Zweiter der zweiten Liga: Arminia Bielefeld befindet sich in Topform. dpa

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Arminia Bielefeld überrascht in der zweiten Liga und fordert nun im Pokal den FC Schalke 04. Nur Heribert Bruchhagen warnt vor zu viel Begeisterung

Wenn es jemand schafft, bei einem fußballerischen Höhenflug die Rasenhaftung zu behalten, dann Heribert Bruchhagen. Der Ex-Manager, der regelmäßig beim Golfen anzutreffen ist, dafür nur noch selten bei TV-Expertenrunden, verkörperte jahrelang die reine Nüchternheit. Dass die Bundesliga zementiert ist, also die Platzierungen der Teams in der Tabelle, werden sie gerade bei Eintracht Frankfurt dank des 71-Jährigen nie mehr vergessen – selbst in Zeiten von Pokaltriumphen und Europapokalüberraschungen. Ein paar Ausschläge nach oben, das schon, grundsätzlich aber sei ein Vorwärtskommen wegen der „Spreizung“, dem Gefälle zwischen Top- und Mittelklassemannschaften, eigentlich nicht möglich. Soweit Heribert Bruchhagen.

Wer also, wenn nicht dieser Mann, sollte besser dafür geeignet sein, einen Klub auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen? Das dachte sich offenbar auch ein Mitarbeiter von Arminia Bielefeld und bat den einstigen Funktionär der Ostwestfalen (1998 bis 2001), der nur eine halbe Autostunde entfernt in Harsewinkel heimisch ist, zum Gespräch. Und Bruchhagen lieferte: „Wenn die Arminia einen Platz zwischen 16 und 25 im deutschlandweiten Ranking belegt, wäre das ideal. Wenn die anderen Vereine alles richtig machen, dann ist die Arminia wohl erstmal nicht in der Bundesliga, sondern im gehobenen Niveau der Zweiten Bundesliga zu finden.“

Dieses gehobene Niveau im Fußball-Unterhaus ist momentan jedoch ziemlich weit oben. Mit 22 Punkten aus elf Spielen liegen die Bielefelder zurzeit auf Rang zwei, nur zwei Zähler hinter dem HSV. Im kompletten Jahr 2019, also die Rückrunde der vergangenen Saison mit eingerechnet, gibt es überhaupt kein besseres Team. 53 Punkte verbuchte die Arminia da insgesamt, zehn mehr als die Hamburger. Vergangene Saison reichte es für Platz sieben, vor zwei Wochen wurde dem HSV ein Remis abgetrotzt und am vergangenen Spieltag zog die Arminia dank des 1:0-Erfolgs in Dresden gar an Aufstiegsfavorit VfB Stuttgart vorbei. An diesem Dienstag wartet nun mit dem Heimspiel gegen den Bundesligisten FC Schalke 04 (20.45 Uhr) in der zweiten Runde des DFB-Pokals der nächste Kracher. „Wenn Bielefeld es schafft, den Schalker Spielrhythmus zu stören und die eigenen Stärken durchzubringen, besteht eine kleine Chance. Aber wenn Schalke seine Leistung abruft, dann sehe ich sie vorne“, sagt Realist Bruchhagen.

Bruchhagen warnt vehement

Die Stärke der Arminia hat vor allem mit einer Person zu tun, die nicht einmal auf dem Rasen steht: Uwe Neuhaus. Der 59 Jahre alte Fußballlehrer, der schon bei Union Berlin die anfänglichen Weichen für den späteren Bundesligaaufstieg stellte sowie es anschließend mit Dynamo Dresden von der dritten in die zweite Liga schaffte, hat binnen eines Dreivierteljahres die Bielefelder Fußballer mit einem immensen Selbstvertrauen ausgestattet.

1,97 Punkte holte die Arminia seit dem Amtsantritt von Neuhaus im Dezember 2018, Bestwert in der Karriere von Neuhaus. Der gelernte Elektriker setzte die Kicker von der Alm wieder unter Strom, vermittelte dem Team dazu einen erfolgreichen Mix aus gefälligem Ballbesitzfußball und überfallartigen Kontern. Er sei „total authentisch“, sagt Sportchef Samir Arabi über den Bielefelder Bessermacher, der sich selbst als „ehrlichen Arbeiter“ bezeichnet, und den vor allem an der Seitenlinie nichts aus der Ruhe zu bringen scheint. Jene Situation, in der sich Neuhaus eine Gelbe Karte einfängt, muss wohl erst erfunden werden. Aber sind die Bielefelder nun ein Spitzenteam? „Ansätze sind da“, sagt ihr Trainer, fügt dann aber im Bruchhagen’schen Stil an: „Aber im Erfolg werden die größten Fehler gemacht. Und ich bin jeden Tag auf der Suche, sie zu entdecken.“

Dem FC Schalke könnte der formstarke Zweitligist aber allemal gefährlich werden, das Stadion auf der Alm ist ausverkauft. Gerade mal drei Minuten und 50 Sekunden hatte es gedauert, bis die rund 2000 Restkarten im Onlineverkauf weg waren. Dazu steht die Mannschaft nicht nur defensiv stabil, sondern hat vorne drin auch noch einen „echten Leuchtturm“. So bezeichnete Experte Bruchhagen passenderweise den Bielefelder Torjäger Fabian Klos. In seiner nunmehr neunten Bielefelder Saison knipst der 1,94-Meter-Mann eigentlich immer verlässlich – selten spektakulär, dafür äußerst effektiv. Auch in dieser Spielzeit gelangen ihm schon wieder sieben Buden. Neben Klos attackiert der zwar etwas ungefährlichere, dafür aber deutlich laufstärkere Andreas Voglsammer (sechs Tore). Und für die Zuarbeiten sorgt dahinter vornehmlich der isländische Nationalspieler Joan Simun Edmundsson – gewiss ein gefährliches Angriffstrio.

Heribert Bruchhagen jedoch hält an seiner Zementtheorie fest. Er würde zwar gerne die Überschrift „Arminia zurück in der Bundesliga“ lesen, „ich möchte aber darauf hinzuweisen, dass das nicht die Erwartungshaltung sein darf, da es konterkarierend zur mit Bedacht arbeitenden Bielefelder Vereinsführung stünde.“

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