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Wenn die Sorgen immer mitlaufen

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Von: Frank Hellmann

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Sogrt sich sher um Mutter und Schwester: Amanal Petros.
Sogrt sich sher um Mutter und Schwester: Amanal Petros. © Bildbyran/Imago

Der schnellste deutsche Marathonläufer wird die Angst um die Familie nicht mehr los. Über den Teufelskreis des gebürtigen Eritreers Amanal Petros

Natürlich war es kein Problem, Amanal Petros noch schnell eine Akkreditierung auszuhändigen, die ihm am Sonntag beim Frankfurt Marathon Zutritt zu allen Bereichen verschafft. Die Ordner an der Messe arbeiten gewissenhaft, und nicht jeder hätte den deutschen Marathon-Rekordhalter sofort erkannt, zumal sich der 27-Jährige bei seiner Stippvisite eher wie ein Rapper denn wie ein Sportler gekleidet hatte, wie er selbst lachend sagte. Der im Alter von 16 Jahren nach Deutschland geflüchtete Topläufer hat dann in seinem auffälligen Outfit am Absperrgitter im Zielkanal gestanden und Schnappschüsse vom stimmungsvollen Einlauf in der Festhalle erstellt.

Nur allzu gerne hätte Renndirektor Jo Schindler den gebürtigen Eritreer selbst über den roten Teppich rennen sehen, doch Petros konnte nicht. Und das lag weniger an der Physis, denn an der Psyche, wie er offen erzählte. „Es ist eine schwierige Situation für mich. Ich habe seit mehr als zwei Jahren keinen Kontakt zu meiner Familie. Ich weiß gar nicht, wo sie sind. Es ist irgendwann eine Grenze, wo ich nicht mehr weitermachen kann.“ Der Kopf blockiert die Beine.

Petros stammt aus der eritreischen Stadt Assab. Als er zwei Jahre alt war, floh seine Mutter nach Äthiopien. In der Hauptstadt Addis Abeba lebt eine Schwester, mit der er noch gelegentlich Kontakt hat, aber seine Mutter und zweite Schwester zog es in die Krisenregion Tigray, wo seit zwei Jahren ein Bürgerkrieg tobt. Im Norden von Äthiopien leidet die Zivilbevölkerung.

Hunderttausende sind in den Sudan geflüchtet, „unschuldige Menschen sind gestorben, auf dem Weg sind viele Frauen vergewaltigt worden“, erzählt Petros, der mittlerweile einen dichten Bart trägt. Über die Opferzahlen gibt es keine verlässlichen Angaben, nicht mal Menschenrechtsorganisationen haben Zutritt in die umkämpften Abschnitte.

Petros unternahm verzweifelte Versuche, Kontakt aufzunehmen. Als Angehöriger der Sportfördergruppe der Bundeswehr wollte er einmal spontan dort hinreisen: Sein Trainer Tono Kirschbaum und Manager Christoph Kopp haben ihn damals gerade noch von seinem Vorhaben abgehalten. Es wäre lebensgefährlich für ihn geworden.

Die Konflikte spielen für die westlichen Medien kaum eine Rolle. Petros hat sich darüber mehrfach beklagt, denn er denkt jeden Tag daran – und macht sich Vorwürfe: „Ich habe es nicht geschafft, meine Familie an seinem sicheren Ort zu bringen. Ich kann deswegen oft nicht mehr schlafen.“ Das hat ihn vor allem nach der Leichtathletik-EM in München belastet, wo Petros hinter Europameister Richard Ringer immerhin Vierter wurde. Aufgrund der Vorleistungen hätte die Goldmedaille auch um seinen Hals baumeln können. „Ich war sehr nervös und erschöpft – am Ende hatte ich keine Kraft mehr.“ Er sei zu taktisch gelaufen, sagt er im Rückblick.

Nach der stimmungsvollen EM nahmen die mentalen Probleme zu, so dass er sich eine Auszeit verordnete. „Ich konnte nicht mehr konstant trainieren.“ Zwei Wochen habe er „Urlaub“ gemacht. Er scheint sich in einem Teufelskreis zu bewegen. Einerseits angetrieben von der Liebe fürs Laufen, andererseits ausgebremst von der Angst um die Liebsten. Ein lebensbejahender Athlet, der das Potenzial für Zeiten unter 2:06 oder 2:05 Stunden hat, würde vor den traurigen Momenten am liebsten wegrennen.

Petros hat es zwischenzeitlich versucht, „da bin ich mehr als 220 Kilometer die Woche gelaufen – danach habe ich mich mit meinem Trainer gestritten.“ Alles macht der Körper auch nicht mit. Und der Leistungssport ist nun mal sein Beruf.

Mittwoch fliegt er wieder nach Kenia; das Land, das für den Athleten vom TV Wattenscheid fast zur zweiten Heimat geworden ist. Im Hochtrainingscamp Iten, bekannt als „Heimat der Champions“, hat er bis ins vergangene Jahr viele Einheiten mit Weltrekordhalter Eliud Kipchoge abgespult. Doch dessen Ausrüster erlaube das nicht mehr, erzählt Petros mit Bedauern: „Er ist ein so guter Mensch und für mich ein Vorbild.“

Auch ohne die schnelle Inspiration will er sich weiter verbessern, befolgt Trainingspläne vom italienischen Starcoach Renato Canova, die er mit seinem Heimtrainer abgleicht. Sein Potenzial hat Petros längst nicht ausgeschöpft, sagen viele.

Sein nächster Wettkampf ist der Marathon Valencia am 4. Dezember. In der „Ciudad del Running“ – Stadt des Laufens – hat er vor einem Jahr den deutschen Rekord auf 2:06:27 Stunden gedrückt. Damit war er der erste Deutsche, der die 42,195 Kilometer mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von mehr als 20 Stundenkilometern rannte. Kilometerschnitt: knapp unter drei Minuten.

Für 2023 sind bislang ein Silvesterlauf, am 8. Januar ein 10-Kilometer-Straßenlauf in Valencia und am 19. Februar der Marathon Sevilla geplant. Der Fokus wird darauf liegen, sich für die WM 2023 in Budapest und die Olympischen Spiele 2024 in Paris zu qualifizieren. Die deutsche Konkurrenz ist groß wie nie.

Petros hat sich inzwischen die Olympischen Ringe auf den Arm tätowieren lassen. Dort für Deutschland um die Medaillen zu laufen, ist sein Traum. Er weiß nur nicht, ob bis dahin die Albträume aufhören.

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