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Tatjana Maria: Erster Turniersieg als Mutter

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Von: Jörg Allmeroth

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Vereinte Familie: Tatjana Maria mit Ehemann Charles und den beiden Kindern Charlotte und Cecilia.
Vereinte Familie: Tatjana Maria mit Ehemann Charles und den beiden Kindern Charlotte und Cecilia. © IMAGO/ZUMA Wire

Tatjana Maria feiert in Bogota den zweiten Turniersieg auf der Tennistour - rund ein Jahr nach der Geburt ihrer zweiten Tochter.

Barbara Rittner kann sich noch gut an die frühen Zeiten der „Goldenen Generation“ erinnern, an die unbemerkten Anfangszeiten des deutschen Frauentennis-Wunders. Alle späteren Stars und Sternchen traten damals bei Sichtungslehrgängen vor der Bundestrainerin auf – Angelique Kerber, Andrea Petkovic oder auch Julia Görges. Eine Spielerin allerdings hatte es Rittner einst besonders angetan: Tatjana Maria, die damals noch Malek hieß. „Sie hatte ein absolut außergewöhnliches Talent, einen sehr eigenen Stil“, sagt Rittner.

Viel Zeit ist seit jenen Testübungen in jungen Jahren vergangen. Das Schicksal hat Maria danach oft auf eine schwere Probe gestellt. Sie überstand eine lebensgefährliche Lungenembolie nur knapp, der frühe Tod ihres geliebten Vaters Heinrich warf sie zwischendurch schwer aus der Bahn. Aber Maria ließ sich dennoch nicht unterkriegen, sie kämpfte sich erst ins Leben und dann auch auf den Tennisplatz zurück. Um dann dort noch ihr privates Glück mit Ehemann und Trainer Charles und späten sportlichen Erfolg zu finden.

Im Frühjahr 2022 jedenfalls hat die gebürtige Bad Saulgauerin, von ihren Kolleginnen nur „Tadde“ genannt, nun die überraschendste, schönste und anrührendste deutsche Geschichte dieser Tennis-Saison geschrieben. Mamma Mia: Zwölf Monate nach der Geburt ihrer zweiten Tochter Cecilia stand Maria fassungslos vor Glück auf dem Centre Court der kolumbianischen Hauptstadt Bogota – als Sensationsgewinnerin des WTA-Wettbewerbs. „Es ist ein wunderbares, überwältigendes Gefühl“, sagte Mama Maria, „ich bin froh, dass ich das alles mit meiner Familie genießen kann.“

Als Qualifikantin war die Deutsche bei der vorerst letzten Station ihrer Südamerika-Tour ins Rennen gegangen. Sie schaffte es mit zwei Erfolgen ins Hauptfeld, sammelte weitere vier Siege ein und kämpfte sich dann im Finale gegen die Brasilianerin Laura Pigossi in zweieinhalb Stunden zum zweiten Pokalcoup ihrer turbulenten Laufbahn nach den Mallorca Open im Jahr 2018. „Großartiger Sieg“, twitterte Belgiens Superstar Kim Clijsters begeistert über Marias Durchmarsch – von Mutter zu Mutter.

Die Rückkehr von Maria in die Weltspitze nahm mit dem hart erstrittenen Titellauf noch einmal Fahrt auf. Von Position 237 in der WTA-Rangliste sprang die 34-jährige aktuell auf Platz 114 vor, sie grüßte damit wieder als viertbeste Deutsche in der Hackordnung – durchaus mit der Chance, in den nächsten Wochen und Monaten noch einmal mit ihrem unkonventionellen Spiel an das Karriere-Allzeithoch (Platz 46) heran zu rücken. Auch beim Triumph in Bogota glänzte Maria mit variantenreichen Centre-Court-Vorträgen, einem Spiel jenseits des weit verbreiteten Power-Play-Stumpfsinns. „Königin des Slice“ titelte Bogotos „El Tiempo“ über die erfolgreiche deutsche Gastspielerin, die zusammen mit Trainergatte Charles und den Töchtern Charlotte und Cecilia die Siegeszeremonien genoss.

In ihrem späten Profileben kann sich Maria auf einen gewissen Pragmatismus und ihren patenten Charakter verlassen. „Man muss bereit sein, jeden Tag das Unerwartete zu erwarten. Und es dann meistern“, sagt die zweifache Mutter, „allerdings kannst du das alles nur mit massiver Unterstützung schaffen.“ Ohne die Hilfe beider Familien, der Marias und der Maleks, wären die Abenteuer auf der Tennistour kaum zu stemmen gewesen. Selbst die Großeltern wurden in die Kinderbetreuung eingespannt, um das Happy End einer schwierigen Karriere doch noch möglich zu machen.

Profisport und das Mutter-Dasein seien „absolut möglich“, sagt Tatjana Maria, „aber ich würde mir mehr Unterstützung von unserer Spielerinnenorganisation erwarten.“ Um nach den Geburten der beiden Töchter überhaupt wieder Fuß auf der Tour zu fassen, habe sie eine Regelung in Anspruch nehmen müssen (Protected ranking), die eigentlich für verletzte Spielerinnen gedacht sei, so Maria jüngst in einem „Sportschau“-Interview, „da sollten die Regeln wirklich geändert werden.“

Ohne ihre Familie wäre sie schon längere Zeit nicht mehr auf der Tennistour unterwegs, sagt Maria auch, denn: „Alleine in Hotels zu sein, alleine die Zeit bei den Turnieren zu verbringen, das wäre nichts mehr für mich.“ Die familiäre Unterstützung aber scheint im Spätherbst der Karriere noch mal Wunder zu bewirken.

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