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„Wollen wir nicht die Zauberer sehen?“

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Von: Ralf Bach

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Ferrari-Dreamteam: Ross Brawn (links) und Michael Schumacher 2003.
Ferrari-Dreamteam: Ross Brawn (links) und Michael Schumacher 2003. © Paolo Cocco/afp

Formel-1-Legende Ross Brawn über das Besondere bei Fahrern wie Max Verstappen und Michael Schumacher

Herr Brawn, wie geht es Ihnen?

(lächelt) Leben im Moment ist Überleben. Durch die Corona-Pandemie und den Krieg in der Ukraine war das Leben für alle nicht so einfach.

Werden Sie Ende des Jahres Ihren Job als Sportchef des F1-Vermarkters hinschmeißen?

Ich will deutlich kürzertreten, sagen wir mal so. Ich werde mit meiner Expertise weiterhin zur Verfügung stehen, aber nicht mehr jeden Tag verantwortlich für einen Bereich sein. Das heißt, ich werde mich wieder mehr um meine Kinder und Enkelkinder kümmern, mehr zum Fischen gehen und meinen Garten pflegen.

Sie haben so viele Jahre mit der Formel 1 verbracht. Wurde sie Ihnen nicht mal langweilig?

Es gab verschiedene Perioden, verschiedene Herausforderungen. Ich war Teil eines Teams, dann hatte ich mein eigenes, schließlich arbeitete ich für den Vermarkter. Das sind immer völlig verschiedene Aufgaben. Und auch der Druck war jeweils anders.

Wo ist der Druck am größten?

Definitiv, wenn du für ein Team arbeitest oder dein eigenes führen musst. Diese Aufgabe ist so unglaublich verantwortungsvoll, so unglaublich intensiv. Heute könnte ich das nicht mehr. Die Emotionen sind so hoch, egal ob du gewinnst oder verlierst. Heute genieße ich es, mitzuhelfen neue Fans zu generieren. Wir haben zum Beispiel mehr weibliche Anhänger als früher.

Sie sind für die neuen F1-Regeln in diesem Jahr mitverantwortlich. Wie sieht Ihr Fazit bisher aus?

Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden. Die Autos können dichter hintereinander fahren und dementsprechend besser überholen. Auch das Nebeneinanderfahren ist einfacher geworden. Vorher, das wissen nicht viele, hat ein Auto auch da Performance verloren. Pirelli hat auch seinen Teil zur Verbesserung beigetragen. Das hat also alles schon mal gut funktioniert. Dass einige Teams besser die neuen Regeln umsetzen konnten und die, welche es nicht so konnten, motzen, ist Formel-1-Folklore und war vorher eingeplant. Es hat besonders Mercedes getroffen. Aber die sind keine Idioten, sie werden es hinbekommen. Grundsätzlich gewinnen aber die gleichen Teams wie in den letzten Jahren.

Der Eindruck ist, dass die aktuellen Autos schwieriger am Limit zu bewegen sind und dass deshalb gute Fahrer sich abgrenzen können. Ist das auch Ihr Eindruck?

Das ist durchaus möglich. Das ist dann auch so gewünscht. Denn die besten Fahrer sollen am Ende auch vorne sein.

Sie haben so viele Fahrer erlebt. Wie ordnen Sie Max Verstappen ein?

Sehr hoch. Seine Überlegenheit in Spa erinnerte mich beispielsweise an Michael Schumacher zu seinen besten Zeiten. Wenn du ein perfektes Auto hast und dann Piloten wie Michael oder Max, dann fahren die wie auf einem anderen Planeten. Dann spürst du als Zuschauer diesen gewissen Zauber. Man darf nämlich nicht vergessen: Es gibt immer noch einen anderen Fahrer mit dem gleichen Auto, der nicht den Unterschied machen kann. Klar, wir wollen harte Kämpfe, geführt von vielen Piloten. Aber wollen wir nicht auch gleichzeitig die Zauberer sehen, die sich von den anderen abheben? Ich denke schon.

Wie würde der Kampf Michael Schumacher gegen Max Verstappen im gleichen Alter heute ausgehen?

Das wäre phantastisch zu beobachten. Ich hoffe deshalb, dass Charles Leclerc oder Lando Norris in Zukunft ein Auto haben werden, um Max herausfordern zu können.

Was machen die speziellen Fahrer wie Verstappen, Schumacher oder Senna aus?

Sie haben durch ihr Talent einfach mehr Kapazitäten. Wie ein Supertalent im Fußball, der nicht auf den Ball schauen muss, der am Fuß klebt, sondern schon nach vorne auf den nächsten Spielzug schauen kann. Ein Beispiel von Michael: Bei irgendeinem Rennen beschwerte er sich über Funk, dass wir ihm nicht die richtige Rundenzeit durchgegeben hätten. Er hätte gerade auf einer der großen Leinwände gesehen, dass er die schnellste Rennrunde gefahren sei. Was er nicht wusste: Es war sein Bruder Ralf, der das gerade getan hatte. Die Superstars haben einfach mehr Zeit, bei allem, was sie tun. Das gilt für alle Sportarten.

Und Lewis Hamilton?

Lewis befindet sich im Herbst seiner Karriere, das heißt aber nicht, dass sie schon beendet ist. Er hat dieses Jahr seit extrem langer Zeit wieder ein Auto, mit dem er nicht gewinnen kann. Deshalb verwendet er viel Energie darauf, dieses wieder zu ändern. Für ihn ist diese Zeit deshalb eine Art Charaktertest. Kann schon sein, dass Teamkollege George Russell deswegen in den Rennen hungriger ist. Man kann seine Situation ein wenig mit Michaels Situation beim Comeback mit Mercedes vergleichen. Michael definierte seine Rolle neu. Er opferte sich für die Zukunft sozusagen. Dass er aber noch sauschnell war, bewies er 2012 mit der Pole Position in Monaco. Und, was noch gleich ist: Mit Nico Rosberg hatte Michael einen jungen Teamkollegen, der wahnsinnig gut war. Ich finde, er wird heute immer noch unterschätzt. Er war quasi der Russell von Michael damals. Aber Lewis wird wiederkommen, da bin ich überzeugt. Genau wie sein Team. Ich bin nämlich der Meinung, dass Schwächephasen, die man überwinden muss, einen noch stärker machen. Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Was meinen Sie genau?

Man darf nicht vergessen, dass wir mit Ferrari drei WM-Titel knapp verloren haben, bevor wir es mit Michael Schumacher 2000 das erste Mal schafften. Die drei Jahre vorher waren eine Härteprüfung. Das Team hätte aus Enttäuschung auch auseinanderfallen können. Aber das Gegenteil war der Fall: Wir wuchsen noch enger zusammen und wurden besser. Wir lernten viel und machten schließlich aus unseren Schwächen Stärken. Kann sein, dass das bei Mercedes auch gerade passiert.

Interview: Ralf Bach

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