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Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald.

Kommentar

Werder Bremen zwischen allen Stühlen

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Werder Bremen hat im Streit um die Beteiligung an den Polizeikosten bei Hochrisikospielen eine Klage gegen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) angekündigt. Ein Kommentar.

Es gehört zu den Gepflogenheiten beim SV Werder, dass die Mitgliederversammlung an einem Montagabend im November noch an Turnvater Jahn erinnert. Eine Sporthalle in einem Bremer Wohngebiet vermittelt Bodenständigkeit. Die Bühne ist grün-weiß illuminiert, ansonsten wirkt das Ambiente eher verstaubt. Dafür wird in der Vereinskneipe Flaschenbier verkauft, und die Frikadellen schmecken so lecker, dass manch langjähriges Mitglied nur deswegen kommt. Wer zufällig Trainer Florian Kohfeldt beim Gang auf die Toilette trifft, kommt direkt ins Gespräch. Die Verantwortungsträger müssen auch nicht beschützt werden, wenn die Bundesligatabelle mal wieder Seenot vermittelt – wie jetzt nach einer Serie von acht sieglosen Bundesligaspielen. Gegner sitzen außerhalb der Werder-Familie.

Präsident Hubertus Hess-Grunewald hat nun im Streit um die Beteiligung an den Polizeikosten bei Hochrisikospielen eine Klage gegen die Deutsche Fußball-Liga (DFL) angekündigt. Man wolle sich mit allen juristischen Mitteln dafür einsetzen, dass nicht 100 oder 50 Prozent der Kosten an den Verein weitergegeben werden. Hess-Grunwald hatte von Anfang an kein Verständnis dafür, dass Innensenator Ulrich Mäurer – dessen SPD übrigens trotz einer heftigen Wahlschlappe in einer rot-rot-grünen Koalition im kleinsten Bundesland munter weiterregiert – diesen Präzedenzfall vor Gericht durchgefochten hat. Die Folge sei, so erläuterte der Werder-Präsident den Mitgliedern, dass aus politischen Gründen ein Aushängeschild der Stadt mit einem Wettbewerbsnachteil belastet wird. Kein anderes Bundesland erhebt bisher eine solche Gebühr. Die DFL hat die ersten vier Gebührenbescheide von 1,17 Millionen Euro nach dem Richterspruch bezahlt und will sich das Geld vom SV Werder zurückholen – und das wird nur der Anfang sein. Denn das Bundesverwaltungsgericht ist der Bremer Auffassung weitgehend gefolgt.

In Bremen werden keine Schulden gemacht

Bremens Politik hatte den Torpedo zwar zunächst in Richtung der angeblich so reichen Liga-Organisation abgefeuert, wusste indes sehr genau, dass der entscheidende Schuss auf den Bug des eigenen Flaggschiffs abgelenkt würde. Wenn Mäurer etwas anderes behauptet, ist das pure Heuchelei. Getroffen wird ein Verein, der aus voller Überzeugung die sozialen Werte lebt. Der Verein leistet wichtige Integrationsarbeit, die gesellschaftliche Verantwortung ist selten zu kurz gekommen.

Gewiss, die Geschäftsführung hat zuletzt ein Immobilienunternehmen als Namensgeber des Weserstadions angeheuert. Der wirtschaftliche Druck ist allerdings hoch: Trotz eines Rekordumsatzes von 157,1 Millionen Euro muss sich der Bundesligist recken und strecken, um überhaupt wieder ein bisschen Eigenkapital aufzubauen. Nach einer sportlich erfolgreichen Vorsaison war der Klub im Sommer nicht in der Lage, die Millionenablöse für Wunschspieler Michael Gregoritsch an den FC Augsburg zu zahlen, um den passenden Nachfolger des ablösefrei abgewanderten Starspielers Max Kruse zu verpflichten.

Eine Vereinspolitik wie in Hamburg ist in Bremen absolut tabu: Es verbietet sich an diesem Standort noch, Schulden zu machen, Mäzene anzuzapfen oder Investoren heranzuholen. Im Sinne des Vereins muss Hess-Grunewald sich gegen die DFL wenden, um Solidarität bei den Polizeikosten einzufordern, obwohl es verwunderlich wäre, wenn die spezielle Bremer Problematik von dem Rest der ersten und zweiten Liga gelöst würde.

Wohl in seiner Haut dürfte sich der Präsident ohnehin nicht fühlen, nachdem Werder-Vorstandschef Klaus Filbry auch deshalb bei der Wahl für den stellvertretenden Sprecher im DFL-Präsidium durchfiel, weil ihm die Polizeikosten-Thematik schadete. Was ist zu tun, wenn ein Klub auf einmal zwischen allen Stühlen sitzt? Sich gar nicht zu wehren, ist im gnadenlosen Verdrängungswettbewerb des deutschen Profifußballs selten gut gegangen.

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