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„Wir haben eine Mülleimerfunktion“

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Von: Nico-Marius Schmitz

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Auch psychologisch gut betreut: Deutsche Eishockeyspieler in Peking.
Auch psychologisch gut betreut: Deutsche Eishockeyspieler in Peking. © dpa

Der Münchner Psychologe Tom Kossak erklärt, wie deutsche Athleten und Athletinnen betreut werden, um für die Wettbewerbe gut gerüstet zu sein oder eine Isolation zu überstehen.

Herr Kossak, war die mentale Vorbereitung der Athlet:innen auf die Spiele in Peking besonders schwierig?

Wir haben sie jahrelang auf diese Situationen vorbereitet. Es ist mir ganz wichtig, das zu betonen: Wir sind keine Gurus, ohne dessen Tricks die Athleten nicht mehr funktionieren. Zu einer solchen Abhängigkeit sollte es nie kommen. Es wird präventiv gearbeitet, die Grundlagen sollten alle lange vor Olympia geschaffen werden. Natürlich stehen wir auch aktuell mit den Athleten in Kontakt, da geht es dann aber eher um einzelne Impulse, die noch gegeben werden, keine grundsätzlichen Sachen. Und sollte die Hütte doch mal brennen, haben wir Kollegen vor Ort, die eingreifen können.

Trotzdem werden die Umstände, beispielsweise die strikten Corona-Regeln und die Angst vor einem positiven Test, die Athleten vorab beschäftigt haben.

Die Bedingungen in Peking rund um die Corona-Situation waren natürlich ein großes Thema in der Vorbereitung. Gerade weil die Erlebnisse der Rodler im letzten Jahr so negativ waren, das schwappt natürlich auch zu anderen Athleten über. Teilweise war man erschrocken über die Berichte. Das hat bei dem einen oder anderen Sportler zum Grübeln, Sorgen und teilweise zu Ängsten geführt. Es war wichtig, dass wir den Sportlern versichern: Wir tun alles für euch, haben euch immer Blick. Da ging es dann auch um aufklärende Gespräche: Dass die Sportler auch während einer Isolation immer Internet haben und nicht irgendwo eingekerkert sind. Bei den von mir betreuten Athleten hatte ich den Eindruck, dass alle recht beruhigt nach Peking geflogen sind. Der sportliche Teil liegt da einfach so im Fokus, darauf haben sich alle schließlich seit Jahren vorbereitet.

Wie können Sie den Sportler:innen in Peking aktuell helfen?

Da geht es dann manchmal einfach um das Gespräch mit einer vertrauten Person. Die Athleten brauchen auch mal andere Impulse, abseits vom Trainerteam. Zudem haben wir oft eine Mülleimerfunktion: Die Sportler können einfach mal alles abladen. Dann überlegen wir uns gemeinsam, welche Gedanken zur Angst führen und wie wir damit umgehen können. Bei größeren Unfällen oder auch einer Quarantäne kann es zu psychologischen Krisen kommen. Dafür sind an jedem Standort aber geschulte Psychologen vor Ort, die ähnlich wie ein Notfallsanitäter, sofort strukturiert eingreifen können.

Mit welchen Methoden bereitet man die Sportler:innen auf einen Karrierehöhepunkt wie Olympia vor?

Bei den Snowboardern haben wir beispielsweise Vorstartroutinen entwickelt. Da gibt es verschiedene Handlungsschritte. Das Aufwärmen oder Frühstücken kann man so bewusst in seinen Tagesablauf integrieren, dass man sich in einen bestimmten psychischen und körperlichen Zustand versetzt. Manche Athleten nehmen zum Beispiel ihr eigenes Müsli aus der Heimat mit oder das Kissen, auf dem sie immer besonders gut schlafen. Aus psychologischer Sicht gibt es Entspannungsverfahren, Fokussierungsübungen und Visualisierungen, etwa der Wettkampfstrecke. Unter Druck versuchen Sportler oft, ihre Bewegungen zu kontrollieren. Dann können Bewegungen aber nie flüssig ablaufen. Die Sportler müssen sich auf automatisierte Prozesse verlassen können und in einen Flow kommen.

Wo wir bei dem Thema Flow sind: Sie verwenden oft das Scheiße-Fluss-Modell. Was können wir uns darunter vorstellen?

