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Zwischen Genie und Wahnsinn

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Von: Daniel Schmitt

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Der Corona-Bundestrainer: Alfred Gislason hofft, endlich ein Turnier ohne Virus-Ärger zu erleben. Foto: Imago images
Der Corona-Bundestrainer: Alfred Gislason hofft, endlich ein Turnier ohne Virus-Ärger zu erleben. Foto: Imago images © imago

Das deutsche Handball-Nationalteam startet verhalten optimistisch in die WM - der Kader ist gut, aber auch gut genug für eine Medaille?

Krisenmodus? Alltag für Alfred Gislason! Der berufliche Werdegang des erfahrenen Handballtrainers ist in den vergangenen Jahren nur so gepflastert von Komplikationen.

Rückblick: März 2020, zwei Tage vor Beginn der Pandemie, das erste Spiel von Gislason als Bundestrainer steht an - es fällt aus, Corona, undurchsichtige Lage, und überhaupt: Was ist da bitte los in dieser aus den Fugen geratenen Welt? Es folgen: 2021 die WM in Ägypten samt löchrigem „Bubble“-Konzept und Platz zwölf, die Olympischen Spiele in Tokio samt strikter Abschottung und Viertelfinalaus, sowie, 2022, die Chaos-EM in der Slowakei und Ungarn samt 18 positiver Corona-Fälle beim deutschen Team und Platz sieben.

„Ich sehne mich nach einem normalen Turnier“, sagt Gislason.

Ja, ein normales Turnier, eine normale WM, Erfolg und Misserfolg basierend auf sportlichem Tun, fernab von virenbefallenen Profis, auf taktischen Finessen, mannschaftlicher Geschlossenheit, individueller Fähigkeiten - und auf gewieften Trainern. Alfred Gislason zählt zweifelsohne zu ihnen, zu den ganz Großen ihres Fachs, des Handballs, den er in den vergangenen Jahren so sehr prägte. In Deutschland sowieso, in Magdeburg, Gummersbach, vor allem in Kiel, aber auch international. Drei Champions-League-Titel, sieben Deutsche Meisterschaften als Coach seien als Auszug der Erfolgsbilanz des 63-jährigen Isländers genannt.

Und mit dem deutschen Team? Drei Turniere, dreimal Blech, dazu eine Menge Kritik. Die Auswahl des DHB zählt auch bei der an diesem Mittwoch beginnenden WM in Polen und Schweden nicht zu den Favoriten, für den Titel müsste am Ende viel zusammenpassen, was im Grunde im guten, aber keineswegs überragenden Kader gar nicht drinsteckt. Dennoch blickt Gislason freudig voraus auf die Spiele, die aus seiner Sicht ersten richtigen, vollwertigen, ohne Störfaktoren von außen. „Auf Spiele, die wieder auf dem Spielfeld entschieden werden.“ So soll es sein.

Auftakt gegen Katar

Während der WM-Auftakt zwischen Frankreich und Polen gleich zwei echte Handballnationen zusammenführt, fliegt die deutsche Mannschaft erst am Donnerstag von Frankfurt nach Kattowitz. Dort, im Süden Polens, wird die Auswahl ihre Vorrundenspiele gegen Katar am Freitag (18 Uhr) sowie Serbien (15. Januar) und Algerien (17. Januar) absolvieren.

Das erste Zwischenziel ist klar: Verlustpunktfrei die Hauptrunde überstehen, was möglich scheint, geht es doch gegen maximal mittelmäßige Teams um Zähler. „Wenn man in der Vorrunde patzt, kann man das kaum wettmachen“, weiß Gislason um die Bedeutung eines bestenfalls geglückten Starts, schließlich will er mit seiner Mannschaft mindestens in die K.o.-Phase einziehen. Dann nämlich, ab dem Viertelfinale, wird es ernst, spielen die Teilnehmer entweder um Medaillen oder um die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2024 in Paris. „Wir sind nicht in der Position, eine Medaille als Ziel auszugeben, denn wir gehören nicht zu den Favoriten. Wir dürfen nicht träumen, sondern müssen realistisch bleiben“, mahnt der Bundestrainer.

In der Tat hat Gislason zwar einen manierlichen Mix aus Jung und Alt beisammen, auch ist da eine Menge Bundesligaqualität im Kader vorhanden, absolute Weltklasse aber findet sich nur auf wenigen Positionen: Im Tor kann Andreas Wolff diese an guten Tagen erreichen, was ihm im Nationaldress in der jüngeren Vergangenheit aber eher selten gelang. Am Kreis und in der Abwehr verkörpert Kapitän Johannes Golla absolutes Spitzenniveau, im Angriff soll sich Juri Knorr spätestens bei dieser WM dorthin entwickeln.

Der Jüngste im Kader, 22, gilt als Spielmacher der Zukunft, der in der aktuellen Saison einen großen Schritt in Richtung Gegenwart gemacht hat. Stand er bei den Rhein-Neckar Löwen im vergangenen Spieljahr im Schatten des Schweizer Großmeisters Andy Schmid, ist er nach dessen Abgang dort wie im DHB-Team die Nummer eins in Sachen Spielgestaltung. Juri Knorr, Sohn des früheren Nationalspieler Thomas Knorr, ist einer, der über Jahre hinweg das deutsche Spiel prägen, beflügeln und irgendwann mit den passenden Spielpartnern wohl auch zu Titeln führen könnte, bisweilen aber noch zwischen Genie und Wahnsinn pendelt, zwischen Knallertoren und irrwitzigen Ballverlusten.

Erinnerungen an 2016

Ohnehin hat Gislason eine Gruppe zu managen, die sich erst wird finden müssen - wie eigentlich immer zeit seines Wirkens für den deutschen Handball. Langjährige Stützen wie Uwe Gensheimer, Patrick Wienczek, Hendrik Pekeler oder Jogi Bitter, sind in DHB-Rente gegangen. Die Rückraum-Stammkraft Fabian Wiede lässt sich lieber die Weisheitszähne richten, statt zur WM zu fahren (was den Bundestrainer einigermaßen erzürnte). Julius Kühn und Marcel Schiller sind nach Verletzungen nach Trainer-Einschätzung nicht rechtzeitig fit geworden, Timo Kastening absolviert noch die Reha. Die Folge: Ein Mangel an Qualität in der Breite.

Dürften die ersten Sieben des deutschen Teams noch auf Weltniveau mithalten, gar manch Favoriten ärgern können, werden die Ersatzleute ihre Stärken bis ans Maximum ausreizen müssen, um das Team nicht zu hemmen. Eine stabile Abwehr, aufgestellt meist im 3-2-1-System, auch ein herausragender Torwart Wolff, werden nötig sein, um möglichst viele möglichst einfache Tore im Tempogegenstoß zu erzielen. Zudem gilt die WM mit Blick auf die Heim-Europameisterschaft 2024 als Übergangsturnier für die Deutschen, wenngleich niemand aus dem inneren Zirkel davon offen spricht. Gislason sagt: „Jedes Spiel ist wichtig für uns. Je besser wir die Schritte bewältigen, umso schneller werden wir vorankommen.“ Logisch.

Doch da wäre ja die Erinnerung an 2016, ohne Gislason zwar, dafür mit dessen Landsmann Dagur Sigurdsson, und: ebenfalls Polen. Der Außenseiter aus Deutschland zauberte sich durchs Turnier und holte am Ende überraschend den EM-Titel. Eine Wiederholung ist nicht komplett ausgeschlossen.

Dann wäre es für Gislason allerdings wieder kein stinknormales Turnier mehr. mit dpa

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