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Verbitterung war einmal

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Von: Hanna Raif

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Wollen bei der Skeleton-WM in St. Moritz aufs Treppchen: Susanne Kreher (links) und Tina Hermann. imago images
Wollen bei der Skeleton-WM in St. Moritz aufs Treppchen: Susanne Kreher (links) und Tina Hermann. imago images © Imago

Europameisterin Tina Hermann hat bei der Skeleton-WM viel vor.

Bis 18.24 Uhr hat Tina Hermann Zeit, aber keine Minute länger. Es ist Samstag, der erste Tag des deutschen Skeleton-Teams am WM-Ort St. Moritz ist fast vorbei, aber das gemeinsame Abendessen im Hotel steht eben noch aus. Um 18.30 Uhr wird serviert, und Hermann möchte natürlich pünktlich sein. Sechs Minuten braucht sie vom Zimmer an den Tisch. Alles genau kalkuliert.

Eine Anekdote wie diese mag in vielen Sportlerleben so oder so ähnlich vorkommen; Leistungssport erfordert Planung und Disziplin. Im Fall von Tina Hermann, der viermaligen Weltmeisterin, erzählt sie jedoch nicht nur von einer gewissenhaften Vollblutathletin, sondern vor allem von einem persönlichen Werdegang, der in dieser Saison, der ersten nach dem enttäuschenden vierten Platz bei der Olympischen Spielen von Peking, eine neue Wendung genommen hat. Zwei Jahre lang war Hermann, weil sie den Olympiazyklus mit ihrem Heimtrainer Dirk Matschenz bestreiten wollte, als Einzelkämpferin unterwegs; nicht im Teamhotel untergebracht, nicht in alle Besprechungen involviert. Seit vergangenem Sommer – und dem Trainerwechsel zu Ex-Skeletoni David Lingmann – ist sie aber wieder vollwertiges Mitglied der BSD-Mannschaft. Man glaubt der 30-Jährigen sofort, wenn sie sagt: „Ich bin froh, dass es wieder so ist. Ich habe endlich wieder Spaß.“

Kater in China

Bis zu diesen Worten – und vor allem der Erkenntnis, die in ihnen steckt – hat es nach der Rückreise aus China vor gut einem Jahr gedauert. Hermann war frustriert, traurig, enttäuscht, als sie ihre Teamkollegin Hannah Neise mit goldenem Edelmetall um den Hals sehen musste, ohne selbst behängt zu sein. Sie sagt aber heute, vor dem nächsten Großereignis, sehr bestimmt: „Ich bin es leid, über diese Spiele zu reden.“ Der Blick soll nach vorne gehen, aktuell auf die Titelkämpfe in St. Moritz, die an diesem Donnerstag mit den ersten beiden von vier Rennläufen der Skeleton-Frauen und -Männer beginnen. Und wenn man da als frisch gekrönte Europameisterin und Gesamtweltcup-Führende an den Start gehen kann, könnten die Zeichen doch schlechter stehen.

Hermann sagt zwar: „Ich fühle mich nicht als die große Favoritin.“ Dass sie als Serien-Weltmeisterin aber „um die Medaillen mitfahren“ will, versteht sich von selbst. Bei den letzten drei WMs raste sie zu Gold. Heuer ist das Feld besonders eng, man prognostiziert „ein spannendes Rennen“, zumal nur sechs Trainingsläufe vor Ort angesetzt waren. Immerhin steht die Bahn gut, das kalte Wetter tut sein Übriges. Hermann, Neise Susanne Kreher und Jacqueline Lölling haben sich die Schlüsselstellen im Schnelldurchlauf erarbeitet. Ab heute zählt’s – und ab heute wird man auch die Auswirkungen sehen, die Hermanns „große Auswertung“ über den Sommer mit sich gebracht hat.

„Die letzten zwei Jahre waren schon schwer“, gibt sie zu. Auch wenn das Verhältnis zu Matschenz nach elf Jahren Zusammenarbeit eng war bzw. immer noch ist, hat ihr der Anschluss zum Team gefehlt: „Ich war in einem Tunnel, sehr abgesondert.“ In einer Aussprache mit allen Beteiligten wurde daher „auch angesprochen, was schiefgelaufen ist“. Ein wichtiger Teil des Sommers, der für Hermann dennoch alles andere als einfach war. Ein plötzlicher Todesfall in der Familie warf die Planungen über den Haufen, Hermann wurde privat gebraucht, pendelte viel zwischen Hessen, Polizei-Ausbildung in Bad Endorf und Bayern. „Ich habe so wenig trainiert wie nie“, sagt sie, sieht aber den positiven Effekt: „Ich habe vielleicht auch gelernt, mir die Zeit besser einzuteilen.“

Heute, drei Weltcup-Siege später, weiß sie, „dass es gut war, meine Perspektive zu erweitern. Es kann nicht 24/7 um den Sport gehen.“ Hermann wirkt lockerer, weniger verbissen – und nimmt sich da auch gerne die Jugend als Vorbild. An Olympiasiegerin Neise bewundert sie beispielsweise, „wie cool und unbekümmert sie ist“. Was nicht heißt, dass die 22-Jährige den Sport und all seine Begleiterscheinungen nicht genauso ernst nimmt. Sechs Minuten nach Ende des Telefonats traf Hermann die acht Jahre jüngere Kollegin beim Abendessen. Punkt 18.30 Uhr, alle da. Guten Appetit!

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