Alexander Zverev: Spielte er gut, gewann er. Spielte er schlecht, verlor er.
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Alexander Zverev: Spielte er gut, gewann er. Spielte er schlecht, verlor er.

Kommentar

Verdrehte Tenniswelt

  • Daniel Schmitt
    vonDaniel Schmitt
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Alexander Zverev scheitert oft an sich selbst, doch dieses Mal könnte es bei den US Open zum großen Coup reichen, weil er sehr viel reifer und stabiler wirkt. Ein Kommentar.

Als sich Boris Becker und Andre Agassi vor nunmehr schon 25 Jahren auf dem bekanntesten Tenniscourt von New York, jenem in Flushing Meadows, bei den US Open die Bälle um die Ohren donnerten, da zischten nicht nur gelbe Filzkugeln übers Netz, sondern mit ihnen auch eine Menge Flüche. Becker und Agassi, zwei der Größten ihres Sports, waren sich spinnefeind. Als Höhepunkt der Missgunst ein Becker’scher Luftkuss in Richtung Agassis damaliger Lebensgefährtin Brooke Shields, der bekannten Hollywood-Schauspielerin.

Was das Scharmützel von 1995 mit dem Hier und Jetzt zu tun hat, mit Alexander Zverev und dessen Halbfinaleinzug bei den US Open? Vordergründig nicht viel, und doch verbergen sich zwei Verbindungen. Zum einen war es Becker, der 1995 als bisher letzter Deutscher das Halbfinale der US Open erreichte. Zum anderen ist es die Tennis-Ikone aus Leimen, die nun in ihrer Paraderolle als TV-Experte Zverev für dessen seelisches Gleichgewicht zu Recht abfeiert. Ausgerechnet Becker, möchte man da anfügen.

Alexander Zverev ist in seiner Karriere bisher oft an sich selbst gescheitert. Nicht umsonst gilt (oder galt?) er in der Branche als Stimmungsspieler. Spielte er gut, gewann er. Spielte er schlecht, verlor er, auch gegen vermeintlich schwächere Kontrahenten. Das hat mit seiner wackligen Psyche zu tun, seinem Jähzorn, auch seinem der Begabung entsprechend hohen Anspruchsdenken. In vielen Duellen machte er damit das Mögliche unmöglich – und nicht umgekehrt. Bisher jedenfalls.

Der ohnehin von den Fans wenig gemochte 24-Jährige hat einen schwierigen Sommer hinter sich. Nach seiner Teilnahme an der Adria-Tour inmitten der Corona-Pandemie-Hochphase und einer kurz darauf folgenden Party war der Aufschrei riesig. Alexander Zverev, der Buhmann – im Grunde auch zu Recht. Sportlich aber ist die Reaktion ausgezeichnet. Hinfallen, aufstehen – das zeichnet Siegertypen aus. In Abwesenheit der Stars, der das Turnier auslassenden Altmeister Federer und Nadel sowie des disqualifizierten Djokovic, schickt sich Zverev an, als erst vierter Deutscher in der Profi-Ära seit 1968 das Finale eines Grand-Slam-Turniers (vorher Becker, Stich, Schüttler) zu erreichen und womöglich den Titel zu holen – mit einer ausgeglichenen Art und Weise, seinem bisher gekannten Naturell widersprechend. Verdrehte Tenniswelt.

Übrigens: Lufküsser Becker verlor vor 25 Jahren gegen Agassi nicht nur den Fokus, sondern auch das Spiel. Eine zusätzliche Warnung für Alexander Zverev.

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