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Sogar eine Audienz bei Papst Franziskus hatte sie: Yusra Mardini.
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Sogar eine Audienz bei Papst Franziskus hatte sie: Yusra Mardini.

IOC Refugee Team

Olympia-Heldin: Yusra Mardini tritt nach Flucht aus Syrien im Schwimmen an

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Yusra Mardini flüchtet mit 18 Jahren aus Syrien, schwimmt drei Stunden im Mittelmeer und findet ihre neue Heimat in Deutschland - die Geschichte einer Heldin, die das zweite Mal bei Olympia dabei ist.

Ihr Vater, das sollte man wissen, ist ein ausgezeichneter Schwimmer, schon als Jugendlicher war er das. Das kühle Nass zog ihn an, da wollte er rein, abtauchen, abschalten, genießen, die Ruhe als Rückzugsort. Wäre das Wasser eine Frau, hat er mal liebestoll erzählt, dann hätte er sie geheiratet. „Ich bin verliebt in das Wasser.“ Ihr Vater ist auch ein ausgezeichneter Schwimmlehrer. Einst trainierte er das Nationalteam in seiner Heimat Syrien. Vor allem ist ihr Vater aber ein ausgezeichneter Papa, manchmal streng, klar, so wie es Papas eben ab und an sind, vielleicht sein müssen, meist aber herzlich, lustig, nett. Ezzat Mardini, ihr Vater, hat das Leben von Yusra Mardini zweifelsohne geprägt.

Mit drei Jahren schon nahm er seine kleine Yusra mit ins Schwimmbad, sie sollte kennenlernen, was er so liebt. Heute, zwanzig Jahre später, die kleine Yusra ist längst die große Frau Mardini, sagt sie: „Ich kann ohne den Sport, das Schwimmen nicht leben.“ Es habe zwar immer mal Höhen und Tiefen gegeben, auch kurze Auszeiten vom Schwimmen, aber immer tauchte sie irgendwann wieder auf. „Man lächelt, man weint, man hasst es, man liebt es – im Sport gibt es alle Emotionen.“ Über die 400 Meter Freistil ist sie Rekordhalterin ihrer ehemaligen Heimat.

Yusra Mardini, 23, geboren und aufgewachsen in Damaskus, Syrien, als Jugendliche mit ihrer Schwester Sarah geflüchtet vor den Bomben, ohne Vater Ezzat und Mutter Mervat, erst über Land in die Türkei, dann übers Wasser, die Ägäis, nach Griechenland. Fast gestorben in den hohen Wellen, den eiskalten Fluten, am Ende zur Lebensretterin geworden. Weiter nach Nordmazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, schließlich Deutschland, ins Flüchtlingsheim der Berliner Schmidt-Knobelsdorff-Kaserne. Stets mit dabei: Die Träume von einem anderen, besseren, vor allem sichereren Leben fernab von Bürgerkrieg, von Leid, Schmerz und Tod. Ihre Träume, sie sind in Erfüllung gegangen.

Yusra Mardini: Zum zweiten Mal bei Olympia dabei

In diesen Tagen steht Yusra Mardini zum zweiten Mal im Geflüchtetenteam des Internationalen Olympischen Komitees, offiziell: im IOC Refugee Olympic Team. Unter 55 Kandidat:innen wurden 29 Athletinnen und Athleten ausgewählt. Mit ein bisschen Wohlwollen des IOC darf sie am Freitag in Tokio sogar die weiße IOC-Flagge mit den fünf olympischen Ringen bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele 2021 ins Stadion tragen. „Das ist einer meiner größten Träume“, sagt sie kürzlich in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur in Hamburg, wo sie mittlerweile in einer WG im beschaulichen Stadtteil Barmbek lebt und im Olympiastützpunkt trainiert. „Ich würde richtig, richtig stolz sein.“

Die Lebensgeschichte von Yusra Mardini ist eine nicht ganz unbekannte, im Gegenteil. Vor allem 2016, als die damals 18-Jährige in Rio de Janeiro das erste Mal an Olympischen Spielen teilnahm, wurde sie oft erzählt. Das IOC hatte für die Spiele in Brasilien erstmals ein Olympiateam ins Leben gerufen, eine gelungene Idee, für die Sportlerinnen und Sportler, aber auch das arg ramponierte Image des Weltverbandes. Die Presse stürzte sich auf Yusra, die Heldin aus Damaskus - und die junge Frau erzählte ihre Story. Eine, die auch Jahre später noch Unbehagen zurücklässt, mindestens, oder Frust, auch ein bisschen Freude über den guten Ausgang, vor allem aber Trauer, dass es so vielen, vielen anderen Geflüchteten anders erging und noch immer ergeht, dass sie dem Tod entkommen wollen und doch ihr Leben lassen.

