und Flüchtlinge“, sagt sie voller Stolz.

Doch in Zeiten der Pandemie steht neben Wermann und Maier-Luchmann eine weitere Mitarbeiterin im Raum, die T-Shirts ordentlich zusammenlegt. Hinter ihr türmen sich Berge von Tüten mit Kleidung für den bevorstehenden Basar. Und ein Mann sitzt am Tisch und löffelt aus einer Suppe. Es gehört Fantasie dazu, um zu erahnen, was hier im Normalbetrieb los ist. Maier-Luchmann öffnet die Terrassentür. „Schauen Sie sich doch mal den Rasen an“, sagt sie. „Der ist so schön gepflegt. Eigentlich tollen hier täglich Kinder herum, da sieht der Rasen sonst ziemlich zerpflückt aus“, sagt sie.

Die Stille im Raum, die wenigen Mitarbeitenden, der schöne Rasen – es sagt womöglich viel aus über die derzeitige Situation der sozialen Träger. Die Einnahmen aus Spenden oder Fortbildungen sind teils krachend eingestürzt. Zusätzlich mussten die sozialen Einrichtungen in Lüftungsgeräte, Spuckschutzscheiben und Computer investieren, damit sie wenigstens noch Onlineberatungen und Gespräche durchführen können. Die Kosten mussten sie selbst tragen. Der Jahresetat für das Zentrum in Langen liegt bei rund 400 000 Euro, davon sind 135 000 Euro öffentliche Fördermittel. Den Rest müssen sie selbst erwirtschaften. „Das heißt, jede Spende, die im offenen Treff in unsere Kasse reingeworfen wird, jeder Kursbeitrag, jedes Gruppentreffen, wenn wir unsere Spendenbox stehen haben, jeder Euro wird gebraucht, damit wir das, was uns am Herzen liegt und was eben in keine Förderstruktur passt, umsetzen können“, sagt Maier-Luchmann.

Coronabedingte Mehrkosten betrugen 45 000 Euro, davon wurden 30 000 Euro durch Zuschüsse gedeckt, die restlichen 15 000 Euro mussten sie selbst tragen. Mit den Einnahmeverlusten aus Spenden und aus dem laufenden Betrieb käme das Zentrum für Jung und Alt auf einen Verlust von 62 000 Euro. Um das zu decken, musste der Träger, das Mütterzentrum, Rücklagen aus Spenden auflösen und einen Privatkredit aufnehmen.

Wie wichtig die Spendengelder für soziale Einrichtungen sind, hat auch viel mit den Zuschüssen von Land und Kommune zu tun. Die kommunalisierten Landesmittel liegen beim Zentrum für Jung und Alt im Jahr bei 14 000 Euro. Fördergelder gibt es nur für großangelegte Projekte. Kleine, eigene Projekte jedoch müssen aus der eigenen Tasche finanziert werden. So wie etwa das Flüchtlingsprojekt mit syrischen Familien. Doch solche kleinen Projekte finden wegen Corona nicht statt, genauso wie alle Kurse von Yoga über Kindertanz bis hin zu Lesekreisen.

Trotz allem spricht Maier-Luchmann auch von Glück. „Wir haben, anders als Beratungsstellen, die sich auf einen Bereich fokussieren, mehrere Standbeine, wie die Krippe und die Familienpflege. Die Fördergelder dafür erhalten wir weiter“, sagt sie. Niemanden der 30 Festangestellten musste Maier-Luchmann entlassen. „Doch unsere 70 bis 90 Ehrenamtlichen fallen komplett weg.“

Da stellt sich die Frage: Wie soll es weitergehen? Wie lange kann das krisenerprobte Team um Maier-Luchmann ohne die so wichtigen Einnahmen aus Spenden und Kursen noch durchhalten?

„Wir fallen nicht in ein Jammertal“, sagt Maier-Luchmann. Das derzeitige Impftempo macht auch Hoffnung. Dennoch hat Maier-Luchmann keine Planungssicherheit. „Wir sind seit 35 Jahren Unsicherheiten gewöhnt“, sagt sie. „Wir haben viele Krisen als Verein erlebt, daraus gingen wir immer gestärkt heraus. Diese Erfahrung hilft uns in der Pandemie und macht uns stark.“ Aber auch ein krisenerprobtes Team stößt irgendwann an seine Grenzen. Der Herbst muss eine Wende bringen. „Wenn das ganze Jahr so weitergehen sollte wie bisher, dann müssten wir uns überlegen, wie wir weitermachen können“, sagt Maier-Luchmann. Es wäre tragisch, wenn das Zentrum nur noch die Kinderbetreuung anbieten könnte. Das generationenübergreifende Arbeiten würde auch weiter brachliegen.

Die Folgen wären drastisch. Es drohen Entlassungen, der Zusammenhalt vor Ort würde darunter leiden. Auch mache sich Maier-Luchmann Sorgen um Familien, zu denen sie im Normalfall engen Kontakt hält, die weiter isoliert in ihren vier Wänden sitzen blieben. „Wir sind ja angetreten, um die Leute zusammenzubringen, zu vernetzen und sich in Krisenzeiten gegenseitig zu unterstützen. Einige Familien unterstützen sich auch.“ Für Barbara Wermann war schon das eine Jahr zu viel. Der fehlende Kontakt, die Unsicherheit und Ängstlichkeit im Umgang mit anderen Menschen. „Es ist einfach wunderbar, wieder hier zu sein.“ Das Besondere an dem Zentrum sei vor allem die Symbiose aus Jung und Alt, aber auch die vielen Kurse und Treffs. „Wir werden das schaffen, weil die Leute hier sehr aktiv und engagiert sind“, sagt sie. Maier-Luchmann stößt hinzu. „Ne, Monika?“, sagt die muntere Seniorin zu ihr und lächelt. „Die Frauen hier sind voller Power. Wir lassen uns nicht unterkriegen.“

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