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Keine Freundin von Sportfunktionären: Dagmar Freitag (SPD).
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Keine Freundin von Sportfunktionären: Dagmar Freitag (SPD).

Olympische Spiele

„Um jeden Preis“

  • VonNico-Marius Schmitz
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Die SPD-Politikerin und Sportausschussvorsitzende Dagmar Freitag hält das Festhalten an Olympia in Zeiten der Pandemie für höchst fragwürdig.

Frau Freitag, der Ärzteverband Tokio sprach sich für eine Absage der Olympischen Spiele aus. Auch Umfragen in der Bevölkerung zeigen die Skepsis. Trotzdem werden die Spiele nun durchgezogen. Die falsche Entscheidung?

Zehntausende Menschen aus allen Kontinenten werden nach Tokio einfliegen, und das in Zeiten, in den immer mehr Mutationen des Coronavirus bekannt werden. Die Infektionszahlen in Tokio steigen; Premierminister Suga hat für die Stadt den Corona-Notstand ausgerufen. Derselbe Premierminister steht aber unerschütterlich an der Seite von IOC-Präsident Bach: Beide werden diese Spiele durchziehen. Und ich glaube, man darf anfügen, um jeden Preis. Wir alle wissen aus den Erfahrungen der letzten Monate, dass diese vielgerühmten Hygiene-Blasen löchrig sind und ein wirklich sicheres Hygienekonzept für tausende Athletinnen und Athleten aus allen Regionen der Welt kaum realisierbar sein dürfte. Vielleicht hätte man die Corona-Pandemie auch und gerade im internationalen Sport als Auszeit sehen und die Möglichkeit der Reflexion über Fehlentwicklungen und Missstände nutzen sollen. Dagegen stehen aber offensichtlich die wirtschaftlichen Interessen des IOC und der Ausrichter. Die aktuellen Überlegungen, gänzlich auf Zuschauer zu verzichten, sind unter Pandemie-Gesichtspunkten wenigstens ein vernünftiger Ansatz; ich glaube es allerdings erst, wenn tatsächlich keine Zuschauer:innen an und in den Sportstätten sein werden.

Wird der Sinn von Olympia nicht ein Stück weit verfehlt, wenn es eine Veranstaltung ohne ausländische Zuschauer:innen und Helfer:innen wird?

Es ähnelt einem Konzert ohne Gäste, das nur online übertragen wird. Dass damit die besondere Atmosphäre und der ursprüngliche Geist Olympischer und Paralympischer Spiele völlig ad absurdum geführt wird, dürfte jedem klar sein. Gerade die Begegnungen der Volunteers aus aller Welt sind ein Wert an sich – neben der für viele Athlet:innen ja einmaligen Erfahrung des Zusammentreffens im Olympischen Dorf mit seinem ganz besonderen Flair.

Von den Athletensprechern gab es die Klage, dass die Mitbestimmung rund um die Planung der Olympischen Spiele nur sehr gering war. Wofür braucht es Athletensprecher, wenn das IOC doch alles entscheidet?

Athleten und Athletinnen haben nicht nur, aber insbesondere im IOC nach wie vor einen schweren Stand, mit ihren Forderungen durchzudringen. Allerdings zeigt die Entwicklung, dass mit der Gründung eigenständiger und unabhängiger Athletenvertretungen, wie z.B. Athleten Deutschland e.V., eine weltweit immer stärker werdende selbstbewusste Bewegung in Gang kommt, die zunehmend Druck auf die Entscheidungsstrukturen internationalen Verbände ausüben und erste Erfolge verzeichnen kann.

Sind Sie zuversichtlich, dass das IOC künftig stärker auf die Wünsche der Sportler eingeht?

Noch sehe ich keine wirkliche Einsicht. Das hat aber auch damit zu tun, dass die IOC-eigene Athletenvertretung noch nie durch eigenständige oder gar revolutionäre Vorschläge aufgefallen ist. Aber im 21. Jahrhundert und den heutigen Möglichkeiten der schnellen weltweiten Vernetzung sollte es den Athlet:innen gelingen, sich als meinungsstarke und durchsetzungsfähige Stakeholder des Sportsystems zu organisieren.

Thomas Bach ist als Präsident nicht unumstritten. Wie beurteilen Sie sein Auftreten?

Bach hat aus meiner Sicht seine Gefolgsleute im exklusiven Zirkel der sportpolitischen Macht dank eines zugegebenermaßen ausgesprochen erfolgreich entwickelten Geschäftsmodells der Olympischen Spiele zu treuen Unterstützern gemacht. Das hat sich zuletzt bei seiner Wiederwahl aus meiner Sicht in geradezu schon bizarren Beifallsadressen gezeigt. Zugleich hat er, um es zurückhaltend auszudrücken, eine bemerkenswerte Nachsicht gegenüber Russland gezeigt, das bekanntlich in unglaublicher Weise Antidoping-Regeln unterlaufen hat. Und das, obwohl Russland bis heute keinerlei Einsicht oder gar Reue über einen in der Geschichte Olympischer und Paralympischer Spiele in dieser Dimension nie dagewesenen Betrug zeigt. Hinzu kommt seine aus meiner Sicht unkritische Nähe zu Machthabern autokratischer Staaten. Dass Sportgroßveranstaltungen in solchen Staaten zu spürbaren und nachhaltigen gesellschaftspolitischen Verbesserungen führen würden, wird immer wieder gerne als Argument für solche Entscheidungen angeführt. Ich sehe aber nicht, dass sich beispielsweise in China seit den Spielen 2008 demokratische Strukturen, Presse- und Meinungsfreiheit und die Achtung der Menschenrechte sowie die Achtung von Minderheiten zum Vorteil entwickelt hätten, ganz im Gegenteil.

Die Olympische Charta verbietet bislang, dass sich Sportler und Sportlerinnen während der Spiele politisch äußern und demonstrieren. Eine Regel, die hinfällig ist?

Ich glaube, es muss Athleten erlaubt sein, überall auf der Welt für universelle Menschenrechte einzutreten. Das ist Ausdruck gesellschaftspolitischen Engagements, wie es jedem Menschen zusteht. Die Exekutive des IOC hat sich auf Vorschlag der IOC-Athletenkommission nun entschlossen, Proteste und politische Meinungsäußerungen bei den Spielen in Tokio eingeschränkt zu gestatten, sofern diese „im Einklang mit den Grundprinzipien der Olympischen Bewegung stehen, nicht direkt oder indirekt gegen Personen, Länder, Organisationen und/oder deren Würde gerichtet und nicht störend sind“. Ein nur auf den ersten Blick erfreulicher Schritt, nur: die Deutungshoheit bleibt beim IOC.

Auch beim DOSB kam es zu Vorwürfen gegen Präsident Alfons Hörmann. Der Bericht von Thomas de Maiziere hat den Führungsstil Hörmanns und das Klima innerhalb des Verbands stark kritisiert. Wäre ein sofortiger Rücktritt nicht das Beste gewesen?

Das wäre aus meiner Sicht nach diesem vernichtenden Urteil der hauseigenen Ethikkommission die sauberste Lösung gewesen. Mindestens hätte ich erwartet, dass Herr Hörmann sein Amt ruhen lässt. Ich finde es schon erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit ein derart in die Kritik geratener Präsident gemeinsam mit seinem Präsidium ‚business as usual‘ macht und auch selbstverständlich die Delegationsleitung für die deutsche Olympiamannschaft für sich in Anspruch nimmt.

Interview: Nico-Marius Schmitz

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