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Vom Fast-Karriereende zu EM-Gold

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Von: Timur Tinç

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Zieht voll durch: Lisa Mayer. Foto: Imago Images
Zieht voll durch: Lisa Mayer. Foto: Imago Images © IMAGO/Eibner

Die Frankfurter Sprinterin Lisa Mayer hat nach langer Leidenszeit gelernt, die schönen Momente wertzuschätzen.

Lisa Mayer ist am 21. August mit einem Kribbeln im Bauch auf die Tartanbahn getreten. Trotz 50 000 sportbegeisterter Fans im Münchener Olympiastadion „war die Angst wie verflogen“, erinnert sich die Sprinterin. Als ihr Name aufgerufen wird, strahlt sie über das ganze Gesicht. Nur kurze Zeit später wird aus dem Jubel ein ohrenbetäubendes Tosen. Die deutsche 4x100-Meter-Staffel mit Alexandra Burghardt, Rebekka Haase, Gina Lückenkemper und Lisa Mayer gewinnt Gold bei der Heim-Europameisterschaft. Zum Lächeln kommen schnell Freudentränen. Dabei war die 26-Jährige im Sommer 2021 kurz davor, ihre Spikes an den Nagel zu hängen. Und eigentlich sollte sie auch gar nicht im Finale auf der Laufbahn stehen. Doch Tatjana Pinto konnte wegen Verletzungsproblemen nicht starten. So schnell kann es im Sport gehen.

„Im Kontext dieser langen Leidenszeit und den vielen Rückschlägen war das der emotionalste Abend meiner Karriere“, sagt Mayer. Vier Monate nach diesem magischen Abend sitzt die Athletin vom Sprintteam Wetzlar bestens gelaunt in einem Frankfurter Café. Das Glücksgefühl vom Sommer trägt sie im Herzen und ein großes Lächeln im Gesicht. Die Unteroffizierin bei der Bundeswehr trainiert so gut wie seit fünf Jahren nicht mehr. Sie hat die Sportplakette des Landes Hessen erhalten und ist mit der Sprintstaffel bei der Wahl zur Mannschaft des Jahres auf dem zweiten Platz gelandet. „Nach den Rückschlägen kann ich solche Momente viel mehr wertschätzen. Ich hoffe, das wird auch in Zukunft so bleiben“, sagt Mayer, die seit April Medien- und Kommunikationsmanagement an der Fernuniversität Riedlingen im Master studiert.

Die gebürtige Gießenerin hat in jungen Jahren viele Erfolge gefeiert. 2015 wird sie U20-Vize-Europemeisterin über 100 Meter, 2016 Deutsche Vizemeisterin über die 100 und 200 Meter. Sie wird Vierte bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro mit der 4x100-Meter-Staffel. Ein Jahr später folgt Gold bei der Staffel-Weltmeisterschaft. Danach beginnen die Probleme mit dem Oberschenkel. Zwar gewinnt die 1,71-Meter große Athletin noch einmal Bronze bei der Staffel-WM 2019, aber der Körper setzt ihr zu viele Stoppschilder. Sie wechselt im Jahr 2020 von Mannheim zur Trainingsgruppe von David Corell nach Frankfurt, wo sie auch seit mehreren Jahren wohnt. Schritt für Schritt wird es besser. Sie läuft direkt im ersten Rennen der Freiluftsaison 11,12 Sekunden – Olympianorm in der Tasche.

Doch nur wenige Tage nach der Ankunft im Trainingslager zur Vorbereitung auf die Spiele in Tokio zwingt sie eine Verletzung – wieder im Oberschenkel – zur Abreise. „Ich war mental am Ende“, gibt Mayer zu. Bei der Kernspintomographie wird festgestellt, dass das Gewebe an der Sehne degeneriert ist. Zudem verläuft die Sehne nah am Nerv, was sehr untypisch ist und den Rehaprozess verlängern würde. Ausgang ungewiss.

„Ich hatte Angst“

Lisa Mayer stellte alles infrage, wollte eine klare Perspektive. Die 80-prozentige Erfolgsaussicht, die Corell ihr gab, reichte ihr, um sich weiter zu quälen. „Ich habe aber völlig unterschätzt, wie lange der Heilungsprozess dauert“, sagt Mayer. Ihr war zwar gesagt worden, dass es zwischen sechs Monaten und zwei Jahren sein kann, trotzdem frustrierten sie die Ergebnisse. Dazu kam nach dem Trainingslager eine Corona-Infektion. Sie verpasste die Deutsche Meisterschaft und die Weltmeisterschaft, als die Sprintstaffel ohne sie WM-Bronze gewann. Die Schmerzen im Oberschenkel wollen einfach nicht weggehen und Corell wollte sie noch einmal drei Tage zu einem Arzt nach Hamburg schicken.

„Ich wollte nicht mehr. Ich hatte Angst, dass mir die drei Tage nicht helfen. Mein Freund hat mir dann den nötigen Arschtritt gegeben“, erzählt Mayer. Der Arzt hat dann mit dem sogenannten dry needeling „jeden einzelnen Muskel im Bein freigeklopft“, so dass Mayer wieder schmerzfrei auf die Bahn gehen konnte. Im allerletzten Rennen vor der Heim-EM in München qualifizierte sie sich doch noch für einen Platz in der Staffel. Woche für Woche fühlte sie sich besser und hat den Vorlauf, den sie bestreiten durfte, „in vollen Zügen genossen, weil ich nicht damit gerechnet habe, im Finale zu laufen“, sagt Mayer.

Beim Einlauf ins Stadion sehen die vier Staffelsprinterinnen, wie Mayers Trainingspartner Kevin Kranz den Staffelstab nicht rechtzeitig aus der Hand bekommt. „Mädels, davon lassen wir uns nicht beeindrucken. Das ist unser Stadion, unser Abend, wir machen das“, war die Marschroute. Die favorisierten Teams aus England und Frankreich lassen den Stab aus der Hand fallen, der Rest ist Geschichte.

Kurz nach der EM liegt Mayer erst einmal drei Tage mit Fieber im Bett, startet noch beim Istaf in Berlin, ehe es in den wohlverdienten, „zu kurzen“, Urlaub geht. Ab dem 5. Januar wird Mayer mit ihrem Team nach Gran Canaria ins Trainingslager fliegen. Anschließend soll eine Hallensaison folgen, um die Wettkampfhärte zu bekommen. 2023 will sie ein fester Bestandteil der Staffel sein und sich einen Einzelstart bei der WM in Budapest erkämpfen. Am liebsten über ihre Herzensstrecke, die 200 Meter. Die ist sie zuletzt im Mai 2017 gelaufen. „Ich sehe meine Stärken in der Sprintausdauer“, sagt Lisa Mayer. Beim nächsten großen Highlight, den Olympischen Spielen in Paris, wird sie 28 sein und damit „im besten Sprintalter.“ Dann will sie wieder das Kribbeln im Bauch spüren, wenn sie auf der Tartanbahn steht.

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