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Deutsch-französische Freundschaft: Die Leverkusener ToptalenteKai Havertz (links) und Moussa Diaby. Bild: dpa

Probleme in der Fußball-Bundesliga

Viele Tore, wenige Talente

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Die DFL sorgt sich um „junge Spieler, die mehr auf der Autobahn unterwegs sind als auf dem Platz“ und gibt bedrückende Kennzahlen bekannt.

Wenn die Deutsche Fußball-Liga (DFL) alle Jahre wieder im Januar ins fünfte und damit oberste Stockwerk seiner Verbandszentrale im Frankfurter Westend lädt, geht es in der Regel darum, den deutschen Profifußball in kunterbunten Farben auszumalen. Klar, die DFL ist Lobbyist der 36 Lizenzklubs, da gehört es zum Jobprofil, der Öffentlichkeit gute Zahlen und gute Taten zu servieren. Der zuständige Geschäftsführer Ansgar Schwenken tat genau das. Einerseits. Andererseits redete der Fachmann auch nicht großartig um die Defizite herum, es mischten sich also Grautöne ins Kunterbunte.

Das Kunterbunte: In der deutschen Bundesliga werden im Schnitt pro Spiel mehr Tore erzielt als woanders (Bundesliga: 3,2, England: 2,8, Spanien: 2,6), außerdem gibt es weniger Nullnummern (Bundesliga: 3,3 Prozent, England: 4,3, Spanien: 9,4). Auch Italien und Frankreich liegen in diesen netten Statistiken hinter Deutschland, das zudem in der Uefa-Rangliste Platz drei erobert hat. Alles schön und gut. Mit einem ziemlich großen Aber.

Die Grautöne: Der Anteil der eingesetzten einheimischen U21-Spieler (in Prozent der Gesamtspielzeit) geht bedenklich zurück: Waren es in der Saison 2017/18 noch 7,8 Prozent und 2018/19 gerade noch 4,8 Prozent, so sind in der Vorrunde 2019/20 gar nur drei Prozent gewesen. Eine geradezu jämmerliche Quote vor dem Hintergrund, wie viel Geld die Liga (pro Spieljahr rund 30 Millionen Euro aus zwei Töpfen) und die Vereine in die Nachwuchsarbeit stopfen. Rund 150 Millionen Euro sind es pro Spielzeit allein von den 18 Klubs der ersten Liga laut der zuletzt veröffentlichen Zahlen gewesen. Auch ist der Altersschnitt in der Bundesliga von zwischenzeitlich knapp 25 Jahren auf inzwischen wieder deutlich über 26 gestiegen. Keine guten Kennzahlen. Zum Vergleich: In der französischen Liga haben eigene U21-Spieler nicht weniger als 12,8 Prozent, also mehr als viermal so viel, Anteil an der Gesamtspielzeit. Und: Auch junge, hochtalentierte Franzosen sind in der Bundesliga ja weit überdurchschnittlich unterwegs, man kann sie alle fast gar nicht aufzählen, die blutjungen N’Dicka, Zagadou, Mateta, Upamecano, Konaté, Mukiele, Diaby – ganz im Gegensatz zu deutschen Spielern dieser Altersklassen.

Ansgar Schwenken weiß das als Leiter der mit vielen Bundesligamanagern besetzten Kommission Fußball und sagt deshalb: „Wir müssen den Fokus noch mehr auf die Nachwuchsförderung richten.“ Die DFL befindet sich dabei im engen Austausch mit dem Deutschen Fußball-Bund. Gemeinsam haben DFL-Boss Christian Seifert und DFB-Topmanager Oliver Bierhoff das „Projekt Zukunft“ ausgerufen. Die Kommission Fußball, in der unter anderem Eintracht Frankfurts Sportvorstand Fredi Bobic sitzt, wird sich Mitte Februar das nächste Mal treffen. Es gibt eine Menge zu tun. Das Übel muss an der Wurzel gepackt werden. DFL und DFB denken deshalb konkret darüber nach, schon an die Ligen der Zehn- bis Zwölfjährigen ranzugehen. DFL-Nachwuchsdirektor Andreas Nagel: „Wir müssen flexibler werden und mehr über die Grenzen der Landesverbände hinausdenken.“

Schwenken sieht die Nachwuchsförderung an „einem Wendepunkt“, weist aber auch darauf hin, dass der „Ehrgeiz, in nicht so begünstigten Schichten der Bevölkerung, sich im Fußball weiterzuentwickeln“, höher sei. „Die Zahl der Talente mit Migrationshintergrund steigt.“ Aber auch das kann sich der deutsche Fußball natürlich zunutze machen und hat das ja auch schon getan. Die Multi-Kulti-Weltmeister-Generation Müller-Özil-Lahm-Boateng-Schweinsteiger-Khedira hat das bewiesen, die nachgerückten türkischstämmigen Gündogan, Can, Serdar ebenfalls.

Ein Kernpunkt der neuen Bemühungen: Künftig soll es eine eigene Ausbildungsschiene für Nachwuchstrainer geben. Man will weg davon, dass das Gros der ambitionierten Jugendtrainer sich an berühmten Karrieren wie die von die von Nagelsmann, Tuchel und Kohfeldt orientiert und die Nachwuchsschulung deshalb nur als Zwischenstation sieht. Mit der Folge, dass diese Trainer sich mehr an Siegen als an individueller Förderung orientieren. Ein weiteres Ärgernis, dass Schwenken und Nagel mit Bierhoff teilen: Viel zu viele Nachwuchsspieler kommen auf zu wenige Spielzeiten, gerade die Ersatzspieler der Junioren-Bundesligen. Andreas Nagel ist es ein Dorn im Auge, dass nicht selten „junge Spieler mehr auf der Autobahn unterwegs sind als auf dem Platz“.

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