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Jutta Ditfurth stellt sich den Fragen der Frankfurter Rundschau.
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Jutta Ditfurth stellt sich den Fragen der Frankfurter Rundschau.

FR-Interview

„Strategische Fehler der Grünen“: Jutta Ditfurth wundert sich vor Bundestagswahl

  • Georg Leppert
    VonGeorg Leppert
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  • Hanning Voigts
    Hanning Voigts
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Jutta Ditfurth über Erfolge der außerparlamentarischen Linken, das Verhältnis von Klimaschutz und Kapitalismus und die Bedeutung der Kommunalpolitik.

Frau Ditfurth, Sie haben für 20 Jahre ehrenamtliches Engagement als Stadtverordnete gerade die Römerplakette in Gold bekommen. Als das in der Stadtverordnetenversammlung bekannt gegeben wurde, wirkten Sie vollkommen ungerührt. Empfinden Sie kein bisschen Stolz?

Ich wusste nicht, dass das öffentlich verkündet wird, deshalb war ich verdattert. Aber ich hab’s auch nicht so mit staatlichen Ehren. Die Plakette ist bei mir noch nicht eingetroffen. Von 1981 bis 1985 war ich Stadtverordnete der ersten Grünen-Fraktion, seit 2001 für „ÖkoLinX-ARL“. Wenn 20 Jahre voll sind, bekommt jede die goldene Römerplakette. Außerparlamentarische Politik ist für mich aber das Wichtigere.

Würden Sie eher eine Plakette für 50 Jahre in der Opposition annehmen – teils im Parlament, und teils außerparlamentarisch?

[Lacht] Wer sollte mir die verleihen? Meine ersten Demos waren die Aktion Roter Punkt 1969 in Heidelberg. 1970 dann die Antivietnamkriegdemo, als der ehemalige US-Verteidigungsminister McNamara kam. Ein heißer Tag und erste Erfahrungen mit Wasserwerfern.

Jutta Ditfurth und der Adel

Erklärt sich Ihr frühes politisches Engagement auch aus Ihrer Familiengeschichte? Sie gehörten dem Adelsgeschlecht von Ditfurth an, haben sich aber früh davon gelöst.

Zumindest kollidierten meine Haltung und meine Ansichten immer mehr mit der Welt, aus der ich kam. Wir wohnten damals in Oberflockenbach im Odenwald und ich fuhr jeden Tag durch Heidelberg zur Schule. Straßenbahn und Demos trafen sich auf dem Bismarckplatz. Eines Tages, ich war 16, stieg ich aus, schwänzte die Schule, setzte mich hinten in ein Teach-in und beobachtete. Im Sommer 1968 sammelte ich Zeitungsausschnitte über die Niederschlagung des Prager Frühlings und über die APO-Revolte in Berlin. Meine Mutter war beunruhigt. Sie schickte mich auf Adelsbälle und auf private Mädchenschulen, damit ich „standesgemäßen“ Umgang hatte, aber the times were a-changing. Meine Großmutter sagte: Heirate jemand aus dem „gleichen Stall“, also standesgemäß. Damals war ich kurz mit einem adligen jungen Mann aus einer schlagenden Verbindung liiert. Seine Eltern begutachteten mich: ‚hübsch die Kleine, aber schmale Hüften‘. Ich kam mir vor wie eine Zuchtstute und nahm Reißaus. Zwei Welten standen gegeneinander. Ich verließ meine Klasse, politisierte mich wie so viele und habe es nie bereut.

