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„Wir haben jede Menge Ideen“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Thomas Weikert.
Thomas Weikert. © dpa

DOSB-Präsident Thomas Weikert über die Euphorie bei den European Championships, die Auswirkungen auf eine deutsche Olympiabewerbung und den Wert des Sports in Krisenzeiten.

Herr Weikert, wie haben Sie die European Championships bislang wahrgenommen?

Ich war Montagabend schon privat hier und habe mir im Olympiapark alles mal angeschaut. Ich bin wirklich begeistert: viele Leute, gutes Wetter, super Stimmung und der Sport als große Klammer. Ich habe eine Bratwurst gegessen und Tischtennis gespielt, hier gibt es ja überall Angebote zum Mitmachen.

Wie steht es um Ihre Fähigkeiten an der Platte, wie viele Bälle von Timo Boll würden Sie zurückspielen können?

Ich spiele Verbandsliga, das ist die sechste Klasse. Gegen Timo habe ich häufiger schon mal ein paar Bälle gespielt. Mit seinen Aufschlägen wird es nicht einfach werden, aber ein paar bekomme ich schon irgendwie zurück (lacht).

Bei der Leichtathletik-EM gab es den Gänsehaut-Abend mit Niklas Kaul und Gina Lückenkemper. Diese Euphorie müsste man doch mitnehmen – Stichwort Olympia-Bewerbung. Wieso treten Sie auf die Bremse?

Ich habe mich an den Abend erinnert, als Mo Farah bei den Olympischen Spielen 2012 in London über 10 000 Meter Gold gewonnen hat. Da standen die Leute auch die ganze Zeit, daran musste ich sofort denken. Das Präsidium und ich treten deshalb auf die Euphoriebremse, weil wir das Thema anders angehen wollen, als es zuvor gemacht wurde. Früher wurde ein Ort ausgewählt, dann wurde abgestimmt und die Abstimmungen gingen verloren. Im Dezember werden wir der Mitgliederversammlung einen Prozess vorstellen, wie der Weg hin zu einer neuen Bewerbung aussehen könnte. Wir wollen das Warum vor dem Wann, Wo und Wie klären und niemanden vor vollendete Tatsachen stellen. Die Frage ist ja auch, wie man Olympia konkret angeht. Sommer oder Winter, an einem Ort wie München oder beispielsweise in ganz Bayern? Oder in ganz Deutschland? Wir haben jede Menge Ideen, nun wird aber erst mal alles sorgfältig geplant für die Versammlung im Dezember.

Also haben die Erfahrungen in München auch bei Ihnen die Lust auf Olympia in Deutschland vergrößert?

Wer sagt, dass es die Lust auf ein Großereignis in Deutschland vermindert, den kann ich nicht verstehen. Wer hier als Sportfan nicht mitgerissen wird, dem ist nicht mehr zu helfen. Aber am Dienstag hat man ja gesehen, dass die ganze Arena stand. Und zwar nicht nur bei Niklas Kaul, sondern auch wenn keine deutschen Sportler am Start waren. Das sollte bei einer Bewerbung auch ganz wichtig sein. Wir feuern nicht nur die deutschen, sondern alle Sportler an.

Die Infrastruktur wäre in München da. Der DOSB wird ja, im Falle einer Bewerbung, ganz klar auf nachhaltige Spiele setzen wollen?

Ansonsten brauchen wir mit einer Bewerbung erst gar nicht anzutreten. Los Angeles macht Werbung damit, dass 100 Prozent der Sportstätten schon da sind und nur modernisiert werden müssen. Wir müssen uns überlegen, wie die Nachhaltigkeit und der Umweltschutz gesichert werden kann. Dort ist auch beim IOC ein Umdenken passiert. Das sieht man an den letzten Vergaben. Es wurde verstanden, dass die Kritik sehr laut sein wird, wenn komplett neue Stadien gebaut werden. Und gegen die Bevölkerung kann man keine Olympischen Spiele ausrichten. Ich telefoniere regelmäßig mit Thomas Bach, nicht über eine Olympiabewerbung, aber der Kontakt ist sehr gut. Und ich habe das Gefühl, dass Thomas Bach ganz genau weiß, dass es mit dem Gigantismus vorbei ist, und das ist die richtige Richtung.

Also Herr Bach hat Ihnen noch keine SMS geschrieben mit dem Aufruf die Spiele nach Deutschland zu holen?

Das wird er tunlichst unterlassen (lacht). Aber er hat ja zumindest in einem Interview gesagt, dass er sich gut vorstellen könne, dass wieder Spiele in Deutschland stattfinden.

