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„Es war normal, sich die Birne einzuhauen“, so Sebastian Vollmer, schmerz- und verletzungserprobt. afp
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„Es war normal, sich die Birne einzuhauen“, so Sebastian Vollmer, schmerz- und verletzungserprobt.

American Football

Super-Bowl-Champion Sebastian Vollmer: „Jeder kämpft gegen seine eigenen Dämonen“

  • Daniel Schmitt
    VonDaniel Schmitt
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Sebastian Vollmer, Ex-Footballer und zweimaliger Super-Bowl-Sieger, über Leistungsdruck und Versagensängste im Sport, den „Raubbau“ am Körper und sein Buch „What it takes“.

Herr Vollmer, mit „What it takes“ erscheint dieser Tage bereits Ihr zweites Buch, entwickelt sich da etwa die nächste Karriere nach jener im American Football? Und wovon handelt das Buch?

Es hat mir jedenfalls viel Spaß gemacht, meine Geschichte zu erzählen (lacht). Aber im Ernst: Das erste Buch war eine Biografie, da berichte ich viel über die Schattenseiten des Profisports und der NFL. Das war ein Buch, dass ich auch für meine Kinder geschrieben habe, die später mal sehen sollen, was hinter den umjubelten Aktionen auf dem Feld steckt, wie hart man dafür arbeiten muss. In „What it takes“ geht es vermehrt ums Mentale, um Drucksituationen und Ängste, und wie man mit diesen umgehen kann, um im Sport und auch im Leben weiterzukommen.

Wie sollte man mit ihnen umgehen?

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben, von daher spreche ich nur von meinen Erfahrungen. Natürlich gibt es viele Sportler, die mit dem Thema Druck anders umgehen und auch daran gescheitert sind. Ich halte mir immer die Großen vor Augen, die Tom Bradys, Michael Jordans, Tiger Woods‘. Diese Leute besitzen die Fähigkeit, in Drucksituationen eine Schippe drauf zu packen.

Aber wie gelingt das?

Zum Beispiel in einem vollen Stadion, auswärts, da ist es sehr laut, alle sind gegen dich. Natürlich kommen dann Befürchtungen und Sorgen auf. Ich habe es aber für mich geschafft, daraus Stärke zu ziehen, mich noch mehr zu konzentrieren und vorzubereiten. Klar ist, dass ich mit 17 im Super Bowl auch noch eine nasse Hose gehabt hätte. Man wächst also mit der Erfahrung. Als ich das erste Mal mein Bein gebrochen hatte, dachte ich sofort, die Karriere sei vorbei. Beim vierten Mal habe ich nur noch meine Frau angerufen und ihr gesagt, sie solle doch mal eine Suppe warmmachen, ich käme jetzt wieder länger nach Hause. Man sollte Ängste überwinden, dann erkennt man oft, dass die Situation ja gar nicht so schlimm war.

Die NFL wirkt besonders erbarmungslos im Umgang mit den Athleten. Gefühlt ist man nach einem Fehler sofort raus.

Die NFL hat für sich selbst ein geniales System entwickelt. Im College werden jedes Jahr 300 Spieler ausgewählt, die sich darum reißen, einen Platz zu ergattern. Es ist der Liga also relativ egal, ob die Spieler mit dem Druck nicht klarkommen, im Zweifel kommt halt der nächste. Sie schaffen damit Sportler, die Höchstleistungen abrufen, das ist natürlich top für das Gesamtprodukt, aber sicher nicht für jeden einzelnen Sportler.

Zur Person

Sebastian Vollmer , 37, gewann 2014 und 2016 den Super Bowl mit den New England Patriots in der National Football League (NFL). Vor fünf Jahren beendete der 2,04 Meter große Beschützer von Star-Quarterback Tom Brady seine Karriere. Mit Frau und drei Kindern lebt er in Florida.

