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Wenn das Eis schmilzt

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Von: Günter Klein

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Eiszeit im deutschen Eishockey: Korbinian Holzer beim letzten Olympiaauftritt in Peking.
Eiszeit im deutschen Eishockey: Korbinian Holzer beim letzten Olympiaauftritt in Peking. © dpa

Die Silbermedaille 2018 in Pyeongchang war ein Wunder. Jetzt ist das deutsche Eishockeyteam auf Normalmaß gestutzt worden. Ein Kommentar.

Er wolle Gold, hatte Kapitän Moritz Müller gesagt. Das Halbfinale sei quasi schon Pflicht, war von seinem Verteidigerkollegen Jonas Müller zu hören gewesen. Und auch Bundestrainer Toni Söderholm hatte hohe Ansprüche formuliert – im Raum stand sein Satz von der vergangenen WM, ein Sieg über Kanada solle nicht mehr als verwunderliche Ausnahme, sondern als das „neue Normal“ gelten. Und nun: Schmuckloses Aus bei Olympia 2022. Vier Spiele, drei Niederlagen – und der einzige Sieg, 3:2 gegen China, alles andere als ein Ruhmesblatt. Wie soll man dieses Turnier einordnen? Ist das deutsche Eishockey wieder auf Normalmaß gestutzt worden?

Grundsätzlich ist in den vergangenen Jahren in Deutschland viel Positives geschehen. Die DEL brachte herausragende Talente (Moritz Seider, Tim Stützle, Lukas Reichel, John Peterka) hervor, die Nationalmannschaft kam in gute Hände, die des Finnen Toni Söderholm, der zwei starke Weltmeisterschaften (Viertelfinale 2019, Halbfinale 2021) ablieferte und den Respekt seiner Spieler genießt. In der Weltrangliste stieg man auf Rang fünf, überholte die etablierten Nationen Tschechien und Schweden. Es gab also schon Fakten, die das Team optimistisch nach Peking reisen ließen. Durch die Nichtteilnahme der NHL fehlte den Deutschen zwar eine Reihe an Spielern um das Weltwunder Leon Draisaitl und die Fraktion der Jungen um Seider, doch andere Teams waren noch viel stärker betroffen und mussten sich – wie die deutschen Vorrundengegner Kanada und USA – komplett neu aufstellen. Die Deutschen vertrauten darauf, dass sie eingespielt waren. Umstände, unter denen sie 2018 Silber geholt hatten. Und bei der WM 2021 waren sie dem Finale nahegekommen.

Doch dieser mathematische Ansatz funktioniert nicht beim Eishockey. Jedes Turnier muss seine eigene Geschichte entwickeln. 2018 in Pyeongchang ist etwas entstanden, das nicht absehbar war. Alles fügte sich damals, denn die deutsche Mannschaft erzielte weniger Tore, als sie sich einfing. Die Silbermedaille war in jeder Hinsicht ein Wunder. Im Grunde ist die Nationalmannschaft spielerisch heute weiter. Toni Söderholm wollte das, was Marco Sturm vorgemacht hatte, kopieren, wie sein Vorgänger nominierte er einen erfahrenen Kader. Kalkulation – doch sie ging nicht auf. 2018 bleibt ein Monument des deutschen Eishockeys, das nie an der Spitze der Weltordnung wird stehen können.

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