Zur Person

Thomas Weikert , 60, ist seit November 2021 Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. Als Nachfolger des viel kritisierten, mitunter herrisch auftretenden Alfons Hörmann übernahm der ehemalige Bundesligaspieler im Tischtennis einen angeschlagenen Verband. „Das Vertrauen in das Präsidium war weg“, sagt Weikert, „das kann man nicht von jetzt auf gleich aufbauen, sondern muss es sich verdienen.“ Angst habe er bisher nicht gespürt bei den Mitarbeiter:innen – „höchstens Respekt.“ FR

Nach der WM in Eugene wurde die Sportförderung in Deutschland mal wieder stark kritisiert. Man hat das Gefühl, es wird immer viel darüber gesprochen, ändern tut sich wenig. Warum hat auch der DOSB das Thema in den letzten Jahren so verschlafen?

Ich kann nicht für die letzten Jahre sprechen, ich bin seit acht Monaten im Amt. Wir im Präsidium arbeiten sehr daran, dass die Förderung für Athleten gut ist und die Athleten beteiligt sind. Wir haben mit dem Verein Athleten Deutschland das Verhältnis verbessert und einen guten Kontakt. Wir wissen, wenn wir etwas bewegen wollen, müssen wir an einem Strang ziehen und nicht gegeneinander arbeiten. Es wird sicherlich wieder unterschiedliche Auffassungen geben, aber so ist das Leben, und das kann ja auch produktiv sein. Wir müssen uns genau überlegen, an welchen Punkten wir ansetzen können, um die Förderung zukünftig weiter zu verbessern? Daran arbeitet unser Sportvorstand Dirk Schimmelpfennig und ich denke, da werden auch vernünftige Ergebnisse erzielt.

Es gibt viele Sportler, die nicht beispielsweise von der Bundeswehr finanziell aufgefangen werden und neben dem Sport noch arbeiten gehen. Oder ihre Trainingslager selbst bezahlen und deshalb nicht in den Urlaub fliegen. Einen Duplantis wird man neben dem Sport nicht arbeiten sehen. Können Sie den Sportlern versprechen, dass die Förderung besser wird?

Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass sie so bezahlt werden wie Duplantis (lacht). Ich kann ihnen aber versprechen, dass wir an diesem Punkt, der noch nicht gut ist, arbeiten und hoffen, dass es dort eine finanzielle Verbesserung gibt. Und auch am Umfeld, wie bei den Trainern und Sportstätten. Die Haushälter des deutschen Bundestages haben zur Sanierung von Schwimmbädern und Sportstätten, wo vieles im Argen liegt, 500 Millionen freigegeben. Das ist vermutlich noch viel zu wenig. Aber es ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, dass sich die neue Bundesregierung darum kümmert. Wir haben für die Zukunft erreicht, dass unsere Denkweise dort auch wahrgenommen wird und, dass jeder im Bundesinnenministerium weiß, dass die Förderung noch ausgebaut werden muss.

Beim ersten Lockdown musste auch der Breitensport lange leiden. Jetzt mit dem Hintergrund der Energiekrise wird wieder über die Schließung von Sportstätten gesprochen. Hat die Politik nicht begriffen, wie wichtig der Sport ist?

Auf der Sportministerkonferenz waren wir einstimmig der Meinung, dass wir da gegensteuern müssen. Die Schwimmbäder müssen offen bleiben, die Hallen müssen offen bleiben. Ich bin auf unterer Ebene in einem Sportkreis in Limburg tätig. Mich macht es wahnsinnig, wenn es auf einmal ohne Vorwarnung heißt, jetzt ist die Halle XY geschlossen. Daran müssen wir arbeiten. Auf regionaler Ebene kümmere ich mich auch darum und rede mit den Bürgermeistern und Landräten. Man kann andere Maßnahmen zuerst treffen, beispielsweise die Hallentemperatur oder die Wassertemperatur zu senken Aber den Verantwortlichen in den Kommunen muss klar sein, was sie anrichten, wenn sie die Sporthallen schließen. Wir verfolgen intensiv, dass wir dort die Denkweisen ändern.

Der Wert des Sports sollte klar sein. Ist der Sport unpolitisch?

Die Frage ist müßig, er wird nie unpolitisch sein. Sport und Politik hängen zusammen, bedingen sich gegenseitig und können sich befruchten.

Das heißt, sollte es noch mal passieren, dass Olympische Spiele nach Russland oder China vergeben werden, würden Sie sich vorab klar dagegen positionieren?

Wir positionieren uns dagegen, wenn es Länder gibt, in denen internationale Standards wie etwa die allgemeinen Menschenrechtenicht eingehalten werden. Das haben wir auch bezogen auf China so artikuliert und werden es weiter so tun. Und auch im IOC sind an den jüngsten Vergaben nach Paris, Mailand oder Brisbane eine Haltung erkennbar.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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