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Sie lebt, aber wie geht es ihr? Thomas Bach (li.), Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, kann nach dem Videocall mit Peng Shuai wenig Erhellendes berichten.
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Sie lebt, aber wie geht es ihr? Thomas Bach (li.), Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, kann nach dem Videocall mit Peng Shuai wenig Erhellendes berichten.

Der Fall Peng

Peng Shuai: In den Fängen der Mächtigen

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Das Schicksal der Tennisspielerin Peng Shuai bewegt längst nicht mehr nur die Sportwelt. China fordert Ende „böswilliger Unterstellungen“.

Die wichtigste Nachricht vorweg: Peng Shuai, 35, lebt.

Ansonsten: Kein Wort in den Zeitungen, nichts in den Nachrichtensendungen, Fehlermeldungen im Internet - fast drei Wochen lang war das so, ehe die Anklage an den Rest der Welt folgte. Motto: Lasst uns in Ruhe, ihr Hetzer. Die chinesische Regierung äußerte sich am Dienstag erstmals im Fall der Tennisspielerin Peng Shuai. „Ich denke, einige Leute sollten aufhören, dieses Thema absichtlich und böswillig aufzubauschen, geschweige denn zu politisieren“, teilte ein Sprecher des Außenministeriums mit. Punkt, Aus, Ende, Thema erledigt. Zumindest aus Sicht der chinesische Führung.

Was war passiert? Die Weltklasse-Doppelspielerin Peng Shuai verschwand vor mehr als zwei Wochen völlig von der Bildfläche, kurz nachdem sie am 2. November im Kurznachrichtendienst Weibo Vorwürfe der sexualisierten Gewalt gegen den kommunistischen Parteifunktionär Zhang Gaoli, einen der mächtigsten Männer Chinas, erhoben hatte. Einen derart hoch angesiedelten #MeToo-Fall gab es in China bisher nicht. Und so waren die niedergeschriebenen Anschuldigungen nach nicht mal 30 Minuten wieder entfernt. Der Name Peng Shuai, nicht mehr auffindbar, ganz so als wolle jemand auch den Menschen hinter der Geschichte ausradieren, die da lautet: „Dann hast du mich in dein Zimmer gebracht. Wie vor zehn Jahren in Tianjin wolltest du mit mir Sex haben.“ Vor der Tür habe jemand Wache gestanden, so Peng Shuai, und: „Ich habe an diesem Nachmittag nicht zugestimmt und die ganze Zeit geweint.“ Peng Shuai kannte Zhang Gaoli schon lange, jenen früheren Vizepremierminister Chinas, 75, den das System nun offenbar zu schützen versucht.

Peng Shuai „hat viel Angst“

In Tianjin, einer Millionenstadt südlich von Peking, stieg Zhang 2007 zum Parteichef auf. Er lernte die junge Peng Shuai, damals 21 und in der Hafenstadt lebend, kennen. Beide gingen ein Verhältnis ein. „Unsere Zuneigung hatte nichts mit Geld oder Macht zu tun“, schrieb sie nun. Als Zhang fünf Jahre später in den obersten Zirkel Chinas aufstieg, als einer von sieben Männern im Ständigen Ausschuss des Politbüros, der Machtzentrale, beendete er die Beziehung. Bis er Peng Shuai nun erst zu einer gemeinsamen Tennisstunde einlud und sie im Anschluss offenbar gegen deren Willen zu sexuellen Handlungen zwingen wollte. Unter anderem forderten die USA, Frankreich, Großbritannien und die UNO bald nach Bekanntwerden des Verschwindens von Peng Shuai Belege dafür, dass die Tennisspielerin in Sicherheit sei. Peking lehnte ab, es handele sich nicht um eine diplomatische Angelegenheit.

