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Wo Olympia zuhause ist

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Von: Günter Klein

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Ein Fest für den Sport und für die Stadt: der Münchner Olympiapark während der Eröffnungsfeier im Sommer 1972.
Ein Fest für den Sport und für die Stadt: der Münchner Olympiapark während der Eröffnungsfeier im Sommer 1972. © imago sportfotodienst

An wenigen Orten ist die Sportveranstaltung derartig mit der Stadt verwachsen wie in München. Zeitzeugen erinnern sich an ihre ganz eigenen Olympia-Geschichten.

Siegfried Becker, 82, saß im Olympiastadion. Er konnte es nicht verlassen, auch als fast alle schon gegangen waren an diesem Abend. Es war der Dienstag vor einer Woche. Er hatte gesehen, wie Zehnkämpfer Niklas Kaul in einem 1500 Meter langen Sturmlauf die Goldmedaille gewonnen hatte und Sprinterin Gina Lückenkemper 100 Meter über die Kunststoffbahn getrommelt und ins Ziel gehechtet war. Siegfried Becker verharrte auf seinem Sitz auf der Gegengeraden und spürte seinem Leben nach. Er war zurück im Jahr 1972. Von den European Championships zu den Olympischen Spielen.

Ein junges Paar kam die Treppe hoch, an seinem Platz vorbei. Man nickte sich zu, kam ins Gespräch. „Die jungen Leute“, so Becker, „waren noch nie in München gewesen“ und von der Stimmung überwältigt. Zusammen gingen sie, Becker und das Pärchen, unter dem Zeltdach entlang, und der alte Mann begann zu erzählen, wie München 1972 sein Leben beeinflusst hat. Wie es einen anzieht, nicht loslässt und zurückholt, auch wenn man am anderen Ende der Welt sein wollte.

Die München-und-Olympia-Geschichte von Siegfried Becker beginnt im März 1968. Er lebte in Rumänien, ein Banater Schwabe. Er war Speerwurf-Jugendnationaltrainer, man lud ihn zu einem internationalen Lehrgang nach Stuttgart ein; danach fuhr er nach München, weil er dort Verwandte hatte. Er ging mit ihnen aufs Oberwiesenfeld, die Olympia-Baustelle, nur der Turm war fertig. Zu dessen Fuß das einzige Gebäude weit und breit, ein Restaurant, ein Wienerwald. Er aß ein halbes Huhn. Dieser Überfluss. „In Rumänien hätte eine zehnköpfige Familie davon satt werden müssen.“

Einen Monat später lernte Becker Marion Steiner kennen, eine Speerwerferin der DDR. Es war die große Liebe, sie heirateten, Marion siedelte nach Rumänien über, qualifizierte sich 1972 für die Olympischen Spiele. Siegfried Becker reiste mit nach München, bevor die Securitate ihn festhalten konnte. Am 4. September, einen Tag vor dem Attentat, setzten Marion und Siegfried Becker sich ab. Die österreichische Hochsprung-Weltrekordlerin Ilona Gusenbauer half dabei, sie reichte Marions Taschen über den Zaun des Olympischen Dorfs. Almut, die Tochter der Beckers, zwei Jahre alt, blieb in Rumänien zurück, erst 1975 durfte sie ausreisen. Marion Becker gewann bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal die Silbermedaille im Speerwurf, Siegfried wurde Dozent für Leichtathletik am Zentralen Hochschulsport (ZHS), der die olympischen Anlagen im Nordteil des Parks übernommen hatte.

Neues Zeitalter mit Olympia

„München“, sagt er, „wurde zu meinem Paradies.“ Er hatte Olympia jeden Tag nah bei sich. Nach einer Lebenskrise – Marion ließ sich von ihm scheiden – ging er nach Amerika, arbeitete in San Francisco als Personal Trainer, verdiente gutes Geld, aber vermisste seine Studenten. Er kehrte zurück. „Die Jahrtausendwende habe ich im Olympiastadion erlebt.“ Und nun die European Championships. Nach dem Leichtathletik-Abend ging er hinüber zu seiner abgerissenen alten Halle und hatte noch einmal vor Augen, wie sich am 26. August 1972, diesem strahlenden Samstag, die Nationen sammelten und „eine Holzbrücke über den Mittleren Ring zum Einmarsch querten“. Vor fünfzig Jahren begann die Olympia-Show. Und ein neues Zeitalter.

Siegfried Becker am 26. August 1972 auf dem Sammelplatz der Nationen vor dem Einmarsch ins Olympiastadion.
Siegfried Becker am 26. August 1972 auf dem Sammelplatz der Nationen vor dem Einmarsch ins Olympiastadion. © Privat

27 Jahre nach Ende des Kriegs wurde der einstige Aggressor Deutschland von der Welt in die Arme genommen. Das Land befand sich im wirtschaftlichen Aufschwung, zu den Olympischen Spielen kauften sich viele Familien den ersten Farbfernseher. Man war stolz auf das Zeltdach über den Olympia-Sportstätten, Deutschland war nicht mehr Marschmusik, sondern Pop. Das wurde mit den ersten Minuten der Eröffnungsfeier klar.

