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Super Bowl in Los Angeles: Von Prügelknaben und Alphamännchen

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Von: Daniel Schmitt

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Inbegriff des Gigantismus: Die Arena von Los Angeles, Austragungsort des Super Bowl, kostete etwa sechs Milliarden US-Dollar.
Inbegriff des Gigantismus: Die Arena von Los Angeles, Austragungsort des Super Bowl, kostete etwa sechs Milliarden US-Dollar. © Imago

Super Bowl LVI, Los Angeles Rams gegen Cincinnati Bengals: Wenn Verlierer zu Siegern und Unterschätzte zu Überfliegern werden können.

Januar 1967, das Memorial Coliseum von Los Angeles, Austragungsort zweier Olympischer Sommerspiele, eröffnet 1923, Kostenpunkt 950 000 US-Dollar, hat sich schick gemacht für das Schaulaufen der Sporthelden. Blauer Himmel, T-Shirt-Wetter. Tickets kosten an der Tageskasse sechs Dollar, 62 000 Fans kommen, ein Drittel des Stadions bleibt damit leer, was danach nie mehr passieren sollte in der Geschichte dieses Spiels. Der Stimmung aber tut das keinen Abbruch, die Fans feiern die Uraufführung, feiern die Vereinigung der beiden besten Football-Ligen des Landes, der AFL und der NFL. Der Super Bowl I, damals als World Championship Game betitelt, brennt sich sofort und tief ins Sportherz einer Nation ein.

Februar 2022, das Memorial Coliseum von Los Angeles steht immer noch, es ist regelmäßiger Schauplatz von Football-Spielen. Nur nicht an diesem Sonntagabend. Da richten sich die Blicke der Welt sechs Meilen weiter gen Süden, 15 Autominuten entfernt, wird die teuerste Sportarena der Welt, das SoFi-Stadium, 2020 eröffnet, Kostenpunkt fünf Milliarden (!) US-Dollar, zum Inbegriff des Gigantismus. 100 000 Fans kommen, Tickets kosten (mindestens) 600 US-Dollar. Es ist das größte Ein-Tages-Sportevent der Welt. Und dass Super Bowl LVI, der 56., ausgerechnet zu einem Heimspiel wird - es ist eine Geschichte, die kaum besser geschrieben hätte werden können. Zumal sie so vor der Saison nicht zu erwarten war.

Super Bowl: Rams in der Favoritenrolle

Wenn die Los Angeles Rams und die Cincinnati Bengals in der Nacht von Sonntag auf Montag (00.30 Uhr/ProSieben) aufeinandertreffen, dann duellieren sich zwei – historisch gesehen – Football-Leichtgewichte. Insgesamt sechs Finalteilnahmen vereinen sie, nur die Rams konnten vor 22 Jahren einmal triumphieren. Alleine Über-Footballer Tom Brady, gerade abgetreten, kommt auf zehn Endspiele und sieben Siege. Doch damit nicht genug, es ist auch noch ein Duell von allerhand Prügelknaben.

Da wären die Rams, bis 2016 noch in St. Louis beheimatet: Die haben sich zwar ein gutes Team zusammengestellt, vor allem um die Star-Receiver Cooper Kupp und Odell Beckham Jr., aber sie hatten sich vor der Saison eben auch die Dienste von Matt Stafford gesichert. Auf entscheidender Position. Der Quarterback, 33, musste in den vergangenen Jahren viel Spott ertragen.

Super Bowl: Matt Stafford hat ein gutes Team

Show der Superlative

Die Halbzeitshow teilen sich in diesem Jahr gleich fünf Weltstars aus Rap, Hip-Hop und R&B auf. Zwölf Minuten lang heizen Dr. Dre, Snoop Dogg, Eminem, Mary J. Blige und Kendrick Lamar den Fans im Stadion und vor den TV-Geräten ein. „Los Angeles wird nie wieder so sein wie vorher“, kündigen die Künstler vor ihrer „Show der Superlative“ an.

