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Ironman Hawaii: Wachablösung beim Triathlon unter Palmen

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Von: Frank Hellmann

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Jan Frodeno nur Statist, Patrick Lange mit Trainingsrückstand und Sebastian Kienle auf Abschiedstournee: Die deutsche Siegesserie könnte beendet sein.

Hawaii/Frankfurt Es gibt gewiss Schlimmeres, als bei strahlendem Sonnenschein mit Blick auf den Pazifik unter Palmen zu sitzen. Und doch ist Jan Frodeno mit gemischten Gefühlen an jenen Sehnsuchtsort gereist, der nach eigenem Bekunden „zehn, elf Jahre mein Leben geprägt hat“. Die Bucht von Kailua-Kona auf Hawaii, wo die Strapazen aller Triathleten beginnen, die sich an die 3,8 Kilometer Schwimmen im aufgewühlten Meerwasser, 180,2 Kilometer Radfahren über den flimmernden Asphalt und schließlich noch 42,2 Kilometer Laufen bei drückender Hitze machen. Diesmal kommen so viele „fitte Menschen in einem olympischen Dorf“ (Frodeno über den Ironman Hawaii) auf der Trauminsel für die Weltmeisterschaft zusammen wie nie zuvor, weil nach zweijähriger Pandemie-Pause 5000 Profis und Agegrouper starten. Die kritisch beäugte Auffächerung in zwei getrennte Termine für Männer und Frauen macht es möglich.

Quälen auf der Trauminsel. Ironman auf Hawaii. Foto: dpa
Quälen auf der Trauminsel. Ironman auf Hawaii. Foto: dpa © dpa

Triathlon unter Palmen: Wachablösung beim Ironman Hawaii

Dass Dreifach-Champion Frodeno wegen eines Seuchenjahres mit angerissener Achillessehne, Corona-Infektion und Hüftoperationen nun seinen Titel aus 2019 beim Männer-Rennen (Samstag 18.25 Uhr MESZ/ZDF-Livestream) nicht verteidigen kann, hat lange am 41-Jährigen genagt. „Ein Jahr auf der Auswechselbank zu sitzen“, sagte er dem Triathlon-Magazin, falle ihm nicht leicht, denn eigentlich hätte diese Auflage zugleich sein Abschiedsrennen sein sollen, der Deal mit der Familie sei nun aber, sich 2023 „ein letztes Mal reinzustürzen“. Zuvor könnte es bei der diesjährigen Auflage bereits zur Wachablösung gekommen sein. Denn die Indizien sind erdrückend, dass die deutsche Dominanz nach einer sagenhaften Siegesserie seit 2014 in diesem Jahr endet.

Du kommst hierher und du denkst, du bist wer. Die Insel zeigt dir, dass du ein niemand bist

Sebastian Kienle, Triathlet

Damals hatte Sebastian Kienle die Konkurrenz düpiert, doch der Coup des intelligenten Charakterkopfes ist eben lang her. Schon vor einem Jahr hat der 38-Jährige angekündigt, in 2023 einen Schlussstrich zu ziehen, weil die Wehwehchen mehr und die Glücksgefühle weniger geworden sind. „Man kann sich durch so eine relativ lange Abschiedstournee immer mehr damit anfreunden, dass es danach vorbei ist. Ich hoffe, dass der Körper durchhält.“ Seine Siegchance bezifferte der ehemalige Physik-Student auf fünf Prozent, der sich vor seinem letzten Hawaii-Auftritt keinen Illusionen hingibt: „Du kommst hierher und du denkst, du bist wer. Die Insel zeigt dir, dass du ein niemand bist“. Er will vor allem den Zieleinlauf genießen, wenn ihn seine Frau und sein gerade ein Jahr alter Sohn erwarten: „Das hat das Potenzial zum emotionalen Höhepunkt.“

Vor Ironman Hawaii: Lange ohne Rücktrittsgedanken

In jenem Areal machte Patrick Lange einst als Hawaii-Sieger seiner Frau Julia einen Heiratsantrag. Als ob der Triumph 2018 in Rekordzeit nicht genug wäre. Doch wie rasant es runter gehen kann, erlebte der gebürtige Hesse im Jahr darauf. Wegen körperlicher und mentaler Probleme und der schweren Erkrankung seiner später an Magenkrebs verstorbenen Mutter hätte der Doppelsieger aus 2017 und 2018 damals eigentlich gar nicht starten dürfen, bekannte Lange in seinem Buch „Becoming Iroman“. Sein Ausstieg sei „der wahrscheinlich dunkelste Moment in meiner sportlichen Karriere“ gewesen.

Im Best-Case-Szenario will ich um den Sieg mitreden.

Patrick Lange, Triathlet

Längst sind auch dank eines neuen Umfelds – Trennung von Trainer Faris Al-Sultan und Manager Jan Sibbersen – die Lichter wieder angeknipst und zwischenzeitlich war Lange bereits so gut in Schuss wie früher, aber erst zog er sich in diesem Jahr bei einem Radsturz eine Schulterverletzung zu, dann setzte ihm das zweite Mal eine Corona-Infektion zu. „Man kann nicht wegdiskutieren, dass ich Trainingsrückstand habe, auch wenn ich natürlich versucht habe, diesen in den vergangenen drei Monaten wettzumachen“, erklärte der 36-Jährige. Trotzdem versucht sich der in Salzburg beheimatete Ausdauerfetischist in Zweckoptimismus. „Im Best-Case-Szenario will ich um den Sieg mitreden.“ Rücktrittsgedanken hegt er im Gegensatz zu den Konkurrenten, mit denen Lange übrigens alles andere als befreundet ist, noch nicht.

Triathlon auf Insel: Blummenfelt Favorit beim Ironman Hawaii

Wahrscheinlich werden seine Gedanken bald darum kreisen, wie die norwegischen Ausdauerwunder wieder einzufangen sind, die sich mit riesigen Schritten an die Wachablösung machen. An Kristian Blummenfelt und in seinem Windschatten vielleicht auch Trainingspartner Gustav Iden wird zukünftig bei Titelvergaben wohl kein Weg vorbeiführen. Blummenfelt gewann vor einem Jahr gleich seinen ersten Ironman in Mexiko und siegte im Mai bereits bei der Ersatz-WM in St. George im US-Bundestaat Utah. Das Kraftpaket aus Bergen scheint in einer anderen Umlaufbahn unterwegs, wie seine 6:44:26 Stunden zeigten, die er für die Langdistanz auf dem Lausitzring unter Laborbedingungen brauchte.

Dass der 28-Jährige nach diesem Ironman auch noch auf der Kurzdistanz bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris wie schon 2021 in Tokio die Goldmedaille gewinnen will, darüber staunt auch der 2008 in Peking Olympiasieger gewordene Frodeno, der zu Blummenfelt bekundete: „Auf höchstem Niveau hat das noch niemand vorgemacht. Aber es hat auch noch niemand ein Jahr hingelegt wie er. Seine Siege und Rekorde sind ihm in Zeitabständen gelungen, die vorher als unvorstellbar galten.“ (Frank Hellmann)

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