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Am Freitag im Halbfinale von Paris gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas gefordert: Alexander Zverev.
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Am Freitag im Halbfinale von Paris gegen den Griechen Stefanos Tsitsipas gefordert: Alexander Zverev.

Tennis

Zverev, ein Familienbetrieb

  • VonJörg Allmeroth
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Bei den French Open in Paris arbeitet Halbfinalist Alexander Zverev am ersten Grand-Slam-Triumph - die enge Verwandtschaftsbande ist für ihn dabei wichtiger denn je.

Der erste Halbfinaleinzug bei den French Open war noch keine Viertelstunde alt, da stand Alexander Zverev schon wieder zur Extraschicht bereit. Ein, zwei kurze Pflichtinterviews nach dem mühelosen Dreisatzerfolg (6:4, 6:1, 6:1) gegen den Spanier Alejandro Davidovich Fokina ließ er über sich ergehen, dann schulterte der 24-jährige Hüne seine Tasche und marschierte vom Centre Court weg auf einen Nebenplatz. Dort knallte er dann ganze Serien von Aufschlägen vom Racket weg, in allen möglichen Variationen, stets mit Formel-1-Geschwindigkeit jenseits der 200 Stundenkilometer. „Ich war unzufrieden, wie es im Spiel mit dem Aufschlag gelaufen ist“, sagte Zverev später, ein Mann, der in Paris nicht einfach nur an einem Grand-Slam-Turnier teilnimmt. Zverev ist auf einer Mission unterwegs, und die heißt: Den Titel holen, auch gegen die ganz großen Jungs, also in einem möglichen Finale gegen Rafael Nadal. Zuerst aber muss der gebürtige Hamburger mal die heikle Halbfinalaufgabe gegen den formstarken Griechen Stefanos Tsitsipas (Dreisatz-Halbfinalsieg gegen den Weltranglistenzweiten Daniil Medwedew) stemmen, den Generationskollegen, der in der Rangliste einen Platz vor ihm steht, auf Position 5.

Als Zverev kurzentschlossen das Sondertraining nach der Arbeit anberaumte, war ein für diese Tage typisches Bild zu sehen. Nur etwa drei Meter vom Aufschläger Zverev entfernt, in der doppelten Corona-Abstandsdistanz, beobachtete Vater Alexander Zverev sr. jede Bewegung, jedes technische Detail der Schläge des Sohnes. Draußen, auf der ansonsten leeren Zuschauertribüne, verfolgte Bruder Mischa Zverev interessiert das Geschehen, nicht im mindesten erstaunt über die Verlängerung des Tagespensums. „Sascha will hier ums Turnier mitspielen, deshalb geht er auch die Extrameter“, sagt der 33-jährige, der selbst noch auf der professionellen Tour unterwegs ist. Der aber längst in eine ganz andere Rolle gewachsen ist, als Manager und Berater seines Bruders. Und als Mediator zwischen dem nicht immer ganz pflegeleichten Weltklassespieler und der Öffentlichkeit, beim TV-Sender Eurosport liefert er als Experte immer mal wieder Einblicke in die Gedankenwelt des aktuellen French-Open-Titelkandidaten. Der ältere Zverev ist dabei schlau genug, die hintergründigen Schilderungen nicht allzu parteiisch ausfallen zu lassen.

Nicht nur, weil die Corona-Zeiten eine Verschlankung der persönlichen Entourage erforderlich macht, steht das Familienunternehmen Zverev gerade wieder in seiner Kernaufstellung da – mit Vater Zverev als Coach, mit Bruder Mischa als Unterstützer in allen möglichen Lebenslagen und mit Mutter Irina als guter Seele des Betriebs. Viel hat Zverev in den Jahren seines Aufstiegs in der Welt des Wanderzirkusses ausprobiert, er verbündete sich mit prominenten Trainern wie Ivan Lendl, Juan Carlos Ferrero oder David Ferrer, er wurde von zwei einschlägig bekannten Managementagenturen betreut. Aber am wohlsten fühlt sich der 198-Zentimeter-Riese im kleinsten Familienkreis, in vertrauter Umgebung, mit Menschen, von denen er weiß, dass sie ihm vorbehaltlos vertrauen und ihn 24 Stunden lang an 365 Tagen im Jahr unterstützen. Oft genug war Zverev auch in jüngerer Vergangenheit empfohlen worden, sich neue Impulse jenseits der familiären Strukturen zu suchen, sportlichen oder auch mentalen Ratschlag von kompetenten Leute in der Szene. Aber es fand kein Gehör bei Alexander Zverev, insbesondere nicht in der Causa des Trainerjobs: „Mein Vater wird immer mein Trainer sein. Ihm und meiner Mutter habe ich alles zu verdanken“, sagt Zverev.

Zwischen Vater und Sohn kracht es zwar auch immer mal wieder – mit mehr oder weniger größerer Intensität –, aber auch in den wichtigsten Matches auf den größten Bühnen sucht der 24-jährige stets den Blickkontakt zum coachenden Papa. Auch kleine taktische Hinweise werden bei der dezenten Kommunikation ausgetauscht, ganz selbstbestimmt und eigenverantwortlich läuft der Spiel-Film für den Weltranglistensechsten dann doch nicht ab. „Sein Vater kennt ihn am besten. Er weiß genau, in welcher Verfassung er in jedem Moment des Spiels ist“, sagt Boris Becker, ehemals Chef der DTB-Männer. So saß Vater Zverev denn auch bei Länderspielen des Sohnes für Deutschland wie selbstverständlich in der Teamloge und versorgte Kapitän Michael Kohlmann mit Tipps für die Pausenbesprechungen.

Zum Slogan „Family first“ (Familie zuerst) passt auch, dass Bruder Mischa aktiv in die Gegnerbeobachtung eingeschaltet ist. Der erste der Zverev-Brüder, der einst ins professionelle Tennis einstieg und den Sprung nach ganz vorne verpasste, ist ein messerscharfer Beobachter mit analytischem Blick – und er kennt sogar noch den ein oder anderen Rivalen aus eigenem Erleben. Er ist allerdings auch der unbestechlichste Augenzeuge und Späher, wenn es um Bruderherz Sascha selbst geht. „Ich sage ihm, was Sache ist. Nicht, was er irgendwie hören will“, sagt Mischa, „ich glaube aber, dass Sascha nun seinen Platz im großen Tennis, bei den Grand Slams, gefunden hat.“

Diesen Eindruck hinterlässt der deutsche Frontmann tatsächlich mehr denn je bei diesen French Open. Den Eindruck eines Mannes, der einen neuen Reifegrad als Berufsspieler erlangt hat – mit all den gewonnenen Erfahrungen, mit den verdauten Enttäuschungen, mit dem Wissen, wie diese herausfordernde Strapaze eines Grand-Slam-Wettbewerbs über zwei lange Wochen zu meistern ist. Dazu gehört auch, jetzt nicht nachzulassen, nicht irgendwie Zufriedenheit über die bloße erste Halbfinalteilnahme in Paris zu empfinden. Das Schwerste und vielleicht auch Beste kommt erst noch für Zverev. Die Spiele, von denen der junge Zverev einst mit der ganzen Familie träumte. „Freuen kann ich mich später“, sagt er.

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