Radsport

Sturzflut auf Ziegenpfad

Verletzte deutsche Tour-Hoffnungen: Radprofi Schachmann erleidet Schlüsselbeinbruch, Buchmann kommt mit Schürfwunden davon

Der belgische Wunderknabe Remco Evenepoel flog in der Lombardei kopfüber von einer Brücke, Maximilian Schachmann wurde von einem Auto über den Haufen gefahren, Emanuel Buchmann landete nach einem Massencrash bei der Tour-Generalprobe im Krankenhaus: Zehn Tage nach dem Unfall von Fabio Jakobsen erschüttern erneut schlimme Stürze den Radsport. Der erste Profisieg von Buchmann-Helfer Lennard Kämna bei der Dauphiné geriet da in den Hintergrund.

„Durch Emus Sturz ist das ein bittersüßer Erfolg für mich. Ich hoffe, dass er okay ist – wir brauchen ihn für die Tour“, sagte Kämna, der bei der schweren Bergankunft in Megeve für seinen Kapitän Buchmann in die Bresche sprang und als Solist triumphierte. Buchmann war nach 29 Kilometern bei der grenzwertigen Abfahrt vom Col de Plain Bois gestürzt und musste aufgeben. Im Krankenhaus gab es für die deutsche Tour-Hoffnung jedoch Entwarnung: Nichts gebrochen, nur Hämatome und Schürfwunden.

Bei der Tour (ab 29. August) muss Buchmann aber eventuell auf einen Tophelfer verzichten: Der zuletzt bärenstarke Schachmann erlitt bei der Lombardei-Rundfahrt einen Schlüsselbeinbruch. „Zum Glück ist es nur das Schlüsselbein. Es gibt Tage, an denen hat man sein Schicksal nicht selbst in der Hand“, sagte Schachmann mit Blick auf Sicherheitsmängel bei dem Traditionsrennen. Eine Autofahrerin war kurz vor dem Ziel vor Schachmann auf die Strecke gefahren und hatte den Berliner abgeräumt. Schachmann quälte sich schimpfend und als Siebter ins Ziel, die Polizei ermittelt. „Wir schauen jetzt mal die nächsten zwei Tage, wie er mit der Verletzung klarkommt. Aber es ist richtig: Die Tour ist für Maximilian in großer Gefahr“, sagte Ralph Denk, Teammanager von Bora-hansgrohe.

Evenepoel fällt in Schlucht

Noch schlimmer erwischte es Senkrechtstarter Evenepoel, dem bei seinem lebensgefährlichen Abflug alle Schutzengel beistanden. Der 20-Jährige rammte auf der tückischen Abfahrt den ungesicherten Vorsprung einer Brückenmauer und stürzte fast zehn Meter tief in eine Schlucht. Nach bangen Minuten wurde Evenepoel geborgen – mit einem Beckenbruch kam er noch glimpflich und vor allem lebendig davon.

„Remco hat sich bei mir entschuldigt. Ich sagte: Halt die Klappe! Du bist am Leben, nur das zählt“, sagte Quick-Step-Teamchef Patrick Lefevere: „Ich habe mehrmals dem Weltverband klarmachen wollen, dass solche Abfahrten nicht möglich sind, aber nichts ändert sich.“ Der Schock nach dem Drama um Jakobsen, der bei der Polen-Rundfahrt in die Absperrung geknallt war und schwerstverletzt überlebte, setzt Lefevere zu: „Wir hätten zwei tote Fahrer haben können, da denkst du nicht über Rennen und Siege nach.“

Die Geschehnisse der Lombardei-Rundfahrt und der Dauphiné lassen alle Alarmglocken schrillen. Bei der Abfahrt, die Buchmann zum Verhängnis wurde, stürzte auch Jumbo-Visma-Star Steven Kruijswijk, wenig später erwischte es seinen Kapitän Primoz Roglic. Kruijswijk gab mit ausgekugelter Schulter auf, Tour-Favorit Roglic trat trotz Gesamtführung am Sonntag nicht an – hinter ihren Tour-Plänen stehen Fragezeichen. „Die Abfahrt war lebensgefährlich, ein Ziegenpfad mit Schotter. Eine Schande, dass so etwas im modernen Radsport möglich ist“, so Ex-Giro-Sieger Tom Dumoulin. Tony Martin stellte die drängendste Frage: „Was muss noch alles passieren, bis sich etwas ändert?“ Am Sonntag setzten die Fahrer durch, dass die ersten abschüssigen zehn Kilometer nicht im Renntempo absolviert werden. (sid/FR)

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