Ihre Themen blieben dann konstant vor allem Ökosozialismus, Feminismus, Antirassismus und Antisemitismus …

Den ersten großen Streit als Jugendliche hatte ich mit meinem Vater über die Frage der Gleichheit aller Menschen. Wir stritten furchtbar. Ich musste entscheiden, ob ich mich unterwerfe oder mit besseren Argumenten bewaffne. Gutes Training, auch für ihn. Als aber an meinem Mädchengymnasium die Biologielehrerin sagte, dass Frauen kleinere Gehirne und deshalb einen schwächeren Verstand hätten, da bewaffnete mich mein Vater mit wissenschaftlichen Argumenten und die Lehrerin widerrief. Mit Kritik an Ungleichheit und Eliten stieg ich etwas später aus dem adligen Familienverband aus.

Klima, Feminismus, Atomkraft - die Themen von Jutta Ditfurth

Gibt es einen Punkt, an dem Sie politisch wirklich etwas erreicht haben, an dem sich tatsächlich etwas verändert hat?

Wie sähe diese Gesellschaft aus, wenn es die Arbeiter:innenbewegung, die Frauenbewegung, die außerparlamentarische Opposition und die Ökologiebewegung nicht gegeben hätte? Mit anderen gemeinsam habe ich die Anti-AKW-Bewegung der 70er Jahre aufgebaut. Anfangs war die Mehrheit der Bevölkerung einschließlich der Linken für Atomenergie. Unter der CDU/FDP-Regierung 1965 waren 128 Atomkraftwerke geplant. In den 1970ern unter SPD/FDP dann allen Ernstes 598 Atomreaktoren bis 2050. Am Ende wurden es weniger als 30, jeder einer zu viel. Mit aufklärerischen Aktionen und militanten Kämpfen in Wyhl, Brokdorf, Grohnde und Gorleben, die die ganze Gesellschaft erfassten, haben wir diese Mehrheitsmeinung gebrochen. Bis heute. Und zwar damals ohne einen einzigen Abgeordneten, allein außerparlamentarisch.

Nach mehr als 150 Jahren greift der Staat immer noch massiv in das Leben von Frauen ein. Vergleichbares gegen Männer ist unvorstellbar.

Jutta Ditfurth

Viele ältere Linke sind der Meinung, bewegt habe sich die Gesellschaft vor allem beim Thema Feminismus.

Bewegt hat sie sich, vor – und zurück. Kein sozialer Kampf ist in dieser Gesellschaft je endgültig ausgefochten. Wir haben 1975 die Kampagne gegen das Abtreibungsverbot doch nicht gemacht, damit sich in den 1990ern SPD und Grüne in „Kompromissen“ der Ideologie der organisierten Abtreibungsgegner:innen unterwerfen und statt sachlicher Begriffe wie Embryo und Fötus ideologische Begriffe wie „ungeborenes Leben“ im Gesetz verankern! Die „Lebensschützer“ haben damit heute einen Andockpunkt, um Mädchen und Frauen die selbstbestimmte Entscheidung zu erschweren. Nach mehr als 150 Jahren greift der Staat immer noch massiv in das Leben von Frauen ein. Vergleichbares gegen Männer ist unvorstellbar.

Das Thema Klimaschutz spielt erstmals in einem Bundestagswahlkampf eine entscheidende Rolle. Aber ist die Klimakrise noch aufzuhalten?

Nein, die Klimakatastrophe ist nicht mehr aufzuhalten. Einen Zustand der Natur wie wir Älteren sie noch kennen, wird es nie mehr geben. Jetzt geht es darum, die laufende Katastrophe abzumildern, lokal wie global. Einen Zustand der Natur zu erhalten, der möglichst alle Menschen überleben lässt. Es gibt Tendenzen, nur die eigene Haut und den privat angeeigneten Reichtum, der doch eigentlich allen gehört, zu retten. Auch militärisch. Es ist ein Irrtum naiver Klimaschützer:innen, dass Politik und Eliten über das Klima „aufgeklärt“ werden müssen. Die Klügeren wissen alles, aber sie haben andere Interessen als wir. Ökologische Bewegungen müssen sich auch mit der Kritik der kapitalistischen Ökonomie befassen, sonst verstehen sie nicht, in welcher Welt wir leben.

