1. Startseite
  2. Sport

Zweifel an der olympischen Idee

Erstellt:

Von: Felix Lill

Kommentare

Damals, in einer längst vergangenen Zeit: Cheerleader aus Nordkorea beim Frauen-Eishockey während der Winterspiele 2018.
Damals, in einer längst vergangenen Zeit: Cheerleader aus Nordkorea beim Frauen-Eishockey während der Winterspiele 2018. © AFP

Als 2018 die Spiele von Pyeongchang eröffnet wurden, schien der Sport noch für Frieden zu stehen.

Als die Eishockeyspielerinnen die Arena betraten, flossen reichlich Tränen. Ein koreanisches Team, das sich aus Süd und Nord speiste, im größten Wettbewerb der Nationen gemeinsam antrat, Jahrzehnten von Krieg und Kriegsdrohungen trotzte. Fans aus Südkorea hielten ein Banner hoch: „Wir sind eins.“ Auf der Tribüne saßen neben IOC-Präsident Thomas Bach auch Südkoreas Präsident Moon Jae-in sowie Kim Yo-jong, die Schwester und Gesandte von Nordkoreas Regierungschef Kim Jong Un.

Als am 9. Februar 2018 die Winterspiele von Pyeongchang eröffnet wurden, schienen alle Olympiazweifler eines Besseren belehrt. Doch bringt der Wettkampf wirklich die Völker zusammen?

Dieser Gedanke, den jetzt auch die Pekinger Gastgeber in den Vordergrund ihrer kontroversen Veranstaltung rücken wollen, löst in Korea kaum noch Begeisterung aus. Vier Jahre nach den Spielen, die Südkoreas Präsident Moon Jae-in als „Schneemann des Friedens“ bezeichnete, ist von Frieden wenig zu spüren. Im Januar machte Nordkoreas Regierung sieben Raketentests. Das in Südkorea weiterhin stationierte US-Militär sieht sie als Bedrohung an, weshalb es sein Atomwaffenprogramm fortführt und auch immer wieder in Teilen vorführt.

Dabei hatte nicht nur Südkoreas Präsident Moon gedacht, die Olympischen Spiele könnten wirklich die Weltpolitik lenken. Kim Jong Un lud seinen südlichen Amtskollegen in den Norden ein. Mehrere Male trafen die Regierungen aus Nord und Süd auf Gipfeln zusammen. So kam Südkoreas Olympisches Komitee mit einer bravourösen Idee: Die Sommerspiele 2032 sollten in Korea stattfinden, aber eben auf beiden Seiten der Grenze. Ähnlich stellte es sich der südkoreanische Fußballverband für die Frauenfußball-WM 2023 vor.

Doch dann fiel das Kartenhaus zusammen. US-Präsident Donald Trump kam Kim Jong Un nicht entgegen, was die UN-Sanktionen anging, sofern Nordkorea nicht sein Atomprogramm beenden würde. Nordkorea teilte Vorwürfe in alle Richtungen aus und begann wieder mit Raketentests. Wenige Stunden, bevor im Dezember 2019 die Bewerbungsunterlagen für die Frauenfußball-Weltmeisterschaft 2023 eingereicht werden mussten, zog Südkoreas Fußballverband alle Anträge zurück. Denn in Nordkorea konnte man sich mit niemandem über elementare Fragen austauschen.

„Wir können uns nicht mal E-Mails schicken“, klagte der für internationale Angelegenheiten zuständige Park Inkyu. „Wenn wir Informationen austauschen wollen, müssen wir das per Fax über unser Ministerium für Wiedervereinigung machen. Wir können uns auch nicht einfach mal treffen, selbst wenn es dringend ist.“

Mittlerweile sind die Spiele 2032 ans australische Brisbane vergeben worden. Als seltene Chance des Austauschs sehen offizielle Vertreter aus Südkorea zwar bis heute internationale Sportveranstaltungen. Aber für die Pekinger Spiele hat Nordkorea seine Teilnahme zurückgezogen – offiziell wegen der Pandemie. Ein weiterer Grund dürfte sein, dass sich Nordkoreas Regierung nicht mehr die gleiche globale Aufmerksamkeit durch Olympia verspricht wie noch vor vier Jahren. Längst hat sich der Eindruck verbreitet, dass beide Regierungen den Sport als schnelle PR-Show in eigener Sache begriffen, aber kaum auf entscheidende Details zu sprechen kamen.

„Bei den Spielen von Pyeongchang waren wir alle noch euphorisch“, erinnert sich Lee Jung-chan, der als Journalist für den TV-Sender SBS arbeitet. „Aber es wurde nur geredet. Es ist fast nichts passiert.“ Und es hat sich auch nichts entwickelt. Das zeigt sich exemplarisch an Koreas gemeinsamer Eishockeymannschaft der Frauen, die 2018 auch deshalb als gesamtkoreanische Truppe auserkoren wurde, weil sie ohnehin keine Chance auf Medaillen hatte. Sie verlor dann auch erwartungsgemäß jedes Spiel. Kurz nach Pyeongchang 2018 fiel das Team auseinander. Für die Spiele in Peking hat sich Korea, ob Süd oder Nord, nicht qualifiziert.

Auch interessant

Kommentare