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Wimbledon-Duell der ungleichen Frauen Tatjana Maria und Jule Niemeier

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Von: Jörg Allmeroth

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Dynamische zweifache Mutter: Tatjana Maria.
Dynamische zweifache Mutter: Tatjana Maria. © afp

Die 34-jährige Mutter Tatjana Maria trifft im deutsch-deutschen Viertelfinale auf die 22-jährige Newcomerin und Favoritin Jule Niemeier.

Wimbledon ist wie ein Treibmittel: Es befördert und beschleunigt ein Tennisleben wie kein zweites Turnier, es sorgt im besten Fall für lebenslangen Ruhm. Wimbledonsieger bleibt man immer und ewig. Welche großen oder welche weniger schönen Momente diese Offenen Englischen Meisterschaften des Jahres 2022 noch bereithalten für Tatjana Maria und Jule Niemeier, ist völlig ungewiss.

Aber wie Wimbledon die Tenniswege der ungleichen deutschen Spitzenspielerinnen schon vor dem denkwürdigen Viertelfinal-Rendezvous am Dienstag beeinflusste, war längst offensichtlich: Niemeier, die 22-jährige Dortmunderin mit dem harten Punch und dem strategischen Instinkt, profilierte sich als das Gesicht einer neuen deutschen Generation, als potenzielle Anführerin einer Zeit nach Kerber, Petkovic und Co. Dass sie bei ihrem erst zweiten Grand Slam-Start bereits in die elitäre Runde der letzten Acht vorstoßen konnte, blieb auch in Expertenkreisen alles andere als unbeobachtet. Amerikas Legende Chris Evert nannte Niemeiers Premierenauftritt auf dem heiligen Centre Court-Rasen gegen die Britin Heather Watson eine „Ansage“: „So spielt jemand, der sich große Ziele vornehmen darf.“

Weiter, immer weiter

Und, auf der anderen Seite, die 34-jährige Tatjana Maria? Wimbledon 2022 wirkte schon jetzt, vor der ungewissen Schlussabrechnung, wie eine anrührende, sentimentale Versöhnung für eine Karriere der zu vielen Schicksalsschläge und Verletzungsprobleme. Schon 2007 hatte Maria, damals noch mit ihrem Mädchennamen Malek, in Wimbledon aufgeschlagen, sie galt damals als großes Versprechen für die Zukunft, vielleicht sogar noch mehr als Kerber, Petkovic oder Görges. Aus den ganz großen Träumen wurde nichts, eine Lungenembolie 2008 sorgte dafür, dass sie ein paar Wochen zwischen Leben und Tod schwebte. Maria verlor den Anschluss, national wie international, aber sie ließ sich nie beirren, machte weiter, immer weiter. „Ich bin jemand, der immer an seine Chance glaubt“, sagte Maria dieser Tage.

Sie ist nun auf der größten Bühne ihres Sports plötzlich zum vielbeachteten Phänomen geworden. Nicht nur einmal hat Maria in den vergangenen Stunden und Tagen die Frage zu hören bekommen, wie sie es schaffe, mit zwei Kindern im ohnehin strapaziösen Wanderzirkus herumzureisen – und dabei nicht zum Nervenbündel zu werden. „Ich nehme das alles ziemlich gelassen hin, weil ich die Dinge sowieso nicht ändern kann“, sagt Maria, „deshalb akzeptiere ich die Schwierigkeiten auch. Du musst flexibel sein, jeden Tag aufs Neue.“ Ob bei den Reisen kreuz und quer über die Kontinente und durch die Zeitzonen hinweg, ob bei der Kinderbetreuung oder auch den schulischen Pflichten von Töchterchen Charlotte. „Ich liebe mein Leben. Genau so, wie es ist“, sagt Maria.

Wie eine Familienfeier

Als sich Niemeier und Maria am Sonntagabend im TV-Studio von Sky trafen und nach ihren Achtelfinalerfolgen miteinander plauschten, wirkte es beinahe wie eine Familienfeier. Freundliche Worte wurden ausgetauscht, der gegenseitige Respekt versichert. Und Grand Slam-Newcomerin wie Tennis-Mama sprachen auch immer wieder über die „unglaubliche Atmosphäre“ bisher, in diesem unglaublichen Wimbledon-Jahrgang, in dem sie ganz nebenbei die angestammte deutsche Hackordnung auf den Kopf gestellt haben. „Die Zeit hier wird für mich unvergesslich bleiben. Ganz egal, was noch kommt“, sagt Maria.

Powerfrau: Jule Niemeier.
Powerfrau: Jule Niemeier. © dpa

Tatjana Maria hat die allermeiste Strecke ihrer Karriere hinter sich. Während für Niemeier das große Abenteuer gerade erst so richtig beginnt – mit einer Wucht und Dynamik, die kaum jemand vorhersehen konnte. Aber die intelligente, sehr besonnene und reflektierte Dortmunderin vermittelte nie den Eindruck, dass die Geschehnisse sie überrollen könnten. Niemeier hatte, und das ist eine ziemlich starke Feststellung, ihr Wimbledon-Debüt jederzeit im Griff, sie sah niemals wie eine grüne Anfängerin im Heiligtum des Tennis aus.

Sympathie sind für das Viertelfinale für zwei, maximal drei Sätze vergessen. Wenn Niemeier und Maria den Grand Slam-Spielplatz betreten, muss der professionelle Siegesinstinkt regieren, nichts sonst. „Danach wird eine im Halbfinale stehen. Und die andere ihr die Daumen drücken“, sagt Maria, “ so muss das sein.“ Findet auch Niemeier: „Ich freue mich in jedem Fall, dass eine unter den letzten Vier ist. Aber klar ist: Ich will dahin.“

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