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Wer hätte das gedacht? Cricket rangiert hinter Boxen auf Platz zwei. 

Studie aus England

Die Vermessung des Sports

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Ist Fußball langweilig, weil in der Regel nicht viele Tore fallen? Ist Eishockey attraktiver, weil dort permanent Körper ineinander krachen? Oder ist die Erfüllung für alle an gutem Entertainment Interessierten der hierzulande immer populärer werdende American Football? Vielleicht aber bietet Cricket am meisten Action fürs Geld. In England gibt es nun eine Untersuchung über die Attraktivität von Sportarten. Was ist sie wert?

Das Jahr 1994 war ein wichtiges für den Weltfußball. Er gastierte in den USA, die Amerikaner sollten all die Stars kennenlernen, deren Namen in Europa, aber auch Südamerika, Afrika und Asien jedem vertraut waren: Diego Maradona, Lothar Matthäus, Romario, Roberto Baggio, Roger Milla.

Die Amerikaner füllten die riesigen Betonschüsseln, in denen sonst American Football oder Baseball gespielt wird; zum Finale in der Pasadena Rose Bowl kamen mehr als 92 000 Leute, so gesehen war die Fußball-WM ein Erfolg. Doch es bleiben nicht immer alle bis zum Schluss. Viele gingen früher, weil sie sich nicht angemessen unterhalten fühlten. Rauschten dann an der Pressetribüne vorbei und riefen den internationalen Reportern zu, dass sie von „European soccer“ nichts halten: „It sucks.“

American Football schneidet schlechter ab als gedacht. 

Umgekehrt tun sich jedoch auch deutsche USA-Reisende schwer, wenn sie sich zu einer Partie der Major League Baseball begeben. Da kann es sein, dass wenig bis nichts passiert – und weil das Regelwerk sich nicht von selbst erschließt, wünscht man sich sogar ein langweiliges Fußballgeschiebe herbei. Immer noch besser als das beste Baseballspiel.

Alles subjektiv halt. Und sicher davon abhängig, wie man sportlich sozialisiert wurde. Oder gibt es eine Möglichkeit herauszufinden, ob eine Sportart objektiv mehr bietet als die andere? Bei der britischen Agentur „Blueclaw“ hat man nun versucht, die Welt des Sports zu vermessen. Unter dem Gesichtspunkt: Welcher ist der aufregendste? Entstanden ist der „Excitement Score“.

Man hat sich darauf beschränkt, zehn Sportarten zu analysieren. Diejenigen, die in den nordamerikanischen Profiligen abgebildet werden (American Football, Baseball, Basketball, Eishockey), König Fußball natürlich, das weit verbreitete Rugby und das ebenfalls fast überall anzutreffende Cricket. Dazu auch die Sportarten, die oft in epische Duelle münden: Tennis, Boxen. Und Snooker, weil diese populärste Variante des Billard die Sportspartenkanäle befüllt und an ihm ja was dran sein muss, wenn die Zuschauer am Bildschirm stundenlang in einen meditativen Zustand versinken.

Die Rangliste


1. Boxen 79,2

2. Cricket 76,0

3. Basketball 75,8

4. Tennis 74,6

5. Eishockey 50,4

6. Rugby 37,6

7. Fußball 37,0

8. Snooker 36,6

9. American Football 26,4

10. Baseball 16,0

Untersucht wurde für jede der zehn Sportarten, was sie in ihrer absoluten Spitze bietet. Gegenstand der Sezierung waren die letzten fünf entscheidenden Finalspiele. Im Tennis die Wimbledon-Endspiele 2015 bis 2019, im Boxen die fünf Titelkämpfe des Briten Anthony Joshua (2017 bis 2019), im Fußball die WM-Finals seit 2002, im Cricket die World Cup Finals seit 2003, im Eishockey die jeweils letzten Stanley-Cup-Endspiele von 2015 bis 2019. Und im American Football natürlich der Super Bowl.

Herausgearbeitet wurde: Welche Schlüsselmomente, die das Resultat beeinflussen können, hat eine Sportart? Wie oft kommen diese Augenblicke vor? Denn nur nach Toren und Punkten kann man nicht urteilen. Klar, dass Basketball, wo die Countdown-Uhr zwingt, binnen 24 Sekunden den Abschluss zu suchen, mehr Action liefert als der Fußball, der bisweilen breitwandig ausfällt. Also müssen, wenn es im Basketball Würfe, Rebounds und Steals gibt, auf dem Rasen auch Schüsse, Freistöße, Ecken und Karten Berücksichtigung erfahren. Und selbstverständlich muss ein Dreier-Wurf beim Basketball höher bewertet werden als ein Zweier – weil das Publikum verzückter ist.

So hat das britische Blueclaw-Team beim Tennis die Asse, Doppelfehler und Breakbälle gezählt, beim Boxen die Jabs, die die Deckung des Gegners öffnen sollen, und die Powerschläge, die dann ihr Ziel finden. Und klar: Ein Niederschlag ist ein Highlight, es reißt den Boxer von den Beinen und den Zuschauer vom Sitz. Beim Faustkampf passiert denn auch am häufigsten was: Etwa alle zehn Sekunden erfolgt eine Aktion, auf die das Publikum reagiert. In der Luft liegt ja ohnehin die Erwartung, dass ein Schlag alles verändern kann, der Fachbegriff lautet „Lucky Punch“. Bei Anthony Joshuas fünf WM-Fights wurden zwischen 62 und 127 Schlägen gezählt, die wehtun können.

Fußball schafft es immerhin unter die Top 10. 

Geachtet haben die Sportanalysten von Blueclaw auf die Ticketpreise, um das Preis-Leistungs-Verhältnis benennen zu können. Auch das trug bei zum finalen „Excitement Score“, den das Boxen mit 79,2 von 100 möglichen Punkten anführt. Der durchschnittliche Preis für eine Karte betrug 564 Pfund – nicht so günstig wie ein WM-Finale im Snooker (249), das Wimbledon-Endspiel (250), das entscheidende Match im Cricket (296) oder Rugby (432) – doch deutlich unter dem, was in Amerika beim ganz großen Sport gang und gäbe ist. An der Spitze der Super Bowl, bei dem 4380 Pfund aufgerufen wurden.

American Football, das durch die geschickten Sonntags-Inszenierungen der ProSieben-Gruppe auch in Deutschland eine Fan-Community aufbaut, schneidet in der Aufregungstabelle schlecht ab, es wird Vorletzter. Es hatte freilich Pech, dass der Super Bowl 2019 (Los Angeles Rams vs. New England Patriots) als eines der langweiligsten Spiele jemals gilt – mit drei Vierteln ohne Touchdown. Und so ist der Football der Amerikaner hinter dem der Europäer gelandet. Siebter von zehn, damit kann der Fußball leben. Bei ihm ist es schon Tradition, dass die Endspiele der alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaften selten zum Spektakel werden. Man erinnere sich an das von Fouls zerhackte Spanien–Niederlande (2010), das sich in die Verlängerung ziehende Frankreich–Italien (2006) oder an Deutschland–Argentinien 2014, wo es, wenn auch auf hohem Niveau, wenig gab, das das Spiel voranbrachte. Einen Excitement-Score würde man sich für die vorjährigen Champions-League-Halbfinalspiele zwischen Liverpool und Barcelona (0:3, 4:0) wünschen.

Aber für Baseball hat’s auch so gereicht.

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