Für das Telefoninterview mit der FR nimmt sich Vollmer viel Zeit, mit Blick aufs Meer kommt der gebürtige Düsseldorfer regelrecht ins Plaudern - auch über Privates. Er sei schließlich nicht ohne Grund relativ früh in Football-Rente gegangen, „ich wollte viel Zeit mit meinen Kindern verbringen, so lange ich aus ihrer Sicht noch der coole Daddy bin.“ (dani)

Zuletzt gab es prominente Beispiel, etwa Tennisspielerin Naomi Osaka oder Turnerin Simone Biles, die ihre mentalen Probleme offengelegt und eine Pause eingelegt haben. Wie nehmen Sie das wahr?

Dafür habe ich einen Riesenrespekt. Sehen Sie, zum Beispiel Simone Biles, sie sagt beim Jahreshöhepunkt, den Olympischen Spielen, plötzlich ‚Stopp, es geht nicht mehr‘. Sie hat für diesen Schritt Kritik einstecken müssen, aber eigentlich war er ein Zeichen von Stärke. Wir alle haben unsere Dämonen, die wir bekämpfen müssen. Dass darauf mehr Aufmerksamkeit gerichtet wird, finde ich hervorragend.

Was war Ihr Trick, den Dämonen Herr zu werden?

Da gab es bei uns einen Satz, der sich bei mir eingebrannt hat: ‚Lass deine dreckige Wäsche draußen‘. Der Gang in die Kabine war für mich eine Flucht in ein abgeschottetes System. Alle Spieler hatten nur einen Fokus, den gemeinsamen Erfolg. Private Probleme blieben draußen. Ob das der richtige Umgang mit Schwierigkeiten ist, lässt sich sicher hinterfragen, bei mir hat es aber funktioniert.

Neben mentalen Aspekten geht es im Football hauptsächlich um Körperlichkeit. Sie schreiben im Buch vom „Raubbau am Körper“. Für Außenstehende klingt das heftig, auch für Sie?

Ja, im Nachhinein, nicht jedoch als ich im System gesteckt habe. Da war es normal, sich im Trainingslager vier Wochen lang die Birne einzuhauen. Wenn ich mir Boxen oder MMA angucke, sage ich auch: Wie können die sich das antun? Oder Fußballer, die zehn, 15 Kilometer laufen, das könnte ich mir im Leben nicht vorstellen. Nach 20 Metern falle ich über meine eigenen Beine (lacht). Aber wenn man in der Materie drin steckt, hält man das Ganze für normal.

Aber Spaß hat Ihr Sport schon gemacht, oder?

Es war ein Auf und Ab. Gewinnen, klar, bedeutet Spaß. Und ich hatte das Glück, bei den New England Patriots mit einem wie Tom Brady zu spielen, der mich mit zwei Ringen beglückt hat. Deswegen hat sich der Einsatz total gelohnt. Aber wenn man nie gewinnt und trotzdem diesen Raubbau am Körper erlebt, dann bereitet das natürlich nicht ganz so viel Freude.

„What it takes“: Das neue Buch von Sebastian Vollmer und Dominik Hechler, erwerbbar ab dem 31. August für 20 Euro.

Wie stehen Sie zu Schmerzmitteln?

Ein ganz schwieriges Thema. Für mich waren Schmerzmittel weitestgehend tabu. Ich war wahrscheinlich einer der wenigen, der den Ärzten gesagt hat, dass sie mir keine 80 Pillen geben sollen, wenn etwas wehgetan hat. Darauf achte ich heute noch. Dein Körper ist dein Tempel. Es gibt aber auch andere Beispiele.

Nun nach ihrer aktiven Karriere, sind Sie glücklich?

Ja, absolut. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch. Ich habe eine Frau und drei wundervolle Kinder, wir leben in Florida, das ist ein Privileg, das ich sehr genieße.

Zum Abschluss eine Frage zum Sport, bald beginnt die NFL-Saison: Schafft es Ihr Kumpel Brady mit den Tampa Bay Buccaneers den Titel zu verteidigen?

Nicht nur weil ich Tom-Brady-Fan bin, auch sachlich betrachtet, sind sie für mich Titelanwärter Nummer eins. Sie haben ihr System noch mehr verinnerlicht. Generell rechne ich mit einer tollen Saison. Die Fans sind zurück in den Stadien, durch diese Energie spielt man noch besser.

Interview: Daniel Schmitt

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