Jutta Ditfurth über die Grünen vor der Bundestagswahl 2021

Wie nehmen Sie den Wahlkampf der Grünen vor der Bundestagswahl 2021 wahr?

Ich wundere mich über ihre strategischen Fehler. Warum haben die ihr Duo an der Spitze getrennt? Das war für sie doch erfolgreich, egal, was ich von ihnen halte: Robert Habeck als Bewunderer von Ernst Jünger. Wenn Annalena Baerbock sexistisch attackiert wird, verteidige ich sie. Aber ihre Kapitalismusgläubigkeit und Nato-Treue kritisiere ich.

Wenn man sich die Themen anschaut, über die wir jetzt seit 45 Minuten reden, fragt man sich, wieso Sie eigentlich in der Kommunalpolitik aktiv sind. Sind Diskussionen über lokale Fragen wirklich Ihre Sache?

Ich lebe hier. Ich will helfen, diese Stadt sozialer, freundlicher und gesünder zu machen. Es gibt keine einzige wichtige lokale Frage in Frankfurt, die nicht auch internationale Bedeutung hat. In dieser kleinen Großstadt treffen so viele Interessen und Konflikte aufeinander wie in wenigen anderen Städten. Ich verstehe sowieso nicht, wie jemand Kommunalpolitik machen kann ohne einen Blick für die Welt. Und ich liebe den vielstimmigen diversen Sound dieser Stadt. Und die kommunale Parlamentsarbeit ist ehrenamtlich und lässt mir die Freiheit, Bücher zu schreiben.

Im Römer ist Ökolinx-ELF jetzt eine Fraktion. Was ändert sich dadurch?

Wir haben mehr Rechte. Wir sind endlich Mitglieder von Fachausschüssen und anderen Gremien. Wir bekommen Geld für unsere Arbeit. Wir können Mitarbeiter:innen bezahlen. Wir können zu kommunalpolitischen Themen Veranstaltungen machen.

  • Zur Person
  • Jutta Ditfurth wurde am 29. September 1951 in Würzburg geboren. Sie gehörte den Adelsgeschlechtern von Ditfurth und von Raven an, löste sich aber Ende der 1960er Jahre aus dem Familienverband und legte ihren eigenen Adelstitel ab.
  • Die Soziologin, die seit 1970 in den außerparlamentarischen Linken aktiv war, zählte zu den Gründer:innen der Grünen. 1981 schaffte sie mit der Partei den Einzug in die Frankfurter Stadtverordnetenversammlung. Von 1984 bis 1988 war sie Bundesvorsitzende der Grünen. Nach einem heftigen Richtungsstreit trat sie 1991 aus. Seitdem zählt Ditfurth zu den schärfsten Kritiker:innen der Partei.
  • Zehn Jahre später zählte sie zu den Gründerinnen von Ökolinx-Antirassistische Liste, für die sie seit 2001 im Stadtparlament sitzt. Vor wenigen Wochen bildete Ökolinx mit der Europaliste eine gemeinsame Fraktion, der außer Ditfurth noch Manfred Zieran (Ökolinx) und Luigi Brillante (Europaliste) angehören.
  • Überregional bekannt ist Ditfurth vor allem wegen ihrer Bücher, etwa „Krieg, Atom, Armut. Was sie reden, was sie tun: Die Grünen“, „Ulrike Meinhof. Die Biografie“, „Zeit des Zorns. Warum wir uns vom Kapitalismus befreien müssen“ und „Der Baron, die Juden und die Nazis. Adliger Antisemitismus“. geo

Jutta Ditfurth über die Kritik an Ökolinx

Es gab gerade im Wahlkampf Kritik an Ökolinx: Von Ihnen sei nichts gekommen, kein Antrag, und in die Ausschüsse seien Sie auch nie gegangen, obwohl Sie das gedurft hätten.

