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Weltfremde Regel

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Von: Frank Hellmann

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Verließ seine Torlinie, zu früh beim Elfer, das darf er nicht: Lukas Hradecky.
Verließ seine Torlinie, zu früh beim Elfer, das darf er nicht: Lukas Hradecky. Foto: dpa © dpa

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter ist größer geworden, nicht weil er Peter Handke lesen muss, sondern weil er viel zu lange auf der Linie stehen muss. Ein Kommentar

Der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Der Redewendung müsste vor der diesjährigen 2. Runde im DFB-Pokal am Dienstag und Mittwoch eigentlich eine Ergänzung angefügt werden: Neuerdings hat der Wettbewerb eine eigene Regelung, die speziell ein Elfmeterschießen zum Lotteriespiel mit Erregungspotenzial machen könnte. Ein gehaltener Strafstoß ist erst dann gültig, wenn der Torwart lange genug auf der Linie die Füße still gehalten hat. Auf die pedantische Einhaltung der Regel 14 pocht seit Ende September der Deutsche Fußball-Bund (DFB).

Wie sehr der Verband bei genau diesem Passus einen detektivischen Spürsinn verlangt, verriet Videoassistent Robert Schröder im Doppelpass bei „Sport1“. Schröder schilderte, wie neuerdings der „Moment des Schusses“ angehalten werde. „Wenn ein Fuß nicht mehr auf oder über der Linie ist, gibt es ein sogenanntes faktisches Review. Dann muss der Strafstoß wiederholt werden, es gibt keinen Spielraum mehr.“ Der DFB hat den „gewissen Toleranzbereich“ einkassiert. Nach dem neuen Verfahren hatte Schröder seinem Spielleiter Frank Willenborg im Bundesligaspiel Frankfurt gegen Leverkusen (5:1) den Hinweis gegeben, dass Leverkusens Torwart Lukas Hradecky sich bei seiner Elfmeterparade wenige Zentimeter vor dem Kreidestrich abgedrückt hatte. Daichi Kamada verwandelte die Wiederholung. Wird das gängige Praxis im Pokal, dann gehen Elfmeterschießen spätestens ab dem Achtelfinale mit VAR-Einsatz in die Endlosschleife.

Es scheint jetzt fast ein Glücksfall, dass die ersten beiden Pokal-Runden noch ohne Videobeweis ablaufen. Somit verfügen die Unparteiischen indirekt noch einmal über einen Ermessensspielraum. Die pedantische Regeltreue kommt vom Weltverband Fifa. Für die verschärfte Überprüfung wurde ausgerechnet die Frauen-WM 2019 als Versuchsobjekt missbraucht. In Frankreich flossen die Tränen in Sturzbächen, als die Torfrauen nach gehaltenen Elfmetern reihenweise zurückgepfiffen und gar noch mit Gelben Karten bestraft wurden. Der DFB erlaubte bald darauf eine großzügigere Interpretation. Das war eine gute Reaktion.

Denn die Regel mit dem Fuß auf der Linie ist schlicht praxisfremd. Fast jeder Ballfänger entscheidet sich vorher für eine Ecke, weil sonst die Kugel gar nicht zu bekommen ist. Dafür braucht es einen ordentlichen Fußabdruck. Diesen zentimeter- und sekundengenau auf einen handbreiten Kreidestrich zu legen, ist kaum möglich, ohne entscheidend an Reaktionsfähigkeit zu verlieren. Mit der weltfremden Auslegung verkommt der Keeper zu einer Marionette, die fast ohne Abwehrchance ist.

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