Auch der Werbung wird – wie beim Super Bowl in den USA üblich – eine hohe Aufmerksamkeit zukommen. Kostenpunkt für 30 Sekunden Sendezeit: etwa 6,5 Millionen US-Dollar. (FR)

Stafford ist ein netter Kerl, ungewöhnlich zurückhaltend im Geschäft der ständig laut bellenden Alphamännchen. Er ist auch ein großes Talent – gewesen. 2009 erhielt er beim Einstieg in die NFL sofort einen Sechs-Jahres-Vertrag. Garantierte Einnahme: 41,7 Millionen Dollar, damals Rekord für einen Neuling. Bloß: Stafford unterschrieb diese Abmachung bei den Detroit Lions, die es gerade geschafft hatten, kein einziges Spiel in einer Saison zu gewinnen. Die Lions sind seit jeher eng verbunden mit Misserfolg, der begabte Stafford konnte daran nichts ändern, von Jahr zu Jahr, insgesamt zwölf blieb er, verschmolzen er und der Klub. Sie wurden eins, ein Verlierer. In Los Angeles ist das anders, in seiner ersten Saison für die Rams hat er erstmals ein Super-Bowl-reifes Team beisammen und kann seine Qualitäten als ruhiger Anführer einer wilden Bande zeigen.

Da wären die Bengals: Seit der Gründung vor 55 Jahren verpassen sie die Playoffs in aller Regelmäßigkeit, oft als schlechteste Mannschaft der Hauptrunde. Landauf, landab wird das Team aus Cincinnati, Ohio, als Lachnummer wahrgenommen, manchmal sogar von sich selbst. Bis jetzt, bis zur ersten Finalteilnahme seit 33 Jahren.

Super Bowl: Joe Burrow überzeugt mit lässiger Art

Die in L.A. als Außenseiter antretenden Bengals haben sich endlich eine taugliche Mannschaft zusammenstellen können. Heraus sticht, na klar, der Quarterback. Joe Burrow, 25, spielt zwar erst seine zweite Saison in der NFL, die erste verpasste er zudem wegen eines Kreuzbandrisses nahezu komplett. Dennoch trägt er bereits den Spitznamen „Joe Franchise“. Eine Anspielung darauf, eine Ära in der Bengals-Franchise prägen zu können.

Burrow war früher kein Überflieger, wurde nicht derart talentiert eingeschätzt wie einst Stafford. An der Uni in Ohio schaffte er es nicht zum Stammspieler, wechselte nach Louisiana, machte dort einen Abschluss als Finanzwirt und in Kunst - sicher ist sicher. Die Entwicklung kam später, aber mit Wumms.

Burrow begeistert mittlerweile die Massen, weil er cool ist, locker, entspannt, sich und das Spiel nicht ernst zu nehmen scheint, bis er dann doch ernst macht. Ein an Überheblichkeit grenzendes Selbstvertrauen sei das, behaupten manch einer. Andere, wie es die „SZ“ beschrieb, erkennen „Eiswasser statt Blut in die Adern“ von Burrow. „Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass ich mal mit den Bengals das Finale erreichen würde, hätte ich diese Person für verrückt erklärt“, sagt er selbst und schiebt nonchalant hinterher: „Jetzt überrascht mich das nicht wirklich.“

Neben Stafford und Burrow stechen zwei andere Männer heraus: die Trainer. Leiteten im vergangenen Jahr noch zwei 68-Jährige die Finalisten an, Bruce Arians und Andy Reid, stehen sich nun Sean McVay (Rams), 36, und Zac Taylor (Bengals), 38, gegenüber. Jünger ging es an der Seitenlinie noch nie zu. Für McVay ist es nach der Niederlage vor drei Jahren sogar bereits die zweite Super-Bowl-Teilnahme seiner Karriere – in seinem Trainerstab damals: Zac Taylor.

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