Yusra Mardini: Medienanfragen auf der ganzen Welt

Yusra Mardini, dunkles Haar, blitzende, dunkle Augen, fotogen, ist eine aufgeweckte Frau, frech, lustig, klug, längst auch erfahren im Umgang mit der Öffentlichkeit. Selbst versorgt sie ihren Instagram-Kanal und die 140.000 Follower mit ständigen Updates. Zuletzt erst aus dem Trainingslager auf Teneriffa sowie kurz drauf aus Doha, wo sich das IOC-Team traf. Seit zwei Tagen ist sie nun in Tokio und bereitet sich dort auf ihre Wettkämpfe vor.

Weit wird sie nicht kommen, nach den Vorläufen dürfte Schluss sein, ihre Zeiten können nicht mit denen der internationalen Spitzenschwimmerinnen mithalten. Nach den Regeln, die nur Zahlen kennen und Ergebnisse in Hundertstelsekunden bemessen, hätte sie es gar nicht zu Olympia schaffen dürfen. Aber sie ist da. Weil sich jenes, was sie in ihrem Leben erreicht hat, eben nicht in Zentimetern oder Sekunden messen lässt. Vor den Tokio-Spielen nimmt auch die Zahl der Medienanfragen zu. Das „Time-Magazin“, Globo TV in Brasilien, Japans Nachrichtenagentur Kyodo wollen Interviews.

Ausgewählte nimmt sie wahr. Nur die Geschichte von der Flucht und dem Meer erzählt sie nicht mehr. Sie ist doch schon so häufig erzählt worden und handelt davon, wie Schlepper 20 Geflüchtete aus Syrien und Somalia in ein Schlauchboot pferchen, der Motor bald ausfällt, die Wellen ins Boot schwappen, Yusra und ihre zwei Jahre älter Schwester Sarah, auch Leistungsschwimmerin, ins Wasser springen. Die beiden, seit Jahren trainiert von ihrem Vater, nehmen das Boot ins Schlepptau, paddeln mit zwei weiteren Männern der Insel Lesbos entgegen, und sie paddeln und paddeln. Jede Welle als Gegner, umklammert von der Kälte - mehr als drei Stunden geht das so. Noch mal: mehr als drei Stunden! „Natürlich habe ich übers Sterben nachgedacht“, sagte Mardini vor einiger Zeit. „Ich habe mein ganzes Leben noch einmal vor meinen Augen gesehen, meine Eltern.“ Aber: „Wir haben gedacht: Es wäre eine Schande, wenn wir nicht helfen. Wir sind doch Schwimmerinnen.“

Yusra Mardini: Albträume über Flucht aus Syrien

Manchmal packen sie auch noch Albträume, „Aber wenn ich die Augen aufmache, dann weiß ich es. Was auch immer passiert, ich werde aufstehen.“ So hat sie es in ihrem Buch „Butterfly“ geschrieben. Im kommenden April wird ein Film folgen, weltweit abrufbar auf Netflix, „The Swimmers“, die wahre Geschichte von Yusra und Sarah. Auch Matthias Schweighöfer hat eine Rolle als Schwimmtrainer der Wasserfreunden Spandau 04, jenem Verein, der Yusra Mardini nach ihrer Ankunft in Deutschland herzlich empfing.

Wenn die junge Frau lacht, blitzt ihre winzige Zahnlücke hervor. Und sie lacht oft, sehr oft. Ihr zuzuhören ist ansteckend. Sie hat ihre anfängliche Scheu abgelegt, die Medienarbeit erledigt sie locker, das Mädchen aus Damaskus ist ein kleiner Star geworden. Sie hatte eine Audienz bei Papst Franziskus, traf den früheren US-Präsidenten Barack Obama und den ehemaligen UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR ernannte sie vor einigen Jahren zur jüngsten Sonderbotschafterin überhaupt.

Yusra Mardini: Deutsche Staatsbürgerschaft als Wunsch

Auch ihre Schwester, die ältere und nicht für die Spiele nominierte Sarah Mardini, sorgt für Schlagzeilen. 2018 wurde sie verhaftet in Griechenland, nachdem sie Flüchtenden half, das Land sicher zu erreichen. Die Vorwürfe: Menschenschmuggel, individuelle Bereicherung durch Spenden, Geldwäsche, Spionage und die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. 100 Tage saß sie in Haft.

Die Geschichte der Mardinis, vor allem von Sarah und Yusra, ist eine fast unglaubliche. Den Tod vor Augen, erst in der Heimat, dann auf der Flucht. Aufgenommen von tollen Menschen in Deutschland, in Berlin, Hamburg, aufgestiegen zu einem Vorbild, einem Gesicht der Hoffnung. Angekommen bei Olympischen Spielen, erst in Rio, jetzt in Tokio. „Ich glaube“, sagt Yusra Mardini, „mein Vater ist stolz.“ Länger schon strebt sie die deutsche Staatsbürgerschaft an, Tokio könnten ihre letzten Olympischen Spiele sein. Die deutschen Quali-Normen sind ein gutes Stück von ihren Zeiten entfernt. Doch die 23-Jährige hat genügend andere Pläne. Erst mal wolle sie studieren, sagt sie, „und eine Schwimmschule eröffnen“. Das ist ihr wichtig, weil sie weiß, wie wichtig Schwimmen sein kann. Überlebenswichtig.

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