Thomas Berthold eckt an.
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Thomas Berthold eckt an.

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Geraune eines Weltmeisters

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Thomas Berthold mag es gern einfach - in der Politik ebenso wie im Fußball. Sein Auftritt bei einer Querdenker-Demo sorgt für Irritationen.

Man könnte es sich einfach machen und sagen, Thomas Berthold, Weltmeister von 1990, habe im Laufe seiner langen Kicker-Karriere ein paar Kopfbälle zu viel gemacht, so wirr, wie er redete. Damit wäre man in etwa auf dem Niveau seiner sechsminütigen Rede in Stuttgart, die der 55-Jährige auf einer Demonstration von Corona-Leugnern, Impfgegnern, Esoterikern, wirren Verschwörungstheoretikern gehalten hat. Ein Auftritt, der typisch ist für Berthold und dessen Argumentationsmuster, das stets einem Vierklang folgt: plakativ, populistisch, holzschnittartig, vor allem: sehr schlicht. Der gebürtige Hanauer, der nach seiner aktiven Zeit als Manager von Fortuna Düsseldorf agierte, zuletzt in den Aufsichtsrat des VfB Stuttgart wollte (aber nicht berufen wurde), Reklame macht für Kokosöl, in erster Linie aber als sehr meinungsstarker Experte von allerhand TV-Sendern und der Springer-Presse gebucht wird, dieser Markenbotschafter Thomas Berthold kennt nur schwarz oder weiß, Grautöne sind ihm fremd, eine Differenzierung nicht so sein Ding. Thomas Berthold mag es gern einfach - in der Politik ebenso wie im Fußball.

Und so holzt der frühere Verteidiger auf einer Veranstaltung der„Querdenken 711-Bewegung“, einem breiten Querschnitt von rechts bis zur Esoterikszene, gegen alles, was momentan aktuell ist: Gegen die Regierung, gegen Hygieneregeln, gegen die Maske, gegen Schutzmaßnahmen, gegen das Impfen, gegen Mainstreampresse, gegen Wissenschaft. Man müsste eine neue Partie gründen, „um das System, das vor dem Ende steht, zu penetrieren“, fordert Berthold. Immerhin erlaubt ihm „das System“ die freie Rede ohne Einschränkung - mag sie vor Ignoranz nur so strotzen. Als Weltmeister besitzt er noch eine gewisse Strahlkraft, das macht sein dummdreistes Gerede nicht ungefährlicher.

Es ist das ganze krude Sammelsurium an blankem Unsinn, das wir aus der Verschwörungsnische kennen, es ist das Negieren von unliebsamen Tatsachen, das einem zutiefst egoistischen Denken entspringt. Eine Gruppe von Menschen, Thomas Berthold gehört dazu, ignoriert bräsig eine weltweite Pandemie, die bisher eine knappe dreiviertel Million Menschen dahingerafft hat und die etwa 20 Millionen weltweit infiziert hat. Menschen wie Berthold vertrauen Fakten nicht mehr, schaffen sich ihre eigene Realität, ihnen ist egal, dass sie womöglich andere anstecken. Sie sagen: „Ich will mein altes Leben wieder.“ Dumm, dass das nicht so schnell wiederkommt, wenn auf Maskentragen und Abstandhalten bewusst verzichtet wird.

Sollte seine fragwürdige öffentliche Positionierung berufliche Konsequenzen für ihn haben, sei ihm das einerlei, sagt Berthold. Ob es sich in der Tat private wie öffentlich-rechtliche Sender leisten können, einen Covid-19-Verharmloser ins Studio zu holen? Selbst wenn der Mann da nur über Fußball redet? Ein Verlust wäre es sicher nicht.

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