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Nicht so viel reden: Oleksandr Zinchenko, Allrounder der Ukraine. afp
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Nicht so viel reden: Oleksandr Zinchenko, Allrounder der Ukraine. afp

EM-Turnier

Dänemark, Ukraine, Schweiz, Tschechien: Der Aufstand der Zwerge

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Die Schweiz, Tschechien, Dänemark und die Ukraine spielen als EM-Außenseiter eine besondere Rolle.

Es ist guter Brauch bei jeder EM-Partie, dass der Stadionzuschauer vor Anpfiff ein Potpourri aus 60 Jahren Turnier-Geschichte geliefert bekommt. Über die Videowände laufen dann im Schnelldurchgang die prägenden Momente, aufs Feld strömende deutsche Fans 1972 kommen in den Schnipseln vor, der glückliche Horst Hrubesch 1980, das Traumtor von Marco van Basten 1988 in München natürlich. Irgendwann flimmern kurz freudetrunkene Griechen auf, die 2004 das letzte Lehrstück vom tapferen Außenseiter aufführten, der am Ende die EM-Trophäe stemmte. Wer auf eine solche Episode in diesem Jahr hofft, findet unter den Viertelfinalisten immerhin noch vier Teilnehmer vor, die die griechische Spur aufnehmen könnten.

Schweiz, Tschechien und Dänemark sowie die Ukraine sind die Überraschungsteams dieses paneuropäischen Experiments. Sie haben wie die Schweiz mit Frankreich den Weltmeister oder wie Tschechien mit den Niederlanden einen Geheimfavoriten aus dem Turnier katapultiert. Die Gala Dänemarks gegen Wales verdient Respekt, das Durchhaltevermögen der Ukraine gegen Schweden ebenso Anerkennung. Und was geht da noch, wenn die Schweiz gegen Spanien in St. Petersburg (Freitag 18 Uhr/ZDF) antritt, dann Dänemark und Tschechien sich in Baku (Samstag 18 Uhr/ ARD) messen, ehe die Ukraine gegen England in Rom (Samstag 21 Uhr/ ARD) spielt? Und was eint dieses Quartett, von denen einer ja auf jeden Fall das Ticket fürs Halbfinale löst?

Dänemarks Trainer Kasper Hjulmand erkennt in Tschechien fast einen Bruder im Geiste. „Sie spielen mit großer Intensität, sind sehr gut strukturiert und physisch sehr stark.“ Wobei sich der Antrieb aus unterschiedlichen Quellen speist.

Die Dänen sind nach dem tragischen Fall Christian Eriksen zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammengeschweißt, der Beinahe-Tod ihres Spielmachers wird diese EM immer überlagern, doch vielleicht wachsen den Skandinavier auch Flügel. 1992 kamen sie direkt aus dem Urlaub, um als Nachrücker sogar Europameister zu werden. Auch die Tschechen spornt die Aussicht an. einen Legendenstatus wie Karel Poborsky oder Pavel Nedved zu erlangen. Tschechiens Nationaltrainer Jaroslav Silhavy empfindet Vergleiche mit den EM-Finalisten von 1996 jedenfalls als Kompliment.

Vielleicht waren die Umstände nie so günstig wie diesmal, dass es zu einem Coup des Underdogs kommt, als der deutsche Trainer Otto Rehhagel für Griechenland die letzte Märchengeschichte eines Underdogs orchestrierte. Die Favoriten ächzen unter der Belastung; am Ende einer von Corona geprägten Saison 2020/2021, in der vor allem die Topspieler aus den Topnationen einer ungeheuren physischen wie psychischen Belastung ausgesetzt waren. Der verdichtete Spielplan, die teils fehlende Sommerpause, sich im Drei-Vier-Tages-Spielrhythmus nur in „Blasen“ bewegen: Irgendwann sind die (mentalen) Kraftreserven dann aufgebraucht.

Niemand hat das besser illustriert als Frankreichs Mittelfeldstar N’golo Kanté. Das Herzstück vom Champions-League-Sieger FC Chelsea gab bei dieser EM nur die Karikatur von einem Kraftprotz ab. Der Balldieb war am Ende all seiner Stärken beraubt. Dazu kam der Arroganz-Anfall eines Paul Pogba, der mit seinem übertriebenen Tänzchen im Achtelfinal-Thriller von Bukarest die Schweizer zu einem Kraftakt anstachelte. Augenfällig ist die besondere Mentalität der Aufmüpfigen, die Elfmeterheld Yann Sommer stellvertretend so beschrieb: „Egal, wie das Spiel läuft, egal, was passiert und welche Phasen wir im Spiel erleben – wir gehen bis zum Schluss!“ Mit viel Herz und großer Leidenschaft.

Wobei die Eidgenossen gleich noch der Welt zeigen wollten, dass niemand an der Identifikation der Spieler unterschiedlicher Herkunft mit ihrer „Nati“ zweifeln muss. „Jeder Schweizer kann auf diese Mannschaft stolz sein“, sagte der zum Viertelfinale gesperrte Granit Xhaka, der von einem Halbfinale in seinem „Wohnzimmer London“ träumt. Seit fünf Jahren kickt der Kapitän für den FC Arsenal. Auslandserfahrung ist ein unverzichtbarer Faktor für den Aufstand der Außenseiter: Die Schweiz hat 22 Legionäre nominiert, bei Dänemark spielen auch nur noch vier Akteure in der Heimat, allein sieben aber in Englands Premier League.

Bei Tschechien sind die internationalen Meriten von Torwart Tomas Vaclik (FC Sevilla), Antreiber Tomas Soucek (West Ham United) oder Torjäger Patrik Schick (Bayer Leverkusen) genauso unverzichtbar wie bei der Ukraine, wo Leistungsträger wie Oleksandr Zinchenko (Manchester City), Andrej Jarmolenko (West Ham) oder Ruslan Malinowski (Atalanta Bergamo) gelernt haben, sich gegen Widerstände zu behaupten.

Hier kommt auch der weltmännische Nationaltrainer Andrej Schewtschenko ins Spiel, der beim AC Milan und FC Chelsea zum vielleicht besten Botschafter seines Landes aufstieg. Dass in seinem Team vor dem Hintergrund des kriegerischen Konflikts mit Russland vor dem Viertelfinale auch extrem viel Pathos und Patriotismus zur Show gestellt werden, sollte seinem Land mit der bewegten Geschichte nach dem Heimturnier 2012 nun nicht verübelt werden.

Genau hinhören: Haris Seferovic, Stürmer der Schweiz. afp

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