[Lacht] Unsere politischen Gegner:innen waren glücklich, wenn wir Anträge stellten, die sie ablehnen konnten! Setzten wir einen Antrag auf die Tagesordnung, kamen wir gegen Mitternacht an die Reihe. Die Grünen haben gemeinsam mit der CDU 2006 die Geschäftsordnung so verändert, dass uns der Fraktionsstatus genommen wurde. Wir durften keine Mitglieder in Ausschüssen sein, dort nicht abstimmen. Deshalb verfolgten wir eine antiautoritäre linke Strategie. Kurzes Beispiel: Statt immer wieder Anträge zu stellen, dass die Grüne Lunge nicht bebaut wird, – die alle abgelehnt worden wären wie der erste –, haben wir jahrelang auf vielfältige Weise, öffentlich wie nicht öffentlich, darauf hingewirkt, dass eine politische Situation entstand, in der die Günthersburghöfe nicht mehr wie geplant gebaut werden konnten. Das hat die Grünen gespalten, und dann sind sie gekippt. Das Planungsdezernat wurde auf Trab gebracht. Nach vier Jahren hat ja sogar die Linkspartei begriffen, dass die Bebauung einer Kalt- und Frischluftschneise keine gute Idee ist. Aber keine Sorge, wir werden wieder Anträge stellen.

Aber wenn Sie einen Antrag stellen, sei es zur Seebrücke oder zur Sperrung des Mainkais, müssen sich die Koalitionsfraktionen dazu verhalten und es gibt Diskussionen innerhalb der Regierung. Die Linke hat das so gemacht und damit die Grünen unter Druck gesetzt. Im Ergebnis wurde die Zusammenarbeit zwischen Grünen und CDU jetzt beendet.

Meine Güte! Die schwarz-grüne Verbindung ist doch nicht an einem Antrag der Linkspartei zerbrochen, sondern durch eine längst veränderte Stimmung in der Stadt! Die Menschen wollen mehrheitlich eine autofreie Stadt, mit mehr Platz, mehr Grün, besserer Luft. Warum soll Frankfurt nicht schaffen, was Paris kann? Die CDU wird einfach abgehängt.

Die Menschen wollen mehrheitlich eine autofreie Stadt, mit mehr Platz, mehr Grün, besserer Luft. Warum soll Frankfurt nicht schaffen, was Paris kann? Die CDU wird einfach abgehängt.

Jutta Ditfurth

Als Jutta Ditfurth bei Maischberger mit Wolfgang Bosbach aneinandergeriet

Wir können das Gespräch nicht beenden, ohne über Wolfgang Bosbach zu reden.

Wirklich?

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Unsere Kolumne „Römerbriefe“ hatte online nie mehr Zugriffe als bei der Folge über Sie und Bosbach in der Talkshow „Maischberger“ zum G20-Gipfel in Hamburg. Hatten Sie noch mal Kontakt mit ihm, seit er 2017 aus Protest gegen Sie das Fernsehstudio verlassen hat?

Nein, ich hatte ja auch vorher keinen Kontakt mit ihm. Gedacht war die Sendung als Abschiedsshow für Bosbach, der den Bundestag verließ. Mit den Auseinandersetzungen beim G20-Gipfel änderte Maischberger das Thema, und ich wurde eingeladen. Ich kritisierte die enthemmte Polizeigewalt in Hamburg unter Olaf Scholz. Bosbach und sein CDU-Parteifreund Hauptkommissar Lenders versuchten vergeblich, mich in die Enge zu treiben. Deshalb rannte Bosbach stinksauer weg. Maischberger lief ihm hinterher, rief: „Er ist doch herzkrank!“. Die Sendung wurde unterbrochen. Danach sagte sie, ich müsse aus Gründen „der Parität“ auch gehen. Ich sagte Nein und sie stellte mir für den Rest der Sendung den Ton ab.

(Interview: Georg Leppert, Hanning Voigts)

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