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Symbol für Absonderung

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Von: Ronny Blaschke

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Vom Winde verweht: Einträchtig wehen nur die Fahnen Chinas und des Paralympischen Komitees – sonst eint sie nichts. dpa
Vom Winde verweht: Einträchtig wehen nur die Fahnen Chinas und des Paralympischen Komitees – sonst eint sie nichts. dpa © dpa

Gastgeber China kaschiert mit paralympischen Erfolgen die schwere Lage behinderter Menschen

Im Sport gibt es nur noch wenige Botschaften der Kommunistischen Partei Chinas, die im Westen unkritisch aufgegriffen und weiterverbreitet werden. Eine davon: die Sommer-Paralympics 2008 hätten die Rechte von behinderten Menschen in der Volksrepublik gestärkt. Immer wieder verweist Peking auf den „Aufbruch“ von damals, den Bau von barrierefreier Infrastruktur in den Metropolen, die Verabschiedung von Gesetzen in Bildung und Gesundheitsvorsorge, die Etablierung des Behindertensports. Es ist eine Erzählung, die das Regime nun fortschreiben möchte, denn seit Freitag finden in Peking zum zweiten Mal Paralympics statt, dieses Mal in der Winter-Version. Mehr als 560 Athleten aus 49 Nationen nehmen daran teil.

Stephen Hallett kann gut beurteilen, was sich hinter der Fassade verbirgt. Der britische Wissenschaftler hat lange in China gelebt und dort 2006 mit sehbehinderten Journalisten ein pädagogisches Radioprogramm aufgebaut. „Es sind damals in der Zivilgesellschaft interessante Netzwerke entstanden“, sagt Hallett. „Das hat zu einigen Fortschritten geführt. Doch leider haben die Behörden häufig auf den Rat von Menschen mit Behinderung verzichtet.“ Als Beispiel nennt er Blindenleitsysteme, die nicht gewartet wurden oder von Anfang an keinen Sinn ergaben. „Es wurde viel Geld für Baumaßnahmen ausgegeben, die am Ende nur wenigen Menschen zu Gute kommen.“

Die Kommunistische Partei möchte den paralympischen Erfolg für sich sprechen lassen. Mit Blick auf 2008 wurde in einem Vorort Pekings das weltweit größte Trainingszentrum für Behindertensport errichtet. „Die Talentsichtung reicht von der nationalen Ebene über die Provinzen und Städte bis in Dörfer“, sagt der chinesische Gesundheitsexperte Wei Wang, der im australischen Perth lehrt: „Daran beteiligt sind Krankenhäuser, Wohltätigkeitsorganisationen und Schulen.“ Die Folge: Seit 2004 in Athen dominiert die Volksrepublik den Medaillenspiegel der Sommer-Paralympics – bei keinem anderen Sportereignis kann sie ihre politischen Rivalen so weit hinter sich lassen.

Das chinesische Regime deutet diese Überlegenheit als Sinnbild für die Fürsorge des Sozialstaates. „Tatsächlich haben die Paralympics in China wenig Einfluss auf die Bevölkerung“, sagt Stephen Hallett, der an der Universität Leeds forscht. „Im Gegenteil: sie sind ein Symbol für Absonderung.“ Athleten, die für den Spitzensport rekrutiert werden, müssen Monate lang in spartanischen Trainingszentren verbringen, weit entfernt von ihren Familien und Freunden. „Wer es nicht an die Spitze schafft, wird vom System wieder ausgespuckt“, sagt Hallett. „Auch Medaillengewinner erhalten nach ihrer Laufbahn wenig Unterstützung. Einige leiden unter Depressionen.“

Fast alle leben auf dem Land

Die Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung ändert sich in China eben nur langsam – auch wegen Jahrhunderte alter Traditionen. Im Konfuzianismus gelten gesunde und „produktive“ Kinder als ideal, weil sie ihre Vorfahren pflegen und die Familienlinie fortschreiben können. Im ebenfalls einflussreichen Buddhismus gilt eine Behinderung mitunter als Strafe für ein früheres Leben. In der jüngeren Geschichte haben radikale politische Umwälzungen wie die Kulturrevolution Millionen Menschen mit einer Behinderung hervorgebracht. Aktuell sind es auch Umweltschäden und frühere Abtreibungen als Folge der Ein-Kind-Politik, die sich auf die Gesundheit auswirken.

