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Spin gibt er den Kugeln mit seiner Lippe: Muhammad Ikram, 32, ohne Arme geboren.
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Spin gibt er den Kugeln mit seiner Lippe: Muhammad Ikram, 32, ohne Arme geboren.

Snooker mit Behinderung

Versenkt mit dem Kinn

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Muhammad Ikram ist in Pakistan eine echte Berühmtheit, weil er Snooker spielt – ganz ohne Arme.

Nur ein Stückchen fehlt ihm noch zu seinem Ziel, höchstens ein Zentimeter, nicht mehr. Er reckt sich nach oben, auf Zehenspitzen stehend braucht er einen Moment, um den Oberkörper ruhig zu pendeln. Er lehnt sich nach vorne über den Snookertisch und öffnet den Mund, nur einen Spalt weit. Luft zischt nach außen, so wie er es immer tut, wenn er konzentriert ist. Dann stößt er kraftvoll zu. Klack, die weiße Kugel rollt los, klack, sie trifft eine rote, klack, die in die mittlere Tasche abtaucht. Versenkt – mit dem Kinn.

Muhammad Ikram, 32 Jahre alt, wurde mit einer Behinderung geboren, ihm fehlen beide Arme. Auch ist er kein professioneller Snookerspieler, das darf er gar nicht sein, besagen die Spielregeln doch eindeutig, dass er nun mal zwei Arme bräuchte, um das Queue zu halten und damit die Kugeln anzustoßen. Auf keinen Fall dürfen Kleidungsstücke oder Körperteile sie berühren. Niemals. Bei Muhammad Ikram erlauben sie es, bei diesem unprofessionellen Snookerspieler, der dennoch mittlerweile ein weltweit bekannter ist. Warum? Weil er all die Regeln dieses Sports für sich außer Kraft gesetzt hat.

Wenn sich Ikram in seinem Lieblings-Snookersalon in Samundri, einer 150 000-Einwohner-Stadt im Osten Pakistans, bäuchlings über den grünen Tisch lehnt und seine Künste mit dem Kinn vollführt, dann staunen die Menschen. Sie staunen über einen selbstbewussten Mann, der sich die Freude am Leben von einer Behinderung nicht nehmen lässt – warum auch, wie Ikram rhetorisch fragt – und seiner liebsten Leidenschaft mit absoluter Begeisterung nachgeht.

In seiner Heimat ist er auf dem Weg, zu einer Berühmtheit zu werden, vielleicht ist er sogar schon längst eine. Die pakistanischen Medien jedenfalls reißen sich um ihn, auch einige ausgewählte internationale wollten in den vergangenen Wochen seine Lebensgeschichte hören; Interviews gibt er reichlich. Und Muhammad Ikram liefert sie ihnen gerne. Dann erzählt er von seiner schwierigen Kindheit als eines von neun Kindern, jenes ohne Arme, das zwar immer von seiner Familie geliebt wurde, aber doch häufiger alleine zurechtkommen musste als die anderen. Er erzählt, wie ihn diese Einsamkeit in besagten Laden in Samundri trug, wie er bereits als Heranwachsender in den Bann des Spiels gezogen wurde. Fast jeden Tag sei er damals ins Snookercenter gekommen, von dessen Fassade der Superstar der Szene, Ronnie O’Sullivan, den Menschen breit entgegengrinst. Zwölf Kilometer legte Ikram dafür stets zurück, einfache Strecke wohlgemerkt, und das zu Fuß.

„Am Anfang habe ich den anderen Spielern nur zugeschaut und mich gefragt, ob ich auch spielen würde, wenn ich Arme hätte“, erzählte Ikram unlängst der französischen Nachrichtenagentur afp. „Du kannst das nicht“, habe ihm Besitzer Muhammad Nadeem damals stets entgegnet. Doch Ikram konnte. Er fing an zu trainieren, heimlich, immer dann, wenn die Tische unbesetzt waren und auch die Bar des Snookersalons weitgehend menschenleer war. Er stupste die Kugeln dann mit seinem Kinn über den Tisch. Er übte und übte und übte und wurde immer besser.

Zwischenzeitlich verboten ihm seine Eltern zwar sein Hobby, zu gefährlich fanden sie es. Ihr Sohn könne sich ja womöglich im Gesicht schmerzhafte Schrammen holen. Aber vor rund drei, vier Jahren erkannten Frau Mama und Herr Papa dann doch die außerordentlichen Fähigkeiten ihres Sohnes an. Stolz sei sie, ließ jetzt Mutter Razia Bibi wissen, richtig stolz. Vor den etlichen Medienauftritten frisiert sie ihrem Junior stets das Haar. Muss ja alles sitzen.

Mittlerweile ist Ikram in seinem Sport so gut, dass er die Kugeln nicht nur präzise anspielen, sondern ihnen auch erstaunlich viel Tempo mitgeben kann. Ein Künstler mit dem Kinn, die Kraft kommt dabei aus dem Nacken. Mit der Lippe gibt er den Kugeln den nötigen Spin, der quasi unabdingbar ist für das Spiel mit den 15 roten Kugeln, das in Pakistan nur von Cricket in der Publikumsgunst übertrumpft wird.

Drei lokale Turniere hat Ikram mittlerweile schon gewonnen, an viel mehr durfte er – Stichwort Spielregeln – bisher gar nicht teilnehmen. Längst zahlen aber andere Snookerspieler sogar Geld, um gegen ihn antreten zu dürfen. Sie stoßen dann mit einem Queue, er mit dem Gesicht. „Ikram hat in diesem Sport keine Konkurrenz. Im Cricket oder Fußball gibt es behinderte Spieler, aber im Snooker ist er einzigartig“, sagt Salonbesitzer Muhammad Nadeem, der mit der Anwesenheit von Ikram wirbt. Ein wahrer Sportsmann sei dieser, sein langjähriger Kumpel.

„Wenn es da draußen noch jemanden gibt, der so spielt wie ich, wäre ich bereit gegen ihn anzutreten“, sagt Muhammad Ikram, der künftig gerne auch mal im Ausland spielen würde. Denn, so sagt er pathetisch: „Gott hat mir zwar keine Arme gegeben, aber er hat mir viel Mut gegeben. Und ich habe diesen Geist benutzt, um besser zu werden. Niemand sollte also die Hoffnung verlieren.“

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