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Eine Säule der türkischen Nationalmannschaft: Der frühere Freiburger Caglar Söyüncü im Duell mit dem Serben Dusan Tadic.

Der deutsche Gegner

Türkische Verjüngungskur

  • Timur Tinç
    vonTimur Tinç
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Trainer Senol Günes setzt auf die nächste Generation, bei den Topklubs der Süperlig sind die aber rar.

Senol Günes will sich nicht beklagen. „Ich bin gekommen, um Lösungen zu finden“, sagt der türkische Nationaltrainer, der seit März 2019 die „Milli Takim“ anleitet. Es ist die zweite Amtszeit des 68-Jährigen, der die Türkei bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea im Jahr 2002 auf Rang drei geführt hatte. Er hätte genügend Gründe zu klagen. Die türkischen Klubs sind international nicht konkurrenzfähig, die Qualität der Liga hat deutlich nachgelassen und es spielen zu wenige Eigengewächse in der Süperlig. Trotzdem hat es Günes mit der Nationalmannschaft geschafft, sich direkt hinter Frankreich für die Europameisterschaft 2021 zu qualifizieren. Der Lösungsweg des 68-Jährigen lautet: neue Spieler an die Nationalmannschaft heranführen und so den Konkurrenzkampf, um die Kaderplätze bis zur EM 2021 offenhalten. „Wir müssen unser Land dazu bringen, in den Wettbewerb einzutreten. Wir müssen alles ändern: die Infrastruktur der Klubs, die Trainer, die Federation“, fordert Günes.

Talente gehen ins Ausland

Denn er weiß ganz genau: So wie es jetzt läuft, geht es nicht. Von den 28 Spielern, die er für die Länderspiele gegen Deutschland, Russland und Serbien nominiert hat, spielen nur elf in der eigenen Liga. „Junge Spieler, die im Ausland aktiv sind, bringen vielfältigere Qualitäten mit. Diese müssen wir nutzen“, sagt Günes. In den vergangenen Monaten hat er Talenten, die in Europa ausgebildet wurden wie Ahmed Kutucu (Schalke 04) und Orkun Kökcü (Feyenoord Rotterdam) zu ersten Pflichtspieleinsätzen verholfen, damit sie für die Türkei festgespielt sind und nicht mehr die Nation wechseln können.

In der Türkei ausgebildete Talente mit viel Potenzial wie Ozan Kabak (Schalke 04), Enes Ünal (FC Getafe), Merih Demiral (Juventus Turin), Caglar Söyüncü oder Cengiz Ünder (beide Leicester City) sind früh ins Ausland gegangen, weil sie einerseits die Qualität haben. Und es andererseits für ihre Entwicklung besser ist, in Bundesliga, Premier League, Serie A, Ligue Une oder der Primera Division zu spielen als in der Süperlig.

In der türkischen Liga setzen viele Klubs weiterhin auf die Dienste älterer ausländischer Spieler, statt auf die eigenen Talente. Um dem entgegenzusteuern, wurde – gegen den Willen der Topklubs – eine Ausländerregelung festgelegt, wonach die 21 Klubs nur noch je 14 Ausländer in ihrem Kader haben dürfen.

Besonders gravierend vernachlässigt wird die Jugendarbeit von den Istanbuler Topklubs Galatasaray, Fenerbahce und Besiktas. Im Zuge der Wirtschaftskrise und des Lira-Verfalls haben die einstigen Schwergewichte ihre Vormachtstellung innerhalb kürzester Zeit eingebüßt, weil sie einen rigiden Sparkurs fahren müssen. Vergangene Saison wurde Basaksehir Istanbul erstmals vor Trabzonspor Meister. Besiktas wurde Dritter, Galatasaray Sechster und Fenerbahce Siebter. Von einem Wechsel der Kräfteverhältnisse kann aber keine Rede sein. Basaksehir ist mit einem Punkt und einem Torverhältnis von 0:6 Toren Tabellenletzter nach vier Spieltagen. Der von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und der Regierungspartei AKP unterstützte Klub bekommt es in der Gruppenphase der Champions League mit Paris St. Germain, Manchester United und RB Leipzig zu tun. Das könnte übel enden.

Mit vier Spielern stellt Basaksehir die meisten Nationalspieler. Fenerbahce, Besiktas und Galatasaray haben je nur noch einen. Günes setzt unbeirrt auf die nächste Generation. Zwölf der Nominierten haben sieben Länderspiele oder weniger. Nur der 35-jährige Burak Yilmaz (OSC Lille) hebt den Altersdurchschnitt von 25,03 Jahren in die Höhe. Günes setzt zumindest Zeichen an die heimischen Klubs. Besonders gut verstanden haben sie ihn aber nicht, wenn man sich deren Kader anschaut.

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