Die Idee dahinter ist, dass es zwei Zustände gibt. In dem einen Zustand bist du auf dem Weg, der dich zum Erfolg führt. Du hast nur Gedanken, die dich an dein Ziel bringen. Wenn du zu viele negative Gedanken hast, wird der reißende Fluss, der sich neben dem Weg befindet, verunreinigt. Es ist so, als würde ein defektes Klärwerk neben dem Fluss stehen, der Unrat (negative Gedanken) in deine Richtung strömt. Da konnte ich mit dem Athleten immer schnell abklären: Stehst du gerade im Fluss oder befindest du dich auf deinem Weg?

Zur Person

Die Coaching-Praxis „Sportpsychologie München“ ist während der Olympischen Spiele im Dauereinsatz. Kai Engbert (Skispringerinnen und Snowboardcross) arbeitet vor Ort in Peking, Tom Kossak (38, Bild) betreut die Mannschaften Eishockey, Snowboard-Race und Ski Alpin von Deutschland aus. Wir haben uns mit Kossak über Rituale, Teamdynamiken und Müsli aus der Heimat unterhalten. FR

Warum bauen so viele Spitzensportler:innen auf Rituale?

Es gibt Eishockeyspieler, die in der Kabine mit der Schlägerspitze nie den Boden berühren. Oder Skifahrer, die immer erst mit dem linken Fuß in die Bindung steigen. Das sind Techniken, die einem helfen können, den gewünschten Zustand zu erreichen. Bei Rafael Nadal wirken viele Rituale, etwa das Zupfen am Trikot, fast schon zwanghaft. Ich bin mir aber sicher, dass das alles hochtrainiert ist, um den optimalen mentalen Zustand zu erreichen. Zum Problem werden Rituale und Routinen, wenn sich Wenn-dann-Beziehungen einstellen. Beispielsweise: Wenn ich immer mit dem linken Fuß aufstehe, dann habe ich auch Erfolg. Auch hier darf keine Abhängigkeit entstehen.

Und was passiert, wenn der Erfolg ausbleibt?

Bei den Snowboardern gab es beispielsweise bestimmt die ein oder andere Enttäuschung. Da ist es enorm wichtig, wie man mit den Emotionen umgeht. In einem ersten Schritt muss man den Frust, die Enttäuschung, die Leere zulassen. Es wäre doch komisch, wenn nach einem verpatzten Wettbewerb auf so einer großen Bühne keine Tränen fließen oder kein Frust vorhanden ist. Im zweiten Schritt geht es an die Auswertung. Auf welcher Ebene ist der Fehler passiert: War es ein technischer Fehler, lag es am Material oder hat mental etwas nicht gepasst?

Sie betreuen auch die Eishockey-Nationalmannschaft und haben mit Fußballmannschaften gearbeitet. Wie arbeitet man als Sportpsychologe mit einem Team?

Bei der Teambetreuung liegt ganz viel am Führungsstil des Trainers. Bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang hat man gesehen, wie schnell sich eine Teamdynamik entwickeln und zu welchem Erfolg sie führen kann. Nationalmannschaften haben nicht viel Zeit zur Eingewöhnung, taktische Sachen müssen schnell umgesetzt und begriffen werden. Da ist natürlich auch entscheidend, wie schnell sich ein Team findet. Die Spieler müssen sich alle als wichtiger Bestandteil und mitgenommen fühlen. Ob das gelingt, hängt stark vom Führungsstil des Trainers ab. Es spielt aber auch eine Rolle, wie sich die Spieler in den Klubs verstehen und welche aktuellen Rivalitäten es zwischen den Vereinen gibt. Oder auf noch kleinerer Ebene: Welcher Spieler hat wem in der Saison einen harten, vielleicht unfairen, Check verpasst?

Kann man dem Eishockey-Teamgeist von Pyeongchang einfach reproduzieren?

Eine Teamdynamik kann man nie kontrollieren. Dafür spielen zu viele Faktoren eine Rolle. Man muss sie aber auch nicht komplett dem Zufall überlassen und kann Impulse geben, die den Teamgeist fördern. Konkret: Welche Kontaktflächen gibt es in Peking, wo die Mannschaft zusammenkommen und abseits vom Eishockey gemeinsam Spaß haben kann? Zudem kann man auch Spielern bestimmte Verantwortungsbereiche übertragen. Damit sie nicht nur von außen alles vorgeben bekommen, sondern ihren Erfolg aktiv mitgestalten können. Die Niederlage gegen Kanada sollte man daher nicht überbewerten. Ich hatte nicht das Gefühl, dass das Team davon verunsichert war. Wenn das Team gut zusammenarbeitet, kann sich nach so einem negativen Start auch eine Jetzt-erst-recht-Mentalität entwickeln.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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