Nicht dabei war ein hoffnungsvoller deutscher Fechter: Thomas Bach, 18. Zu jung, sagte man ihm, er wurde nicht nominiert. „Ich war so traurig, dass ich ins Ausland gefahren bin, ich wollte weit weg sein“, erzählt er. „Doch ich hatte ständig den Fernseher an – da dachte ich, dann kann ich auch zurück nach Hause.“ München trieb ihn an, vier Jahre später wurde er Olympiasieger, heute ist er als IOC-Präsident höchster Amtsträger in der olympischen Bewegung – die aber, wie viele finden, mit dem heiteren Teil der Spiele von 1972 nichts mehr gemein hat. München steht für einen Spirit, wie er sich nach und nach aufgelöst hat.

Der Geist von 1972

In München ist der Geist von 1972 immer erhalten geblieben. Das findet Wolfgang Simon, 75, aus Wolfratshausen. Er hatte einen Job bei Olympia, das ergab sich über Handball-Kontakte. „Ich wurde von einem Bekannten angesprochen, der bei der Polizei war: Man suchte Leute mit Führerschein.“ Simon wurde als Fahrer vom amerikanischen Sender ABC verpflichtet – und geriet mitten hinein ins sportliche Weltgeschehen. Eine der glitzernden Geschichten von 1972 ist die der Sprintstars aus den USA, deren Trainer einen veralteten Zeitplan hatte, weswegen sie ihren 100-Meter-Lauf verpassten und disqualifiziert wurden. Wolfgang Simon, der später fast vierzig Jahre im Münchner Kreisverwaltungsreferat arbeitete, fuhr den Kleinbus, der zum Start ins Olympiastadion raste, um die Katastrophe noch abzuwenden.

Die Olympischen Spiele warfen ein großes Netz über die Stadtgesellschaft. Jeder konnte sich irgendwo einhaken. Mindestens durch das Profitieren von einer modernen Infrastruktur, im besseren Fall noch durch das Glück, Tickets zu bekommen und Mark Spitz oder Ulrike Meyfarth zu sehen. Viele waren auch Teilnehmer im weitesten Sinne: als Läufer in der Fackelstaffel, als Trachtler bei der Eröffnungsfeier, als Hostessen, Kampfrichter. Wer heute noch von den Tagen zwischen dem 26. August und dem 4. September erzählen kann, war 1972 jung, der Lebensweg noch offen und beeinflussbar. Die Spielstraße, die Gäste von überall her, Menschen, die auf den Rasenflächen des Olympiaparks fläzten – die damals neuen Bilder haben sich eingebrannt.

Ebenso das palästinensische Attentat auf die Israelis am 5. September. Auch dazu gibt es ein Münchner Beziehungsgeflecht, wie die Schriftstellerin Ulrike Draesner, 60, meint. Drei Jahrzehnte nach ihrem Kindheitserlebnis Olympia schrieb sie einen Roman dazu: „Spiele.“ Sie erklärt: „Man kennt einen Polizisten, der an diesem Tag eingesetzt wurde, einen Busfahrer, der im Olympischen Dorf Dienst hatte, eine Putzfrau, die am Tatort aufwischen musste.“ Wolfgang Simon erinnert sich, wie er am 5. September zu seinem Dienst bei ABC fuhr. „Ich wusste nicht, dass etwas passiert war. Aber ich spürte auf dem Weg: Die Stimmung war anders.“ München verwuchs komplett mit seinen Spielen.

Siegfried Becker ging 2005 am ZHS in Ruhestand. Gefeiert von seinen Studierenden, für die es nicht von Schaden war, dass München und speziell der Fleck olympischer Erde ihren Lehrer glücklich machten. Und das noch ein zweites Mal. Seine rumänische Jugendliebe Ingrid hatte 1961 ausreisen dürfen, man verlor sich, 40 Jahre später ein zufälliges Wiedersehen. Und es stellte sich heraus: Ingrid hatte von 1968 bis 2000 im BMW-Zylinder gearbeitet. „Luftlinie 300 Meter – und wir wussten all die Jahre nichts voreinander“, so Siegfried. Ingrid wurde die zweite Frau Becker.

Sie wohnen in Obermenzing, doch gehen oft mit ihren Hunden in den Park. Siegfried Becker war in Sachen Leichtathletik rund um die Welt unterwegs, er kennt andere Olympia-Städte. „Ich war auf allen Kontinenten und habe kein zweites Olympia-Gelände wie unseres gesehen.“ Die Olympischen Spiele sind in München zuhause.

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