„Ich bin sicher, sie hat viel Angst“, sagt Steve Simon, der Präsident der Tennisvereinigung der Frauen (WTA): „Sie hat Angst um ihre Familie. Sie hat Angst um ihre Freunde.“ Simon war es, der als einer der ersten versucht hatte, Kontakt mit Peng Shuai aufzunehmen. Ohne Erfolg. Stattdessen erhöhte er den Druck auf den chinesischen Tennisverband, drohte und droht noch immer damit, die künftig geplante Ausrichtung der WTA auf den chinesischen Markt abzusagen. „Als Welt müssen wir anfangen, Entscheidungen zu treffen, die darauf basieren, was richtig und was falsch ist. Punkt.“

Man sei auch im Sport an einer Kreuzung in der Beziehung mit China. Er sei bereit, nicht die Abzweigung zu nehmen, für die sich die meisten Kollegen entscheiden. Der Fall Peng Shuai sei „größer als das Geschäft.“ Worte, an denen sich andere Sportfunktionäre messen lassen müssen.

Peng Shuai: Gespräch mit Thomas Bach

Am vergangenen Wochenende also tauchte die 35-Jährige dann erstmals wieder in der Öffentlichkeit auf, als sie in Peking vermeintlich gut gelaunt ein Jugend-Tennisturnier besuchte. Die Bilder der sorgenfreien Sportlerin sendeten die staatlichen Medien flugs in die Welt hinaus. Es blieben Zweifel ob deren Glaubwürdigkeit. Am Sonntag führte Peng Shuai nach Angaben des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zudem ein Videotelefonat mit Präsident Thomas Bach.

Doch die Aufregung und Kritik ebbt nicht ab, weltweit nicht, und das zu Recht. Zuallererst natürlich steht Zhang Gaoli im Fokus, nicht minder der chinesische Machtapparat und dessen Vertuschungsmethoden, die Propagandamaschinerie zugunsten der mächtigen Männer, gefolgt von heftigen Anschuldigung an das IOC um Präsident Bach.

So wirft die Sportlervereinigung Global Athlete diesem vor, sich gemein zu machen mit China mit jener laxen Haltung bezüglich der Volksrepublik und deren Umgangs mit dem Fall Peng Shuai. Bach habe sich „mitschuldig an der bösartigen Propaganda der chinesischen Behörden und deren mangelndem Interesse an grundlegenden Menschenrechten und Gerechtigkeit“ gemacht, hieß es in der Mitteilung der Vereinigung von Sportlerinnen und Sportlern.

Das IOC widersprach vehement, selbstredend. „Der Hauptzweck des Anrufs bestand darin, sich nach dem Wohlergehen und der Sicherheit von Peng Shuai zu erkundigen.“ Dies sei von größter Bedeutung. „Wir haben vereinbart, in Kontakt zu bleiben, und sie hat einem Treffen in Peking im Januar zugestimmt.“ Mit dieser Einladung zum Abendessen wiederum habe Bach die „todernste Situation verspottet“, so die Athletenvereinigung.

Peng Shuai als Spielball

Die Propagandamaschinerie könne „Peng Shuai dazu bringen, jede Rolle zu spielen, einschließlich einer Show der Freiheit“, zitiert die „New York Times“ den in den USA ansässigen Medienunternehmer Pin Ho. In der Tat hinterlassen die übermittelten Bilder vom Videogespräch zwischen Peng Shuai und Thomas Bach samt bunter Kuscheltiere auf der einen und grüner Topfpflanze auf der anderen Seite der Leitung zumindest Fragezeichen.

Zum Beispiel: Worüber unterhielten sie sich überhaupt eine halbe Stunde lang? Sprachen sie auch über die Missbrauchsvorwürfe gegen Zhang? Bekannt ist davon jedenfalls nichts. Hinterher hieß es vom IOC nur, Peng Shuai wünsche sich sobald mehr Ruhe. Fürwahr dürfte dies auch für das IOC und die chinesische Regierung gelten, die Anfang Februar gemeinsam Winterspiele in Peking auszurichten haben.

Es geht dieser Tage nicht nur um den Fall Peng Shuai, es geht ums Ganze. Um Menschenrechte in China, #MeToo, junge Frauen in den Fängen von mächtigen Männern, um Olympia, um das IOC, um deren Standpunkt zu autoritären Regimen, um Macht, um viel, viel Geld.

Mittendrin: Peng Shuai, 35, die lebt. Immerhin.

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