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Ein Blick in die Bayernkurve in Hoffenheim. 

Nach den Schmähungen von Hoffenheim

Ultras und der DFB: Die nächste Stufe der Eskalation

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Der Fanprojekt-Vertreter Michael Gabriel fordert, dass Verbände und Ultras sich schnell zu Gesprächen treffen.

Am Samstagnachmittag hat sich der höchstrangige Richter des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, dagegen entschieden, wie gewohnt zum Heimspiel des FSV ins nahe gelegene Mainz zu fahren. Stattdessen hat sich Lorenz vor den Fernseher gehockt und dort verfolgt, wie die Partie des FC Bayern in Hoffenheim zu einem geschichtsträchtigen Ereignis wurde. Am Abend hat Lorenz dann auf der Couch ausgeharrt und den Vortrag des DFB-Präsidenten Fritz Keller betrachtet, von dessen Auftritt im ZDF-Sportstudio auch die an den Knöcheln umgeklappte Bluejeans und die roten Socken in bleibender Erinnerung bleiben dürften.

Kellers Botschaft an Fans und Vereine nach den Vorkommnissen von Sinsheim klang unversöhnlich: „Jetzt ist Schluss, jetzt müssen die Grenzen gezeigt werden.“ Eigene Konzepte hatte Keller nicht parat, Der 62-Jährige forderte generell die Klubs dazu auf, den mächtigen Ultragruppierungen die Stirn zu bieten. Der Münchner Vorstand Karl-Heinz Rummenigge hatte sich am frühen Abend ähnlich geäußert. Sportrichter Lorenz stellte am Sonntagmorgen im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau fest: „Eine Besserung der Situation kann nur eintreten, wenn den Worten Taten folgen.“ Die unbarmherzigste vorstellbare Tat wäre eine Überarbeitung der Durchführungsbestimmungen für Bundesligaspiele, wie sie in anderen Ländern bereits üblich sind. Als da wären: personalisierte Tickets, Verbannung von Stehplätzen aus den Stadien, keine Karten für Auswärtsfans mehr. Lorenz weist darauf hin, die Verhältnismäßigkeit zu wahren.

Von Kollektivstrafen zu Hopp-Anfeindungen

Schon unter der Woche war dem Deutschen Fußball-Bund zugetragen worden, dass es am Wochenende zu Fanaktionen kommt. Der Hintergrund des Zwists, in dem Dietmar Hopp zum Vehikel des Unmuts gegen den DFB geworden ist: Der Ärger in der Fanszene ist groß, dass die im August 2017 auf Betreiben des damaligen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel ausgesetzten Kollektivstrafen (also ganze Blocksperrungen) durch ein aktuelles Urteil des DFB-Sportgerichtes gegen Fans von Borussia Dortmund kassiert wurden. Danach muss der BVB-Block bei den nächsten beiden Auswärtsspielen in Hoffenheim leer bleiben. Das Sportgericht hatte damit eine zunächst im November 2018 verhängte Bewährungsstrafe wegen des wiederholten Zeigens von Bannern mit Dietmar Hopp im Fadenkreuz und des anhaltenden Äußerns von Schmähkritik gegen den Hoffenheimer Mäzen in einen konkreten kollektiven zweijährigen Tribünenverweis umgewandelt. Tenor im Verband: Man könne sich die Rechtssprechung nicht von Gesetzesbrechern diktieren lassen.

Fanvertreter argumentieren genau anders herum: „Es gibt eine weitverbreitete Enttäuschung und auch Wut, weil vor zweieinhalb Jahren zugesagt wurde, dass es keine Kollektivstrafen mehr gibt“, sagte Michael Gabriel, der Leiter der Koordinationsstelle der Fanprojekte, der Frankfurter Rundschau am Sonntagnachmittag. Aus diesem Konflikt speise sich die Solidarität aller Fanszenen in Deutschland. „Ein Weg zur Befriedung wäre es, wenn der DFB wirklich die Kollektivstrafe abschafft“, ergänzte ProFans-Sprecher Sig Zelt laut dpa, „dann wäre die Luft sofort raus.“ Er erwarte freilich nicht, dass der DFB über seinen Schatten springen werde – „gerade jetzt nicht“.

Die Fanszene des FC Bayern München schrieb in einer auf suedkurve-muenchen.org veröffentlichten Botschaft: „Man muss den Wortlaut (Hurensohn, die Red.) nicht gut heißen, aber es gab für uns hierzu keine Alternative, da nur so das Thema die nötige Aufmerksamkeit erhält.“ Und: „Will man künftig immer, wenn solche Beleidigungen auf der Zuschauertribüne geäußert werden, Fußballspiele ab- oder unterbrechen, wird man keine Partie mehr über 90 Minuten spielen können. Die Unterbrechung sei „einfach nur überzogen und absurd“. Der Fußball bleibe „dreckig“, die Fans „rebellisch“.

Hopp-Anfeindungen treiben Spirale der Eskalation voran

Fanprojektleiter Michael Gabriel sieht eine Spirale der Eskalation. Es müsse „im Interesse aller sein, nach Wegen zu schauen, diese Spirale zu unterbrechen“. Dazu gehöre zuallererst eine „angemessene Einordnung“ des Vorfalls. Selbstverständlich habe es sich um eine „unangemessene Beleidigung von Herrn Hopp“ gehandelt, „aber dies zu vermischen mit Diskriminierung oder sogar mit dem rassistischen Angriff in Hanau verschiebt die Kategorien auf absolut unangemessene Art und Weise“. Gerade die aktuell heftig kritisierte Münchner Fangruppierung Schickeria habe sich schon über einen sehr langen Zeitraum hinweg gegen Rassismus und Antisemitismus gestellt.

Aus der Fanszene, so Gabriel, „werden wir gefragt, wo es vergleichbare Reaktionen von Spielern und Funktionären bei rassistischen, sexistischen oder antisemitischen Diffamierungen gegeben hat“. Dietmar Hopp sei „im Vergleich zu den von Diskriminierung betroffenen Personen ein privilegierter Mann mit entsprechenden Möglichkeiten, die er auch seit Jahren einsetzt.“ Das sei die eine Ebene, „die es einzuordnen und am besten gemeinsam zu klären gilt“.

Gabriel dringt auf eine sehr zeitnahe Kommunikation, und zwar nicht wutschnaubend über die Medien, sondern miteinander: „Mein Wunsch wäre es, dass man jetzt innehält und beide Seiten nach Möglichkeiten suchen, miteinander ins Gespräch zu kommen.“ Und er warnt: „Wenn jetzt die Latte für Spielabbrüche nach unten abgesenkt werden sollte, ist zu befürchten, dass dies dann von den Fanszenen als Aufforderung verstanden werden könnte, es mal darauf ankommen zu lassen.“ Möglicherweise schon beim Pokalspiel der Frankfurter Eintracht am Mittwoch gegen Werder Bremen?

Ganz dünnes Eis: Der Kulturkampf zwischen Fans und Verbänden dürfte im Pokal weiter eskalieren.

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