Laut einer Volkszählung von 2006 leben in China mehr als achtzig Millionen Menschen mit einer Behinderung, aktuellere Zahlen gibt es nicht. Drei Viertel der behinderten Menschen leben auf dem Land, fernab der modernen Metropolen, fernab der prestigeträchtigen Medaillenproduktion. „Die Regierung hat zu wenig dafür getan, den Sport als Teil der Gesundheitsvorsorge und der Rehabilitation zu etablieren“, sagt Hallett.

Doch gerade darin liegt der Ursprung der paralympischen Bewegung. Bereits in den 1940er Jahren hatte der deutsche Neurologe Ludwig Guttmann die positive Wirkung von Sport für behinderte Menschen betont. In der englischen Kleinstadt Stoke Mandeville organisierte Guttmann 1948 für Kriegsveteranen einen Wettkampf im Bogenschießen – das Fundament der späteren Paralympics, die seit 1960 alle vier Jahre stattfinden, seit 1976 auch im Winter.

Doch die Entwicklung danach verlief nicht linear. 1980, nach den Olympischen Sommerspielen in Moskau, weigerte sich die Sowjetunion, auch die Paralympics auszutragen. 1984 lehnte Los Angeles die Spiele ebenfalls ab. Die Begründung: Dies passe nicht zum makellosen Image der Stadt. 1996 ließen die Organisatoren in Atlanta etliche Sportstätten nach Olympia abbauen, so dass behinderten Athleten in Bauruinen auftreten mussten. „Die Paralympics können nur ein Anstoß sein“, sagt Andrew Parsons, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees IPC. „Der gesellschaftliche Wandel kann Jahrzehnte dauern.“ Immer wieder hat es Rückschläge gegeben. Nach den Sommer-Paralympics 2000 in Sydney erweiterte die australische Regierung die Bauvorgaben für Barrierefreiheit, aber die Sportförderung wurde zurückgefahren.

Im Winter 2014 in Sotschi galten die Sportstätten als Musterbauten, doch fernab der russischen Metropolen sind behinderte Menschen in Gesundheitsvorsorge und Jobsuche weiter im Nachteil. Vor den Sommerspielen in Rio 2016 erarbeitete die brasilianische Regierung ein differenziertes Antidiskriminierungsgesetz, in den Favelas jedoch können Menschen mit Behinderung häufig ihre Wohnungen nicht verlassen.

In westlichen Gesellschaften hat sich das Konzept der Inklusion durchgesetzt, die gleichberechtigte Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Im Sport würde das bedeuten, dass Athleten mit und ohne Behinderung von den gleichen Sportstätten, Prämienregeln und Fortbildungen profitieren. In China sei man davon noch weit entfernt, sagt Stephen Hallett. Auch, weil die Regierung unter Xi Jinping kaum noch für Empfehlungen aus der Zivilgesellschaft empfänglich ist.

Inhaltlich wird das Thema in China durch den staatsnahen Behindertenverband dominiert, gegründet 1988 von Deng Pufang gegründet, dem Sohn des Reformers Deng Xiaoping. „Diese Organisation ist relativ verschlossen und beschäftigt nur wenige Mitarbeiter mit einer Behinderung“, sagt Stephen Hallett.

Der Verband unterstützte in den vergangenen Jahren die Suche nach paralympischen Trainern und Technikexperten aus Europa. China möchte auch bei den Winter-Paralympics an die Spitze vorstoßen. Die Effekte für behinderte Menschen ohne Medaillenchancen dürften sich in Grenzen halten.

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