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Benno Hafeneger (72) ist Erziehungswissenschaftler an der Philipps-Universität Marburg. Er forscht vor allem zu Jugendbildung, Jugendkulturen und Rechtsextremismus.
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Benno Hafeneger (72) ist Erziehungswissenschaftler an der Philipps-Universität Marburg. Er forscht vor allem zu Jugendbildung, Jugendkulturen und Rechtsextremismus.

Jugendkultur

Hessischer Wissenschaftler: „Die Jungen gehen sehr klug mit der Pandemie um“

  • Peter Hanack
    VonPeter Hanack
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Der Erziehungswissenschaftler Benno Hafeneger wundert sich nicht über die ausbleibende Revolte der Jugend. Aber von einer „Generation Corona“ will er noch nicht sprechen.

Geschlossene Schulen, beim Studium kaum Kontakt zu Mitstudierenden, so gut wie keine Freizeitangebote, stattdessen das Eingeschränktsein auf den innersten Kreis der Familie. Dazu eine ständige Verunsicherung und Bedrohung durch die Pandemie. Welche Auswirkungen haben diese Erfahrungen auf junge Menschen? Dazu haben wir Benno Hafeneger befragt, dessen neues Buch sich mit den Folgen gerade auch für die Kinder- und Jugendarbeit auseinandersetzt.

Herr Hafeneger, gibt es eine Generation Corona?

Das ist eine offene Frage. Ich würde der jungen Generation nicht vorschnell dieses Label aufdrücken. Gleichzeitig muss man sehen, dass eine ganze Generation schon über ein Jahr mit der Pandemie konfrontiert wird. Die Jugend ist eine prägende Zeit, eine dichte Entwicklungsphase, an die man sich sein Leben lang erinnert. Im Rückblick wird man vielleicht feststellen können, dass es tatsächlich so etwas wie die Generation Corona gibt.

Muss man befürchten, dass junge Leute mehr dazu neigen, sich extremen Positionen zuzuwenden?

Das sehe ich nicht. Die junge Generation geht sehr klug mit der Pandemie um. Bei den Querdenker-Demonstrationen sehen wir so gut wie keine jungen Leute, das wäre ja vielleicht ein Merkmal für extreme Orientierungen. Das finden wir so gut wie gar nicht.

Man muss also nicht alarmiert sein. Was meinen Sie mit dem klugen Umgang?

Es gibt so etwas wie ein Verstehen der Pandemie, auch der Folgen bis hinein in die Familien. Auch wenn es nervt, arrangiert man sich mit der Situation. Es ist ein sehr pragmatisches, realistisches Durchwursteln durch die Pandemierealität. Der größte Teil der jungen Generation versteht auch das Handeln der Politik, wie Befragungen zeigen.

Also nach dem Motto, ok, die Pandemie ist da, ich finde das Mist, aber irgendwie muss ich ja damit klarkommen? Liegt das vielleicht daran, dass diese Generation in einer Welt großgeworden ist, in der Gewissheiten schwinden, was die eigene berufliche Entwicklung angeht oder auch die Weltpolitik und das Klima?

Mit Blick auf die Welt ist die junge Generation insgesamt sehr pragmatisch. Es gibt zwar keine Zukunftseuphorie, aber einen gedämpften Zukunftsoptimismus. Sie ist krisenerfahren und sie hat den Umgang damit gelernt.

Der Jugend ist eigen, die Protestgeneration zu sein. Das müssen gar keine so großen Bewegungen sein wie die 68er oder die Punks. Ist Revolte nicht üblich, wenn man zwischen 14 und 24 ist?

Diese mögliche Revolte ist stillgelegt, wie ja auch die „Fridays for Future“-Proteste weitgehend ruhen, ruhen müssen. Oder die Aktivitäten auf der Straße etwa gegen Rassismus oder Hass und Hetze. Zudem gibt es in dieser Pandemie keinen benennbaren Gegner. Das ist etwas Neues. Es geht nicht gegen den Staat oder gegen Polizeihandeln, kein Auflehnen gegen Entscheidungen oder der Protest gegen Nichtentscheidungen, wie etwa beim Klimawandel. Man kann die Einschränkung von Freiheitsrechten kritisieren, aber sie sind irgendwie auch einleuchtend.

Noch nicht einmal die Eltern bieten sich als Adressat von Protest an, die leiden ja genauso mit.

Die Eltern, die Großeltern. Im Gegenteil, man sieht ja auch viel Leiden dort und ist empathisch mit der älteren Generation. Es ist in der Tat ein sehr untypischer Zustand, eine ganz neue Krisenerfahrung für die ganze Gesellschaft.

Ihre neueste Publikation beschäftigt sich auch mit der Kinder- und Jugendarbeit. Was hat sich da verändert?

Wir reden ja viel über die schulische Situation, auch über die Familie. Das ist auch gut so. Aber der ganze Bereich der Jugendarbeit ist nicht im Blick. Dort trifft man sich normalerweise in Jugendgruppen, kommt in Jugendhäusern zusammen oder fährt auf einen internationalen Austausch. Das ist ein großes Feld von Nähe, Körperlichkeit, Austausch, das ist alles nicht möglich. Die junge Generation ist in ihrem sozialen Leben ausgebremst. Ihre ganze adoleszente Dynamik, Musik, Sport, Freunde, Sexualität, eigene intime Räume schaffen, sich zurückziehen, gemeinsam reisen, alles das ist blockiert. Das wird kaum öffentlich diskutiert und wird in seiner Bedeutung stark unterschätzt.

Welche Folgen hat das?

Nun, man versucht auf digitalem Weg Kinder und Jugendliche zu erreichen, da hat sich viel entwickelt und das ist auch positiv. Da haben sich ganz neue Formate entwickelt. Doch die Politik, gerade auf kommunaler Ebene, wird künftig viel mehr auch dieses Feld mitdiskutieren müssen, viel mehr, als das in der Vergangenheit geschehen ist, denn es gibt einen großen Nachholbedarf.

Der Jugendarbeit geht es damit ein wenig so wie dem Amateur- und Breitensport. Das scheinen blinde Flecken zu sein.

Ja, sicher. Wenn man über Jugendarbeit spricht, gehört der Sport ganz wesentlich dazu. Auch dort gibt es keine Wettkämpfe, kein gemeinsames Training, keine Treffen nach dem Sport. Man kann sich miteinander auch nicht mehr messen. Auch da ist es nötig, das Augenmerk darauf zu richten.

Interview: Peter Hanack

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