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Alt und Jung: Trainer Friedhelm Funkel begrüßt den Kollegen Florian Kohfeldt. 

Werder Bremen hinkt hinterher

Völlig außer Tritt

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Im Kellerduell Düsseldorf gegen Bremen trifft Mister Bodenständig Friedhelm Funkel auf Humpelstilzchen Florian Kohfeldt.

In ihrem Bewegungsradius sind sich Friedhelm Funkel und Florian Kohfeldt durchaus ähnlich. Vorrangig die äußerste rechte Ecke der Coaching Zone dient beiden Trainern als Aufenthaltsort. Die „Sportbild“ hat die Heatmaps aller 18 Bundesligatrainer in ihrem zugeteilten Refugium untersucht und beide in der Kategorie „Antreiber“ verortet. Der Coach von Fortuna Düsseldorf hat sogar einen eigenen Stuhl auf halber Höhe stehen, während der Fußballlehrer des SV Werder meist gleich an der Begrenzungslinie versucht, Einfluss zu nehmen. Was ausgerechnet im richtungsweisenden Kellerduell in Düsseldorf (Samstag 15.30 Uhr) nicht möglich sein wird: Wegen einer vom seinem au0er Tritt geratenen Verein nicht näher beschriebenen Fußverletzung kann Kohfeldt nicht auftreten, hatte zuletzt Bettruhe verordnet bekommen. Der 37-Jährige werde während der Partie „vielleicht etwas mehr sitzen, als man das gewohnt ist“, hat Geschäftsführer Frank Baumann verraten, der eingedenk der nun sogar auf den Trainerstab übergreifenden Verletzungsmisere von einem „Höhepunkt“ sprach „oder Tiefpunkt, je nachdem, wie man es sehen möchte.“

Kurzerhand wurde die Besprechung des Matchplans jenes Klubs, der aus Europas fünf großen Ligen im vergangenen Jahrzehnt die meisten Tore (599) kassierte, in das Wohnzimmer des Chefs verlegt. Immerhin wird Kohfeldt die Dienstreise ins Rheinland mitmachen können. Während der 66 Jahre alte Funkel aber quietschfidel seine Mannschaft aufmuntern kann, muss sich der fast drei Jahrzehnte jüngere Kollege schonen. Aus dem sich gerne als Rumpelstilzchen an der Linie gebärdenden Trainer wird Humpelstilzchen. Keine gute Voraussetzung für den „Kraftakt hoch drei“ („Kicker“), den der Übungsleiter schultern soll.

Noch immer ist ja nicht klar, dass Werder als die negative Überraschung der Hinrunde mit der schlechtesten Bilanz der Vereinsgeschichte mit dem Festhalten am Trainer des Jahres 2018 richtig fährt. In der öffentlichen Beurteilung kommt der rhetorisch geschickte Kohfeldt ziemlich gut weg, dabei hat er mit seiner Taktik und seiner Personalauswahl beileibe auch nicht immer richtig gelegen. Und dass er selbst noch wie ein Suchender agiert, wird an Details deutlich: Einerseits möchte er am in seiner Amtszeit vorrangig verwandten 4-3-3-System festhalten, weil es einem mit vielen Offensivspielern bestückten Kader die größten Entfaltungsmöglichkeiten bietet. Doch das spielerische Potenzial sei unter „einer Menge Schutt“ begraben. Mit der Verpflichtung des bei der TSG Hoffenheim in Ungnade gefallenen Kevin Vogt, der seine Stärken eigentlich nur als Kopf einer Dreierkette ausspielen kann, ist der Zwang zum Systemwechsel und die Betonung der in Bremen traditionell vernachlässigten Defensive offenkundig.

Die Krise nagt an Kohfeldt

Funkel ist in dieser Hinsicht ohnehin Pragmatiker. Der lebensfrohe Rheinländer pflegt einen Spielstil, der sich auf seinen Stationen am Machbaren orientierte. Deshalb bricht der Veteran Heribert Bruchhagen immer eine Lanze für den langjährigen Trainer von Eintracht Frankfurt. Als im Herbst mal wieder in einer Talkrunde viele Lobeshymnen auf Kohfeldt herabprasselten, trat Bruchhagen im Fernsehstudio auf die Bremse. Motto: Dieser Trainer müsse sich erst noch beweisen. Klar ist: Ihm gefällt das von jeglichen Allüren befreite Auftreten des Herrn Funkel als Mister Bodenständig besser. Dem ist die öffentliche Meinung beinahe egal, denn da vertraut einer seinen Prinzipien und seiner Erfahrung. Sein entscheidender Pluspunkt. Während der bereits 1989 ins Trainermetier eingestiegene Düsseldorfer Trainer auf mehr als 1200 Spiele als Spieler und Trainer in erster und zweiter Liga zurückblickt, hatte der Bremer Coach vor seiner Inthronisierung im November 2017 nur die zweite Mannschaft betreut und fürs dritte Team das Tor gehütet.

Mit den Mechanismen im Bundesliga-Abstiegskampf ist Kohfeldt insofern nicht wirklich vertraut, weil er anfangs auf Abruf arbeitend nichts zu verlieren hatte. Nun nagt die Krise unweigerlich auch an ihm: Während er sich bislang stets schützend vor seine Spieler stellt, faltete er nun im Mallorca-Trainingslager die Akteure öffentlichkeitswirksam zusammen. Als Marco Friedl im Sitzen ein Foul reklamierte, ertönte der Anpfiff: „Genau das will ich nicht mehr sehen. In der Hinrunde kriegen wir vier Gegentore, weil wir liegen bleiben.“ Doch wie glaubwürdig ist die Verwandlung zum Hardliner?

Funkel betrachtet es als höchstes Gut, im Umgang mit der Mannschaft authentisch zu bleiben. Der Routinier hat in Marbella auch in der Belastungsfrage das Kontrastprogramm zum jungen Kollegen Kohfeldt gefahren: ausgedehnte Einheiten, bei denen die Profis ordentlich ins Schwitzen kamen. Insgesamt spulte die Fortuna ein fast doppelt so hohes Pensum wie Werder ab. Funkel wollte das nicht überbewerten. „Jeder Trainer hat da seine eigenen Ideen. Ob weniger manchmal mehr ist oder mehr manchmal zu viel, werden die nächsten Wochen zeigen.“ Oder schon heute der direkte Vergleich. Zum Bundesligastart gewann Düsseldorf im Weserstadion übrigens vollauf verdient mit 3:1.

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