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WM 2022 in Katar? Nein, danke! – Initiative ruft zum Boykott auf

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Von: Jan Christian Müller

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Fanorganisationen in ganz Deutschland schließen sich der Initiative „Boycott Qatar 2022“ an. Die Fifa ist unbeeindruckt und erwartet die „größte Show aller Zeiten“.

Es ist gewiss nicht so, dass Fußballfans von Schalke 04 und Borussia Dortmund besonders Dicke miteinander wären. Ganz im Gegenteil. Beide Lager verbindet eine herzliche gegenseitige Abneigung. Vorige Woche jedoch war gar Erstaunliches zu besichtigen: Vor dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund forderten Fangruppierungen beider Klubs gemeinsam zum Boykott der WM 2022 in Katar auf. Dabei präsentierten sie ein Banner, das in Fankurven der Bundesligastadien auch an diesem letzten Wochenende vor der mehr als zweimonatigen WM-Pause zu besichtigen sein wird: „Boycott Qatar 2022“. Die Initiative ist inzwischen gut organisiert und ruft „alle Fans auf, ob Kreisklasse oder Bundesliga, ob im Stadion oder außerhalb, ihre Ablehnung zu demonstrieren: Diese Weltmeisterschaft ist #NichtUnsereWM.“

Dietrich Schulze-Marmeling freut sich besonders, wenn er sieht, dass die Transparente genutzt werden. Der Journalist und Buchautor ist ist nämlich mitverantwortlich dafür, dass es sie überhaupt gibt. Und er ist mitverantwortlich dafür, dass „Boycott Qatar“ die Fifa, den DFB und die deutschen Nationalspieler in einem Offenen Brief auffordert, Preisgelder und Prämien in einen Entschädigungsfonds für Arbeitsmigrant:innen zu stecken.

Fußball-WM 2022 in Katar: „Wir dürften die Fifa und Katar nicht einfach so davonkommen lassen“

„Ob Kreisklasse oder Bundesliga“: Ein breites Bündnis, hier die Fans des Bundesligisten FC Schalke 04, macht Stimmung gegen die WM. Foto:dpa.
„Ob Kreisklasse oder Bundesliga“: Ein breites Bündnis, hier die Fans des Bundesligisten FC Schalke 04, macht Stimmung gegen die WM. Foto:dpa. © David Inderlied/dpa

Der 65-Jährige erinnert sich an einen Anruf seines Freundes und Schriftsteller-Kollegen Bernd Beyer, mit dem er im Sportverlag „Die Werkstatt“ seit Jahrzehnten schon zusammenarbeitet. „Das war vor zwei Jahren. Bernd sagte mir, wir müssten im Vorfeld der WM in Katar was tun. Wir dürften die Fifa und Katar nicht einfach so davonkommen lassen. Wir müssen proaktiv handeln und so eine Debatte anstoßen.“

Also begannen die beiden Autoren, an ihrem Buch „Boykottiert Katar 2022 – warum wir die Fifa stoppen müssen“ zu arbeiten. Und sie setzten sich mit dem Layouter des Verlags zusammen und entwarfen binnen einer halben Stunde ein Logo und einen Schriftzug.

Fußball-WM 2022 in Katar: Viele Kneipen und Sportbars zeigen keine Spiele

Mehr als 300 Banner sind seitdem verkauft worden, dazu Zehntausende Aufkleber, T-Shirts, Infobroschüren und Bücher, bei mehr als 30 Podiumsdiskussionen trat Schulze-Marmeling auf – und während der WM werden es noch mehr Talk-Termine werden. Viele musste Schulze-Marmeling wegen Überlastung absagen. Eine ganze Hundertschaft Kneipen und Sportbars übers ganze Land verteilt haben entschieden, dass sie WM-Spiele nach dem Motto „Kein Katar in meiner Bar“ nicht übertragen werden und stattdessen ein Alternativprogramm anbieten wollen.

So zum Beispiel die „Grete“ im Hamburger Schanzenviertel, die „Astra Stube Neukölln“ in Berlin, die Kölner Südstadt-Kneipe „Lotta“, in der am 22. November nicht nur eine Lesung aus dem Boykott-Katar-Buch stattfindet, sondern ein wochenlanges Alternativprogramm zu WM-Liveübertragungen geplant ist. Unter anderem Kicker-, Playstation- und Dartsturniere, ein Fußballquiz und Übertragungen von Frauenfußballspielen. Der ehemalige Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) Andreas Rettig lobt: „Ich finde, die wichtigste Botschaft ist, dass Menschen, die durch Corona und die gesamtwirtschaftliche Situation gebeutelt sind, dennoch Haltungsfragen höher bewerten als den wirtschaftlichen Vorteil. Da zolle ich Respekt.“ Zumindest die Spiele der deutschen Nationalmannschaft, so ehrlich war Rettig auch öffentlich als Gast in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz, werde er sich dennoch anschauen.

Fußball-WM 2022 in Katar: Es geht vielen nicht nur um den Boykott

Ähnlich ergeht es Beyer und Schulze-Marmeling, die den Erlös aus ihrer Initiative an die Familien verstorbener Arbeitsmigrant:innen im WM-Ausrichterland spenden wollen. Bei beiden handelt es sich um ausgewiesene Fußball-Maniacs, die Spiele mit geschultem Auge verfolgen. Es wird ihnen schwerfallen, auf die Fernsehübertragungen der WM-Spiele gänzlich zu verzichten. Sie können nicht versprechen, dass sie die Disziplin für totale Enthaltsamkeit haben.

Fest steht ohne Zweifel: Vielen Menschen hierzulande freuen sich nicht annähernd so auf die Weltmeisterschaft im November und Dezember, wie das sonst im Sommer stets der Fall war. Schulze-Marmeling geht es auch nicht um einen Boykott an sich, sondern „um den kritischen Impetus“ nicht nur gegenüber Katar, sondern gegenüber den Exzessen des Profifußballbusiness an sich. Ihr Boykott-Impuls sei erst schleppend angelaufen, „aber das hat sich radikal verändert in den letzten Monaten“. Die Kampagne ist längst angekommen, Mitgliederversammlungen wie bei den Zweitligisten Karlsruher SC und Fortuna Düsseldorf, der Evangelischen Jugend Bayern oder des Vereins Berliner Christopher Street Day haben sich angeschlossen. Fangruppierungen wie „Back2Bolzen“, „Kultur kickt Katar“, „Kicken statt Gucken“ organisieren alternative Fußballturniere, Regionalligist Hessen Kassel erklärt ebenso wie der Mainzer Stadtteilklub Ente Bagdad („You never watschel alone“) in beißender Selbstironie, dass aus ihren Reihen keine Spieler für die WM abgestellt werden.

Die Generalsekretärin des Fußballweltverbands Fifa, Fatma Samoura aus dem Senegal, ist in ihrer großen Fußballwelt ganz woanders unterwegs als die Fans in ihrer Blase hierzulande. Samoura gibt sich siegessicher: „Es wird ein tolles Fußballfestival und ein Monat voller Jubel und Feiern“ bei der „größten Show aller Zeiten“. Fans von „überall auf der Welt“ kämen zusammen und könnten „singen, tanzen und der Welt positive Schwingungen verleihen“. Schulze-Marmeling freut sich derweil auf die Europameisterschaft 2024: Nach Winter-Olympia in Russland 2014 und in China 2022 sowie den Fußball-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar „endlich mal wieder ein Turnier, das nicht belastet ist“. Er ist ziemlich sicher, „dass alle froh sind, wenn die WM in Katar vorbei ist“.

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